KRITIKEN 2003/2004



Berlin

ECHT KUBANISCHES TEMPERAMENT

„Lady Salsa“ elektrisiert im Berliner Schiller-Theater


Salsa sei die fröhlichste Musik der Welt, behaupten Eingeweihte. Wie recht sie damit haben, beweist ein vor Lebensfreude nur so sprühender Abend im Schiller-Theater. „Lady Salsa“ erzählt dort zwei pralle Stunden lang die Geschichte einer fiktiven Figur, die sich aus der Vita zweier realer Personen speist. Beide, Pastora und Hilda, konnten als Farbige erst im nachrevolutionären Kuba Karriere machen, beiden gelang so der Sprung von der Putzfrau im berühmten Cabaret „Tropicana“ zur gefeierten Sängerin, Schauspielerin, Tänzerin. Und auch Trinidad Rolando Portocarero, betagte Interpretin der Titelgestalt, hat eine ähnlich bewegende Vergangenheit. Ihr Großvater wurde als Sklave auf die Zuckerrohrinsel deportiert, ihr Vater kämpfte gemeinsam mit dem Nationalhelden José Martí gegen die spanischen Unterdrücker, die spanische Mutter starb bei Trinidads Geburt. Im Havanna der Batista-Diktatur erlebte das junge Mädchen die Machenschaften der Mafia, arbeitete nach Castros Sieg gemeinsam mit Che Guevara im Wirtschaftsministerium. Er war es auch, der sie zu einer künstlerischen Laufbahn ermunterte. „Gracias a Che“, verbeugt sie sich gegen Ende der Show vor Konterfeis des legendären Revolutionärs. Kubas Historie in unterhaltsamer Form aufzubereiten, hat sich das Team um den englischen Regisseur Toby Gough auf die Fahne geschrieben. Die Flagge der unbeugsamen Karibikrepublik schwebt denn auch als bühnenbreite Hintergrunddekoration über der Szene. Auf einem Podest darunter haben die Band Azúcar und vier vulkanische Sängerinnen ihren Platz. Sie wie alle übrigen Mitwirkenden, von den 15 Tänzerinnen und Tänzern bis zu den Choreografen, kommen selbstredend aus Kuba. Was die zwei Akte mit insgesamt 28 Bildern in einer etwas dürftigen Dramaturgie an Historie vermitteln, sollte man nicht am Geschichtslehrbuch messen. Sklavenalltag und Claves-Rhythmen, musikalische Wurzeln und politische Zeitenläufte, Batistas Flucht und Castros Triumph schimmern im mildernden Licht der Revue auf. Was den Abend dennoch unwiderstehlich macht, sind Trinidas berührende, da authentische Moderation, die höchst entzündliche Musikmischung aus Rumba, Mambo, Cha Cha Cha, Son und der überbordenden Salsa sowie jene typisch kubanische Leichtigkeit des Seins, die alle Lebenslagen überstehen hilft. Die Solisten Haikal und Joel, zwei gertenschlanke, feurig virtuose Tanzathleten mit atemberaubendem Beckentremolo und akrobatischem Furor, wären in Europa Superstars. Im Tanz lebt sich das wahre Kuba aus, und wenn im hinreißenden Conga-Finale der gesamte Saal klatscht, singt, tanzt, dann ist die deutsche Hauptstadt endlich und im besten Sinn reif für die Insel.

Veröffentlicht am 19.08.2004, von Volkmar Draeger in Kritiken 2003/2004

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Kommentare zu "Echt kubanisches Temperament"



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