HOMEPAGE



Berlin

DIALOGISCHE INSTALLATION

Rubato mit „FindeOrte“ im Dock 11



Jeder Körper ist für sich ein Nullpunkt der Welt, der Ort, an dem Wege und Räume sich kreuzen; er hat eine Form und eine Raumausdehnung, besetzt also einen Ort, den man im Spiegel betrachten kann als utopischen Körper.


  • Rubatos "FindeOrte" Foto © Dieter Hartwig
  • Rubatos "FindeOrte" Foto © Dieter Hartwig
  • Rubatos "FindeOrte" Foto © Dieter Hartwig
  • Rubatos "FindeOrte" Foto © Dieter Hartwig
  • Rubatos "FindeOrte" Foto © Dieter Hartwig
  • Rubatos "FindeOrte" Foto © Dieter Hartwig
  • Rubatos "FindeOrte" Foto © Dirk Bleicher

Der Körper kann dem Raum um sich nicht entfliehen. Andrerseits muss das Ich seinen Körperkäfig hinnehmen und in dieser Haut bleiben. Nur an einem utopischen Ort ist man, wie man gesehen werden möchte, als körperloser Körper, mit dem Mythos Seele, die hinwiederum durch Traumwelten spazieren kann. Jeder Körper ist für sich ein Nullpunkt der Welt, der Ort, an dem Wege und Räume sich kreuzen; er hat eine Form und eine Raumausdehnung, besetzt also einen Ort, den man im Spiegel betrachten kann als utopischen Körper. Nur unter den liebenden Händen des Anderen, Streichelnden erlangt der Körper eine reale Existenz. So etwa die Reflexionen des französischen Philosophen Michel Foucault, wie er sie 1966 im gut 20-minütigen Radiokolleg „Der utopische Körper“ anstellte. Jutta Hell und Dieter Baumann, Kern der Berliner Tanzcompagnie Rubato, waren fasziniert, als sie vor kurzem diesem Gedankenexperiment auf einer CD lauschten - und beschlossen spontan, sich dazu tanzend in ein Verhältnis zu setzen. Die überwiegende Diskrepanz zwischen einem utopischen, mithin herbeigewünschten, medial als Maß propagierten Körper und jenem, in dem wir real stecken, plagt allzu viele, ob im eigenen Vergleich mit den verkündeten Idealtypen oder zwischen Jung und Alt.

Nah am Körper empfand das Duo Rubato diesen Text mit seinen verschiedenen Ebenen, auch aus der Perspektive persönlichen Alterns. Und nahm den Ich-reflexiven Exkurs zum Thema eines Duetts als Konfrontation zweier Körper. Erst recherchierten Hell und Baumann unabhängig von der Vorlage nach geeignetem Bewegungsmaterial, merkten jedoch bald, dass es kein Entkommen vom Text gab, er sich widersetzte, sie vor sich her trieb. So wurde rasch klar, dass der Text ins Stück einfließen muss. Als zusätzliche Ebenen wählte Rubato eine der Lesung aus dem Off verwobene Musikcollage sowie Videoaufnahmen von fast nackten Körpern in ihrer Unterschiedlichkeit, einer Art Prozession von Leibern im Badedress. Sie selbst, Hell und Baumann, sitzen am Beginn ihrer Suche auf Hockern gänzlich nackt, stellen sich dem Zuschauer schonungslos in ihrem Sosein aus. Nacktheit sei hier aber, sagen sie übereinstimmend, nicht provokant gemeint, was es inzwischen eh nicht mehr sei. Vielmehr seien Hell und Baumann die zwei Prototypen, die von dem Defilee übrigbleiben, sich in einer gewissen Stellvertreterfunktion befinden.

Im zweiten Teil des Duos kleiden sie sich an, agieren mit dem geschützten Körper, der viel eher die Fantasie anregt als der nackte. Wie real unser Körper auch sein mag: Die Sehnsucht nach dem Utopischen, einem Ideal, da sind sich die Rubatos sicher, tragen wir alle in uns. Wo aber diese Orte im Sinne Foucaults liegen könnten, an denen man ist, wie man es sich wünscht, darum geht es eine Stunde in „FindeOrte“.


20.-23.11., Dock 11, Kastanienallee 79, Prenzlauer Berg, Tickettelefon 351 20 312, www.dock11-berlin.de

Veröffentlicht am 20.11.2014, von Volkmar Draeger in Homepage, Themen, Tanz im Text

Dieser Artikel wurde 2398 mal angesehen.



Kommentare zu "Dialogische Installation"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    EIN GESCHENK

    Fotoblog von Dieter Hartwig

    "traces_#62" der Tanzcompagnie Rubato (Dieter Baumann und Jutta Hell) mit Livemusik von Alexander Nickmann in den Uferstudios Studio 14 in Berlin.

    Veröffentlicht am 22.10.2019, von Dieter Hartwig


    „FIGURES IN A LANDSCAPE“

    Ein Fotoblog von Dieter Hartwig

    Der Fotograf Dieter Hartwig berichtet von der Hauptprobe der Tanzcompagnie Rubato in der Gemäldegalerie im Kulturforum Berlin.

    Veröffentlicht am 30.03.2018, von tanznetz.de Redaktion


    TRIEBFEDER ANGST

    Rubatos >flirren< in den Berliner Uferstudios

    So spröde wie konsequent ist, was Jutta Hell ihren Interpreten Mercedes Appugliese, Anja Sielaff, Dieter Baumann, Carlos Osatinsky an Bedrohlichem über unsere Zeit in die willigen Körper gesenkt hat.

    Veröffentlicht am 18.11.2017, von Volkmar Draeger


    BEWEGENDE SPLITTER EINES LEBENS

    Rubato wird 30: „Wiederholung + Differenz“ in den Uferstudios Berlin

    In wechselnder Besetzung und Tänzerzahl sind bislang 55 abendfüllende Stücke entstanden, die Berlins Szene geprägt haben. „Durch Reduktion der tänzerischen Mittel viel herauszufinden“, sagen beide, sei ihr Anliegen.

    Veröffentlicht am 29.09.2015, von Volkmar Draeger


    MONDRIAN UND BAUHAUS IM REICH DER MITTE

    Spannende Doppelpremiere der Tanzcompagnie Rubato im Dock 11

    Da werden sie zu tanzenden Kunstfiguren, belebte abstrakte Studien eines Piet Mondrian mit seinen gegeneinander gesetzten Farbflächen und gleichsam stilisierte Personnage der chinesischen Oper. In diesem unorthodoxen Spannungsfeld bewegt sich doppelten Sinns das gesamte Stück.

    Veröffentlicht am 08.05.2014, von Volkmar Draeger


    GUTE ABSICHTEN – SCHLECHTER TANZ?

    Dass soziale Anliegen nicht immer große Kunst produzieren, zeigt das zweite Drittel von “Tanz im August”

    Veröffentlicht am 29.08.2010, von Frank Weigand


    „LOOK AT ME, I’M CHINESE“

    Eine Produktion von Rubato & Mahjong bei „Tanz im August“

    Veröffentlicht am 23.08.2010, von Volkmar Draeger


     

    LEUTE AKTUELL


    „DER TANZ HAT MICH GEFUNDEN“

    Porträt eines leidenschaftlichen Engagierten für den Tanz in Regensburg
    Veröffentlicht am 09.02.2020, von Michael Scheiner


    BETTINA MASUCH BLEIBT AM TANZHAUS NRW

    Der Vertrag von Bettina Masuch wird um 18 Monate verlängert. Sie bleibt somit bis Ende der Spielzeit 2021/22 Intendantin des Tanzhaus NRW in Düsseldorf.
    Veröffentlicht am 06.02.2020, von tanznetz.de Redaktion


    „WIR MÜSSEN DEN TANZ UNTERS VOLK BRINGEN!“

    Interview mit Eric Gauthier
    Veröffentlicht am 26.01.2020, von Annette Bopp



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    EIN MITTSOMMERNACHTSTRAUM

    Deutsche Erstaufführung von Alexander Ekmans Ballett im Dortmunder Opernhaus

    Die Produktion des Ballett Dortmund ist erst die dritte Aufführungsserie von Ekmans Choreographie nach Stockholm und Chicago. Die Dortmunder Philharmoniker spielen die Musik von Mikael Karlsson.

    Veröffentlicht am 04.02.2020, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    VORWÜRFE GEGEN TANZAUSBILDUNG

    Verdacht auf Missstände an der Staatlichen Ballettschule Berlin
    Veröffentlicht am 25.01.2020, von tanznetz.de Redaktion


    VORZEITIGES ENDE AM STAATSBALLETT BERLIN

    Johannes Öhman und Sasha Waltz beenden ihre Intendanz zum Ende des Jahres
    Veröffentlicht am 22.01.2020, von Pressetext


    TROTZ RENTENKRISE IN HOCHFORM

    Das Ballett der Pariser Oper tanzt "Giselle" im Palais Garnier
    Veröffentlicht am 06.02.2020, von Julia Bührle

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    PRIX DE LAUSANNE VERLIEHEN

    Acht Tänzer*innen wurden mit dem begehrten Preis ausgezeichnet

    Veröffentlicht am 10.02.2020, von tanznetz.de Redaktion


    VORWÜRFE GEGEN TANZAUSBILDUNG

    Verdacht auf Missstände an der Staatlichen Ballettschule Berlin

    Veröffentlicht am 25.01.2020, von tanznetz.de Redaktion


    STERNSTUNDE FÜRS REPERTOIRE

    Ganz große Gefühle: Neumeiers „Die Kameliendame“ am Bayerischen Staatsballett

    Veröffentlicht am 10.02.2020, von Vesna Mlakar


    BETTINA MASUCH BLEIBT AM TANZHAUS NRW

    Der Vertrag von Bettina Masuch wird um 18 Monate verlängert. Sie bleibt somit bis Ende der Spielzeit 2021/22 Intendantin des Tanzhaus NRW in Düsseldorf.

    Veröffentlicht am 06.02.2020, von tanznetz.de Redaktion


    TROTZ RENTENKRISE IN HOCHFORM

    Das Ballett der Pariser Oper tanzt "Giselle" im Palais Garnier

    Veröffentlicht am 06.02.2020, von Julia Bührle



    BEI UNS IM SHOP