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Münster

VOM GARTEN EDEN NACH SODOM UND GOMORRAH

Hans Henning Paars neuer Abend "Homo sacer / Sacre" in Münster



„Das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang“. So pessimistisch urteilte Rainer Maria Rilke über das Leben. Der neue Tanzabend in Münster zeigt beides: Licht und Schatten, gut und böse - Paradies und Hölle.


  • "Homo Sacer / Sacre", Ensemble Foto © Oliver Berg
  • "Homo Sacer / Sacre", v.l. Mirko De Campi, Elizabeth Towles, Jason Franklin Foto © Oliver Berg
  • "Homo Sacer / Sacre", Ensemble Foto © Oliver Berg

Heilig ist der Mensch, wenn er nackt und bloß auf die Welt kommt. Heil ist er (meist), ja göttlich vollkommen sogar, meinte man früher, am Anfang des Lebensweges. Dieser ‚homo sacer’ steht im ersten Teil des Programms auf der Bühne: ein Dutzend Tänzerinnen und Tänzer in fleischfarbenen Trikots bilden ein regloses Tableau inmitten des Weltalls. Drei schwebende Ringe deuten das Firmament an. Einojuhani Rautavaaras ätherisch schöner, getragener Satz „Come un sogno“ (Wie ein Traum) aus der 7. Sinfonie „Angel of Light“ bildet die kongeniale musikalische Untermalung zu den folgenden Tanzszenen, die vorwiegend im Zeitlupentempo wie in Trance getanzt werden. Hohe technische Qualitäten zeigen Mirko De Campi, Jason Franklin und Elizabeth Towles in einem langen Pas de trois zu Ausschnitten aus Lepo Sumeras Sinfonie für Schlagwerk und Streicher. Da erinnern Paukenschläge schon an die tickende Uhr in der Zeitbombe... Vorzüglich tanzen danach die Japanerin Ako Nakanome und der dunkelhäutige Keelan Whitmore ein Duett in diffusem Nebel auf Rautavaaras „Notturno“. Auch in dem abschließenden Ensemble zu Sumeras „Musica profana“ macht sich der elegante Amerikaner vorteilhaft bemerkbar. Das Stück „Homo sacer“, das Münsters Tanzchef in Zusammenarbeit mit dem Ensemble choreografierte, besticht durch Bilder voller Harmonie und Reinheit, wird zum Genuss nicht zuletzt durch bisher nie gewagte Modern Dance Technik.

Auch Paars „Sacre“ profitiert davon und schließt doch viel mehr an seine bisherigen Stücke an, die sich meist kritisch bis drastisch im Heute bewegen. Der versierte Musik- oder Tanzliebhaber sollte sich also tunlichst von dem heidnischen russischen Märchen vom „Frühlingsopfer“ verabschieden, das Vaslav Nijinsky für die Ballets Russes auf Igor Strawinskys Libretto und Komposition in der skandalträchtigen Pariser Uraufführung 1913 choreografierte. Noch vor ein paar Jahren hätte auch Paar ziemlich sicher in einer biederen deutschen Stadt pikierte bis eiskalte Reaktionen erlebt - jetzt nicht mehr.

Wenn der Vorhang sich hebt, stehen sechs hochgestylte Paare in schwarzer Partygarderobe zum Tableau erstarrt auf der Bühne. Man beginnt zu tanzen. Immer handgreiflicher, lüsterner, frivoler, ordinärer outen sich Männer wie Frauen. Vom Garten Eden hat sich der ‚homo sapiens’ - längst nicht mehr heilig - nach Sodom und Gomorrah verirrt. Die Orgie wächst sich zum Chaos aus. Im peitschend motorischen Rhythmus von Strawinskys Musik vereinen sich alle zum letzten, kriegerischen Diskotanz. Dann fallen glitzernde Flitter wie Schneeflocken vom Schnürboden. Gasnebel wabern hinter der Tanzfläche. Nackte Menschen robben in panischer Todesangst durch den Raum, andere taumeln und straucheln, sacken tot zusammen. Die Reinheit des antiken nackten ‚homo sacer’ ist zur Schutzlosigkeit des nackten Opfers willkürlicher Gewalt unserer Tage mutiert.

Das Sinfonieorchester Münster wächst unter der Leitung seines Ersten Kapellmeisters Stefan Veselka über sich hinaus.

Keine Frage: Hans Henning Paars Wechsel mit Intendant Ulrich Peters von München nach Münster hat sich gelohnt - für das Publikum allemal. Es dankte bei der Premiere mit minutenlangen stehenden Ovationen.

Veröffentlicht am 24.01.2016, von Marieluise Jeitschko in Homepage, Kritiken 2015/2016

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Kommentare zu "Vom Garten Eden nach Sodom und Gomorrah"



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