HOMEPAGE



Regensburg

DER TOD IST SPÜRBAR

Yuki Mori und Fabien Prioville präsentieren Ballett-Uraufführungen im Velodrom



"Der Tod und das Mädchen" von Yuki Mori und "Les petites choses qui disparaissent" mit dem Thema Kontraste von Fabien Prioville sind in Regensburg zu sehen.


  • "Der Tod und das Mädchen" von Yuki Mori Foto © Jochen Klenk
  • "Der Tod und das Mädchen" von Yuki Mori Foto © Jochen Klenk
  • "Les petites choses qui disparaissent" von Fabien Prioville Foto © Jochen Klenk

Alles in Schwarz, vernebelt, pulsierende Herzfrequenz, lauter Atmen, der Tod ist spürbar. Das Mädchen kämpft dagegen, in blitzschnellen Bewegungen, abrupten Drehungen, verzweifelter Gestik. Lautlos fällt sie zu Boden und bäumt sich wieder. Im Spiegel ein Tänzer, der ihre Bewegungen dupliziert. Der Tod nähert sich. Der Agonie folgt durch Lichtwechsel noch einmal das Leben in den Erinnerungen. Durch neun verspiegelte Türen, die sich zu raffinierten, inneren Erlebnisräumen formieren, kommen ebenso viele Tänzerinnen und Tänzer, eröffnen in mitreißender energetischer Tanzenergetik die liebevollen Erinnerungen des Mädchens und agieren gleichzeitig als Boten des Todes. Mit einem riesigen schwarzen Tuch überschatten sie das Mädchen. Sie wirbelt darin herum wie in einem Strudel und dreht sich heraus mit offenen Armen, wieder dem Leben entgegen. Die Oberteile der Kostüme strahlen nun in Blau, Grün, Kupfer. Das Leben funkelt in liebevollen Umarmungen, zärtlichen Drehungen, in immer neuen Tanzbewegungen pulst das Leben als Miteinander in rasantem Tempo, absolut im elektrisierenden Rhythmus aus Schuberts Streicherquartett „Der Tod und das Mädchen“ collagiert mit Musik von O´Halloran, Bosso, Arnalds, Einaudi und Richter.

Die Erinnerungen an lieb gewonnene Menschen geben dem Mädchen die Kraft selbst die Türen zu öffnen. Die Leere dahinter machen sie neugierig. Sie wagt den Schritt ins Nichts und verschwindet in goldenen Lichtrausch. In großartigen Bildern entwickelt Yuki Mori „Der Tod und das Mädchen“ als philosophisch stringentes Tanzstück. Es ist ein Meisterwerk, in dem jedes Detail stimmt, vom Ensemble, allen voran von Rei Okunishi nicht nur ausdrucksstark, in ihrer spezifischen Körpersprache getanzt, sondern regelrecht gelebt. Yuki Mori choreografiert Szenen, die unter die Haut gehen, deren magische Kraft und Farbsymbolik an traumatische Welten Haruki Murakamis denken lassen.

Ganz anders arbeitet Fabian Prioville. Stark geprägt von seinen Erfahrungen als Tänzer bei Pina Bausch präsentiert er in Zusammenarbeit mit dem Ensemble unter dem Rahmenthema „Kontraste“ Tanzszenen über „die kleinen Dinge, die verschwinden“ ganz im Stil des Wuppertaler Tanztheater. Die Bühne (Monika Frenz) wird zuerst leer geräumt, die Kostüme (Louise Flanagan) bleiben, nur etwas alltäglicher, im Trend der Zeit zerschlissener. Die Tänzer kriechen herein, einer balanciert oben, sozusagen als programmatischer Unterbau, nur wenn alle zusammen helfen, kann der Einzelne brillieren. Unterschiedlichste Szenen reihen sich wie Kurzgeschichten aneinander, enden mit oder ohne Pointen mit Schwerpunkt auf pantomimischer, clownesker und theatraler Darstellung. Und was geht verloren? Die Spur führt entlang der Rollenemanzipation. Was verliert die Frau, eingehüllt im Himmelblau einer Ehe? Andererseits, wo findet die Frau Schutz, wenn man ihr den häuslichen Tisch nimmt. Wer trägt in der homosexuellen Beziehung den Rock als Symbol der Weiblichkeit? Wo bleibt in der Vermassung die eigene Identität? Was geht verloren, wenn die Zunge zur noch zum überzogenen Disputieren benutzt wird? Das ist teilweise durchaus amüsant dargestellt und beweist, dass das Regensburger Ensemble auch diese Version des Tanztheaters als Performance beherrscht und hier die Individualität der einzelnen Tänzer in den Vordergrund stellt.

Jubel gab es für beide Choreografien, ganz besonders für Yuki Mori, der nach dieser Spielzeit das Regensburger Theater verlassen wird. Mit „Der Tod und das Mädchen“ schenkt er dem Ensemble und dem Publikum einen grandiosen Abschluss.

Veröffentlicht am 10.11.2018, von Michaela.Schabel in Homepage, Kritiken 2018/2019

Dieser Artikel wurde 1014 mal angesehen.



Kommentare zu "Der Tod ist spürbar"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    DAS HARAKIRI DES VERFÜHRERS

    Uraufführung im Theater Regensburg

    Mit Yuki Moris letztem Tanzabend „Gefährliche Liebschaften“ erlebte das Regensburger Publikum einen berauschenden Tanzabend, dessen Premiere dennoch beinahe ins Wasser gefallen wäre.

    Veröffentlicht am 18.02.2019, von Michael Scheiner


    ABSCHIED

    Yuki Mori verlässt das Theater Regensburg

    Nach sieben gemeinsamen Jahren wird Yuki Mori, Chefchoreograph und künstlerischer Leiter der Sparte Tanz, das Theater Regensburg aus privaten Gründen verlassen.

    Veröffentlicht am 15.10.2018, von Pressetext


    TÖDLICHES AUßENSEITERTUM

    Tanzpremiere im Mannheimer Nationaltheater: „Carmen“ von Yuki Mori

    Yuko Mori hat sich für diesen Abend viel vorgenommen: ihn treibt die Frage, was es bedeutet am Rand der Gesellschaft zu stehen.

    Veröffentlicht am 19.03.2018, von Isabelle von Neumann-Cosel


    FEEN-WELTEN UND DIE WUCHT HUMANER TRIEBE

    Mit „Shakespeare Dreams“ gestalten Regensburgs Tanzchef Yuki Mori und Alessio Burani einen temporeichen Tanzabend

    Yuki Mori, Chefchoreograf am Regensburger Theater hat sich die unauflösliche Disposition des Gegensätzlichen von Himmel und Hölle für den Tanzabend „Shakespeare Dreams“ zu eigen gemacht

    Veröffentlicht am 03.11.2017, von Michael Scheiner


    WIE DIE ZEIT VERRINNT

    Regensburg-Mannheimer Mix beim neuen Tanzabend „Hello Surprise“ am Nationaltheater Mannheim

    „Sweet Shadow“ von Stephan Thoss und „Loops“ von Yuki Mori gestalten einen abwechslungsreichen wenn auch nicht ganz überzeugenden Tanzabend.

    Veröffentlicht am 19.05.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel


    EINE TRAGÖDIE AUF DER GANZEN LINIE, ABER MIT GEFÜHL

    Pick bloggt über Yuki Moris „Les Enfants Terribles“ am Theater Regensburg

    Es lebe die so oft gescholtene Provinz, in die man sich öfter verirren sollte, rät Günter Pick.

    Veröffentlicht am 16.03.2017, von Günter Pick


    DER TELEFONHÖRER IM AQUARIUM

    "Loops" am Regensburger Stadttheater

    Im Velodrom machen zwei Uraufführungen von Giuseppe Spota und Yuki Mori den Tanzabend "Loops" zu einem großartigen Erlebnis. Die beiden Choreografen spielen mit ausdrucksstarken Bildern zum Thema Zeit.

    Veröffentlicht am 09.11.2016, von Michael Scheiner


    LEICHTFÜßIGER BLICK ÜBER DIE SCHULTER

    Der Tanzabend „Bolero“ am Theater Regensburg zeigt zwei Uraufführungen

    Mit „Marina“ von Ihsan Rustem und „Bolero“ von Yuki Mori werden zwei gegensätzliche Uraufführungen zu einem Abend verbunden - ein verdienter Erfolg im ausverkauften Theater Regensburg.

    Veröffentlicht am 14.02.2016, von Michael Scheiner


    VOM JAPANISCHEN SCHNEEHUHN BIS ZUM DICKICHT DER STÄDTE.

    Ein dichtes, hochkarätiges Programm begeistert das Publikum bei der Aids-Tanzgala im voll besetzten Velodrom.

    Einen tänzerisch abwechslungsreichen und glanzvollen Abend bot diese Tanzgala. Der Schirmherr glänzte allerdings durch Abwesenheit.

    Veröffentlicht am 11.11.2015, von Michael Scheiner


     

    AKTUELLE KRITIKEN


    MÜNCHEN IM TANZFIEBER

    Vom Minifestival „depARTures“ weiter zur Ballettfestwoche, die das Bayerische Staatsballett sensationell mit „Jewels“ von Balanchine eröffnet.
    Veröffentlicht am 17.04.2019, von Vesna Mlakar


    FLUSS UND RHYTHMUS DES LEBENS

    Uraufführung im Großen Haus des Oldenburgischen Staatstheaters
    Veröffentlicht am 16.04.2019, von Martina Burandt


    GENDER-UTOPIEN

    „Kylián/Goecke/Montero“ in Nürnberg
    Veröffentlicht am 15.04.2019, von Alexandra Karabelas



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    VOM FINDEN EINER NEUEN KÜNSTLERISCHEN HEIMAT

    Tanzabend „Muttersprache“ ab dem 13. April im Großen Haus des Mainfranken Theaters Würzburg

    Ballettdirektorin Dominique Dumais nähert sich gemeinsam mit der Tanzcompagnie des Mainfranken Theaters in „Muttersprache“ dem Spielzeitthema „Heimat“ auf sehr persönliche Weise.

    Veröffentlicht am 08.04.2019, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    ENGAGEMENT VERLOREN

    Sergei Polunin nicht mehr im "Schwanensee" an der Pariser Oper
    Veröffentlicht am 15.01.2019, von tanznetz.de Redaktion


    RAUSCHEN VON SASHA WALTZ & GUESTS

    Uraufführung am 7. März 2019 in der Volksbühne Berlin
    Veröffentlicht am 01.02.2019, von Anzeige


    HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!

    Der Primaballerina Lynn Seymour zum 80. Geburtstag
    Veröffentlicht am 06.03.2019, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    DER MENSCH AUF EINER REISE INS UNGEWISSE

    "Mozartrequiem" als Ballett von Can Arslan mit Musik von Wolfgang Amadeus Mozart

    Veröffentlicht am 29.03.2019, von Herbert Henning


    ABSAGE AN DEN URBANEN TANZ

    Zekai Fenerci, Geschäftsführer und künstlerischer Leiter von Pottporus e.V. / Renegade wehrt sich öffentlich gegen Nicht-Förderung

    Veröffentlicht am 23.03.2019, von Pressetext


    RAUM, KLANG, TANZ

    Initiation der Elbphilharmonie-Foyers mit Sasha Waltz & Guests' „Figure Humaine“

    Veröffentlicht am 02.01.2017, von Annette Bopp


    MISSHANDLUNGEN AN DER BALLETTSCHULE DER WIENER STAATSOPER?

    Die Ballettakademie sieht sich mit schweren Vorwürfen konfrontiert

    Veröffentlicht am 11.04.2019, von tanznetz.de Redaktion


    ERSTE SCHRITTE UND GRAND JETÉS IN ALLER VIELFALT

    Frühlings-Matinee der Heinz-Bosl-Stiftung

    Veröffentlicht am 13.04.2019, von Sabine Kippenberg



    BEI UNS IM SHOP