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Basel

BETÖREND UND AUCH VERSTÖREND

Das Ballett Theater Basel begeistert mit Werken von Itzik Galili und Hofesh Shechter



Unter dem Sammeltitel „Object Present“ hatten im Basler Schauspielhaus „Romance Inverse“ (Galili) und „Violet Kid“ (Shechter) Premiere. Zwei mitreissende Schweizer Erstaufführungen, bei denen nur die Titel rätselhaft blieben.


  • „Romance Inverse“ ( Itzik Galili): Armando Braswell und Andrea Tortosa Vidal Foto © Ismael Lorenzo
  • „Romance Inverse“ ( Itzik Galili): Armando Braswell und Andrea Tortosa Vidal Foto © Ismael Lorenzo
  • „Romance Inverse“ ( Itzik Galili): Armando Braswell und Andrea Tortosa Vidal Foto © Ismael Lorenzo
  • „Romance Inverse“ ( Itzik Galili): Ensemble Ballett Basel Foto © Ismael Lorenzo
  • „Violet Kid“ (Hofech Shechter): Ensemble Basel Ballett Foto © Ismael Lorenzo
  • „Violet Kid“ (Hofech Shechter): Ensemble Basel Ballett Foto © Ismael Lorenzo
  • „Violet Kid“ (Hofech Shechter): Ensemble Basel Ballett Foto © Ismael Lorenzo

Wieder einmal fragt man sich: Wie schaffen die das? 35 Minuten lang bewegen sich die Tänzer und Tänzerinnen mit völlig präzisem Körpereinsatz in Itzik Galilis „Romance Inverse“ – trotz der manisch fließenden Minimal-Musik von Steve Reich (Six Marimbas) und den ähnlich repetitiven Klängen der Percussion-Group Percossa (OR). Sie verpassen keinen Einsatz, scheinen nie vom Tanzgedächtnis verlassen zu werden und schaffen es sogar in den synchron getanzten Szenen, sich makellos einheitlich zu präsentieren.

Galilis „Romance Inverse“ ist ein physisch sehr forderndes Stück: Modern und Contemporary Dance mit asiatischem Einschlag, Kraftakte, irres Tempo. Im ersten Teil zirkulieren fünf Männer in schwarzen Hosenröcken, die Oberkörper nackt, zwischen fünf schwarz-weissen, von Statisten herum geschobenen Schiebewänden hindurch, ohne sich je zu berühren. Im zweiten Teil sind es dann je fünf Tänzerinnen und Tänzer in grauen Salopp-Pullis, die sich einzeln, in Paaren oder wechselnden Gruppen voneinander weg und aufeinander zu bewegen – neugierig, energisch, meist ohne erotischen Touch, aber echt betörend. Ein mobiler Kubus mit Scheinwerfern setzt sie jeweils ins richtige Licht. (Bühne Janco von Barneveld, Kostüme Natasja Lansen, Lich Yaron Abulafia.)

Galilis "Romance Inverse", kreiert 2010, ist eine Schweizer Erstaufführung. Gleiches gilt für Hofesh Shechters „Violet Kid“, entstanden 2011. Die beiden Choreografen und früheren Tänzer, heute 55 und 41 Jahre alt, sind beide in Israel aufgewachsen, haben nolens volens den dortigen Militärdienst absolviert. Sie tanzten in der Batsheva Dance Company in Tel Aviv, dem bis heute prominentesten israelischen Ensemble – Galili noch unter Robert Cohan, Shechter unter Ohad Naharin. Von ihnen wurden sie auch zu ersten Choreografien animiert. Trotzdem brachen sie aus ihrer Heimat aus und verlagerten ihre Schwerpunkte nach Europa. Galili lebt heute in den Niederlanden, Shechter in England.

Einleuchtend, dass die beiden Choreografen einen ähnlichen Tanzstil haben, zumindest in den in Basel präsentierten Stücken: Ausdauernd, athletisch, mit expressiven Körperbewegungen. Ja, und auch etwas machohaft. Die Füsse sind nackt oder stecken in Socken. Die Musik klingt ab Tonträger.

Atmosphärisch dagegen sind die beiden Stücke sehr unterschiedlich. Während Galilis „Romance Inverse“ ästhetisch und formal ausgereift wirkt, scheint in Shechters „Violet Kid“ vieles (noch?) ungeklärt. Immer wieder bilden die 14 in Alltagskleidern auftretenden Tanzenden eine Reihe, dann brechen einzelne aus, es drohen Chaos und Anarchie. Die Grundstimmung ist ebenso hypnotisch wie verstörend. Man begegnet faszinierenden Ritualen, aber auch Gewalt, Kampf, Flucht und Verzweiflung. Dabei entwickelt Shechter in seinem Ballett ungewohnte Bewegungsformen, auch Verrenkungen und Hässlichkeiten. Ebenso spannungsvoll ist die von ihm selbst kreierte, vorwiegend elektronisch gestaltete Musikkulisse – schlagzeugbetont und oft repetitiv wie in Galilis Stück, aber zusätzlich mit Sprachfetzen durchsetzt. Oft wird der Ton so laut, dass dem Publikum zum Voraus Hörpfropfen angeboten werden! Etwas frustrierend die Lichtregie: Nebelschwaden hindern einen daran, die Gesichter der Tanzenden klar zu erkennen. (Shechter zeichnet auch für Licht und Kostüme verantwortlich.)

In beiden Stücken sind die Tanzenden vorbehaltlos zu bewundern – in ihrer Leidenschaft, Präsenz und Körperbeherrschung. Sie bewegen sich so überzeugend, als hätten sie nie einen andern Stil gekannt als den der beiden Israelis. Dabei haben sie in der laufenden Spielzeit auch in ganz anders gelagerten Balletten getanzt – so anlässlich der 15-Jahrfeier für Richard Wherlock, in dessen Choreografie „Tewje“ oder in Alejandro Cerrudos „Sleeping Beauty“.

Das Premieren-Publikum war begeistert, von Galilis betörendem Werk „Romance Inverse“ ebenso wie von Shechters oft verstörendem „Violet Kid“.

Premiere 20.Mai, Schauspielhaus Basel. Weitere Aufführungen: www.theater-basel.ch

Veröffentlicht am 25.05.2016, von Marlies Strech in Homepage, Kritiken 2015/2016

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Kommentare zu "Betörend und auch verstörend"



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