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Berlin

KAMPF, ANGST UND GLEICHNISHAFTER SIEG

Das Theater Strahl ehrt die Geschwister Scholl mit Tanztheater für die Jugend



Aus der Kooperation des Berliner Jugendtheaters Strahl mit De Dansers aus Utrecht entsteht eine risikofreudige und absturzgefährdete Inszenierung um das Thema der Weißen Rose.


  • „ROSES – einsam. gemeinsam“ Foto © Jörg Metzner
  • „ROSES – einsam. gemeinsam“
  • „ROSES – einsam. gemeinsam“ Foto © Jörg Metzner

Auf 10:15 Uhr ist die Uhr in jener Turnhalle am Ostkreuz stehen geblieben, die das Theater Strahl seit kurzem als zusätzliche Spielstätte nutzt. Ein Raum noch in rohem Zustand und sichtbar seiner ursprünglichen Nutzung enthoben. Und damit das richtige Umfeld für ein ehrgeiziges Tanztheaterprojekt. Entsprechend der Aufgabenstellung des Theaters wendet es sich an Jugendliche und greift ein Thema auf, das auch von jungen Menschen handelt, dem Mut, in bedrängter Zeit alles zu wagen, und sei es um den Preis des eigenen Lebens.

Im Februar 1943 wurde es ihnen in München durch das Fallbeil genommen, zuerst den Geschwistern Sophie und Hans Scholl, danach weiteren Mitgliedern der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“. Auf mehreren Flugblättern hatten sie europaweit Hitlers Kriegswahnsinn angeprangert und zum Protest aufgerufen, aus einer christlichen, zunehmend humanistischen Grundhaltung. Ihre Zeit blieb an diesem 22. Februar stehen, als die Justiz eines Schandsystems zuschlug. Dass aber die Zeit der Erinnerung an ein solches Maß von Zivilcourage nie vorüber sein wird, dazu tragen Film, Oper, Hörspiel um die „Weiße Rose“ bei. Jetzt auch der Tanz, denn die Uraufführung „ROSES – einsam. gemeinsam“ greift im 70. Todesjahr der Scholls und einiger der Mitstreiter dieses Sujet auf.

Verbunden hat sich das Theater Strahl hierfür mit De Dansers, einem kleinen Ensemble aus Utrecht, das seit gut zwei Dezennien Tanzstücke für Kinder und Jugendliche produziert, bisher über 40 Programme erarbeitet hat und jährlich rund 20.000 Besucher erreicht. Wer Hollands Tanzszene kennt, erwartet freilich keine narrative Produktion, eher ein anregendes Bewegungspuzzle, aus dessen Teilen man sich seine Lesart herausliest. Choreografin Wies Merkx erfüllt genau diese Erwartungen auf hochemotionale Weise. Kein Bühnenbild, außer sieben Tischen als Requisiten nur der Raum, in den hinein sie die Körper der ebenfalls sieben Tänzer wirft.

Mit einer Metapher beginnt der Abend. Für eine Tänzerin wird der Tisch zum umturnten Objekt, schließlich Gefängnis, in das sie sich flüchtet, in dem sie sich verfängt, verklemmt. Einzeln betreten die Anderen das Podium, formieren sich zum Menschengewölk, und schon beginnt eine pausenfreie 60-minütige Tour de force voller Leiberballungen, angstvollem Beklettern, Schaukelgebilden, gar einem Wandergebirge. All dies in nervöser Atmosphäre, permanentem Kampf. Absturzgefährdet sind, die den Klumpen erklimmen, bis er zersplittert.

Physisch rigide und risikofreudig hetzen die Tänzer einander in ständig aufgeheizter Stimmung, bringen sich gegenseitig zu Fall, finden auch zu handelnder Einheit. Gitarre und Klavier begleiten Live-Gesang, der von „Roses“ erzählt, vom Wunsch, ein großer, starker Mensch zu sein. Was die Tänzer indes leisten, hat alle Attribute von Stärke, Dynamik, Energie, ob in den gefährlichen Ansprung- und Hebekaskaden oder den akrobatischen Bodenpassagen.

Was Merkx an fliegenden Verklammerungen mit anschließend hartem Sturz, mit der kontaktimprovisatorischen Weitergabe von Bewegungsimpulsen in stetem Fluss einfiel, ist originell, führt immer wieder zu Körpergliederungen, die sich fortentwickeln und organisch auflösen. Dass die Choreografin mit den Schichten des Raums umzugehen weiß, von der Bodenlage über den Stand bis zum Sprung, bringt zusätzlich Spannung in den Ablauf. Die erzeugen auch die Tänzer, wenn sie Situationen wie Angst, Bedrohung, Enge, Festgehaltenwerden durchleben, sich losreißen, um sich erneut in den Strudel der Gefahr zu werfen. Gegen Ende eskaliert diese Gefahr.

Zwei Tische funktionieren, zusammengeschlagen, als lärmende Guillotine: Wer jeweils noch hindurch will, muss sich eilen. Dennoch verkeilt sich jeder in „seinem“ Tisch-Gefängnis. Das Licht erlischt erst über einem Leiberberg auf einem einzigen Tisch: Die Kraft der Gemeinschaft besiegt letztlich den Tod.
Auf diese gleichnishafte Weise ist das Stück mit dem Schicksal der Scholls verbunden, macht deren Mut, Risiko, auch Tempo der Aktionen über körperliche Hyperaktivität und deren emotionale Aussage sichtbar.

„ROSES – einsam. gemeinsam“ lebt erheblich vom unbedingten Einsatz der drei Tänzerinnen und vier Tänzer. Dass zwei Männer zudem als Live-Musiker agieren, die beiden anderen eigentlich Schauspieler des Theaters Strahl sind, alle per Mikrofon Laute der Qual und der Bedrängnis erzeugen, macht den Abend zu einem gesamtkünstlerischen Gemeinsam-Projekt von großer Eindringlichkeit, ohne jeden agitatorischen Eifer, ganz im Sinn einer unpathetischen Ehrenbezeigung für die Scholls. Stellvertretend für eine überaus motivierte Mannschaft seien Guy Corneille als Gitarrist, Sänger und fulminanter Tänzer, Maartje Pasman als explosive Interpretin, Andreas Schwankl als souverän tanzender Strahl-Schauspieler genannt.

Nochmals nächste Spielzeit, Theater Strahl, Halle Ostkreuz, Marktstr. 9-13, Lichtenberg, Tickettelefon 695 99 222, www.theater-strahl.de

Veröffentlicht am 07.06.2013, von Volkmar Draeger in Homepage, Kritiken 2012/2013, Tanz im Text

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Kommentare zu "Kampf, Angst und gleichnishafter Sieg"



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