HOMEPAGE



Hamburg

SINNBILD UNSERER ZEIT

Weltpremiere von „Requiem: Fire in the Air of the Earth” von Kyle Abraham beim Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel in Hamburg



Der amerikanische Choreograf Kyle Abraham hat mit Mozarts Requiem als musikalische Basis ein zeitgemäßes Seelenamt auf die Bühne gebracht.


  • „Requiem: Fire in the Air of the Earth” von Kyle Abraham beim Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel in Hamburg Foto © Peter Hönnemann
  • „Requiem: Fire in the Air of the Earth” von Kyle Abraham beim Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel in Hamburg Foto © Peter Hönnemann
  • „Requiem: Fire in the Air of the Earth” von Kyle Abraham beim Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel in Hamburg Foto © Peter Hönnemann
  • „Requiem: Fire in the Air of the Earth” von Kyle Abraham beim Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel in Hamburg Foto © Peter Hönnemann

Wenn sich zu Beginn des Stückes die 10 Tänzer*innen der A.I.M. Company langsam gemeinsam mit dem Rücken zum Publikum über die Bühne bewegen, wird einem schmerzlich bewusst, wie sehr wir die Kultur und den Tanz in den vergangenen Monaten missen mussten. Kaum eine andere Musik wird dieser Stimmung mehr gerecht als Mozarts bewegende Klänge. Kyle Abraham, der 43-jährige US-amerikanische Choreograf, hat dazu eine kongeniale Choreografie geschaffen. Die Tänzer*innen – allesamt in absoluter Hochform – bewegen sich in weißgrundigen, satinglänzenden Kostümen von Giles Deacon (London), die keinen Unterschied machen zwischen Mann und Frau – alle tragen Kleider mit mehr oder weniger gebauschten Röcken oder Tutu. Und sie bewegen sich barfuß so katzenhaft geschmeidig, so feinsinnig, so fließend, als zelebrierten sie ein Hochamt auf das Leben und die Gemeinsamkeit. Dieser Tanz entfaltet – gerade in Kombination mit Mozarts bewegender Musik – einen magischen Sog, der von Anfang an in Bann schlägt. Das Bühnenbild (Dan Scully, New York) tut ein Übriges: eine große Scheibe am Bühnenhintergrund dominiert wie eine riesige Sonne das Geschehen – und erstrahlt in unterschiedlichen Farben und Projektionen.

Und dann der Bruch: stampfende, abgehackte Rhythmen lösen Mozarts bewegende Musik ab, die Bühne wechselt die Farben, der Sonnenspiegel bewegt sich langsam nach unten, dann wieder nach oben, in der Mitte eine nicht näher erkennbare Projektion aus verlaufenden Schlieren. Und so entwickelt sich diese eher ruhige und getragene Choreografie dann doch zu einer wilderen Form, die elektronischen Rhythmen lösen den getragenen Mozart ab, was dem Ganzen leider weniger guttut. Denn damit geht diese Magie verloren, der spannungsreiche Kontrast zwischen dem modernen Tanz und der klassischen Musik. JLIN, die für die Komposition der Tracks verantwortlich zeichnet, verwendet immer wieder Themen aus Mozarts Musik, verzerrt und zerhackt diese dann aber, so dass kaum noch etwas Erkennbares übrigbleibt. Und so dominieren eher die Irritationen durch die Musik das Geschehen als der Tanz, und es macht sich – auch durch die Redundanz der Bewegungsabläufe – eine gewisse Beliebigkeit breit.

Und doch bleibt etwas erhalten von der Magie, weil Kyle Abraham einen immer wieder wechselnden Reigen von Begegnungen entwickelt, ein Kommen und Gehen, ein Miteinander und Gegeneinander, das immer wieder gut ist für neue Bilder und Überraschungen. „Fire in the Air of the Earth“ thematisiert all das, was uns heute erschüttert: die riesigen Brände, die Corona-Krise, den Rassismus, die Entfremdung der Menschen voneinander und von ihren Ursprüngen, aber auch die Möglichkeiten und Chancen, die sich in jeder Krise verbergen, und die es aufzudecken und umzusetzen gilt.

Und so erscheint es wie eine Erlösung aus den oft schmerzlich bedrängenden Klängen der elektronischen Verzerrungen, als kurz vor Schluss dann noch einmal das „Benedictus“ aus dem Original von Mozart erklingt. In der „Sonne“ erscheint ein Mädchen, dessen Haartracht zufällig aussieht wie das Corona-Virus, Menschen, die sich sammeln und wieder weggehen. Auch das ein Sinnbild unserer Zeit.

Veröffentlicht am 26.08.2021, von Annette Bopp in Homepage, Gallery, Kritiken 2021/2022

Dieser Artikel wurde 285 mal angesehen.



Kommentare zu "Sinnbild unserer Zeit"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    LETZTE BEITRÄGE 'TANZ IM TEXT'


    BALLETTDIREKTOR DER PARISER OPER BENJAMIN MILLEPIED CHOREOGRAPHIERT „DER NUSSKNACKER“ AM BALLETT DORTMUND

    Premiere am Sonntag, 18. Oktober 2015, im Opernhaus Dortmund
    Veröffentlicht am 26.09.2015, von Pressetext


    STILLER PULS

    Das neue schwere reiter eröffnet mit Stephan Herwigs „The Lovers“
    Veröffentlicht am 25.09.2021, von Peter Sampel


    GIPFELTREFFEN

    Livestream des Triple Bills „Tänze Bilder Sinfonien“ beim Wiener Staatsballett
    Veröffentlicht am 25.09.2021, von Anna Beke



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    ECTOPIA

    Choreographie Richard Siegal 2021, aufgeführt mit SHOOTING INTO THE CORNER (2008-09) von Anish Kapoor

    Seit 2015 bringt das Tanztheater neben Stücken aus dem Repertoire von Pina Bausch auch Kreationen verschiedener Gastchoreograph*innen auf die Bühne.

    Veröffentlicht am 16.09.2021, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    INTENDANTENWILLKÜR AUCH IN MAGDEBURG

    Vermutlich baldiges Ende für Gonzalo Galguera in Magdeburg
    Veröffentlicht am 30.04.2021, von Volkmar Draeger


    ZUSAMMENARBEIT

    Staatliche Ballett- und Artistikschule Berlin und Staatsballett Berlin schließen Kooperationsvertrag
    Veröffentlicht am 10.07.2021, von Pressetext


    EIN SCHWERER VERLUST

    Ismael Ivo ist gestorben
    Veröffentlicht am 09.04.2021, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    „DAMALS LEBTE ICH NOCH IM PRÄSENS“

    Skoronel Reloaded/Judith Kuckart: „Die Erde ist gewaltig schön, doch sicher ist sie nicht“ in der „Wartburg“ Wiesbaden

    Veröffentlicht am 20.09.2021, von Gastbeitrag


    KINDERBRILLE AUFSETZEN!

    Tanzplan veröffentlicht "Tanzkind" von Andrea Simon und Achim Reissner

    Veröffentlicht am 17.08.2021, von Sabine Kippenberg


    AUSZEICHNUNGEN FÜR IVAN LIŠKA UND JIŘI KYLIÁN

    Die Republik Tschechien ehrt verdiente Choreografen.

    Veröffentlicht am 18.09.2021, von Pressetext


    VORWÜRFE GEGEN TANZDIREKTORIN

    Eine Compliance-Kommission prüft Vorwürfe von Tänzer*innen gegen Mei Hong Lin am Landestheater Linz.

    Veröffentlicht am 17.09.2021, von tanznetz.de Redaktion


    „TO SEE, TO HEAR, TO KISS, TO TOUCH, TO DIE …“

    Theater- und Tanz-Performance über Elisabeth I. von England von Angelika Neumann und Krisztina Horvàth im Haus Eden in Lübeck

    Veröffentlicht am 22.09.2021, von Renate Killmann



    BEI UNS IM SHOP