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KÖRPER IN SCHIEFLAGE

Die Historikerin Astrid Kusser untersucht die hochkomplexe Geschichte schwarzer Modetänze um 1900



Unser Wissen und unseren Blick für historische, soziologische, ästhetische und mediale Zusammenhänge der Black Atlantic Tänze zu schärfen gelingt „Körper in Schieflage“ beispielhaft, findet Karin Schmidt-Feister


  • Astrid Kusser: Körper in Schieflage. Tanzen im Strudel des Black Atlantic um 1900 Foto © transcript Verlag

Das Cover zeigt zwei schwarze Tänzerinnen mit stark nach hinten gebeugtem Kopf und Oberkörper, lässig angewinkelten Armen und lächelndem Gesicht zum Betrachter (Kopie einer Bildpostkarte von 1903). Diese ´Körper in Schieflage´ – massenhaft auf Postkarten, in Karikaturen und diversen Abbildungen sowie Reiseberichten präsent – wurden zur Ikone des Cakewalk, dem ersten schwarzen Modetanz des 20. Jahrhunderts. Das Buch der Historikerin Astrid Kusser rekonstruiert „seine Technik, Ästhetik und Polemik im Strudel des Black Atlantic (…), das heißt in Konflikten und Beziehungen, die aus der langen Geschichte des Kolonialismus, Versklavung, Arbeitszwang und dem Widerstand gegen Reduktion von Menschen auf den Faktor Arbeitskraft erwuchsen.“

Hätten Sie gewusst, dass der Cakewalk, der Amerikanische Kuchentanz, eine Kultur des Aufruhrs, des Widerstandes in Polemik mit der Sklaverei und Ausgrenzung inkorporiert? Die Untersuchung zeigt, dass die Erfolge des Cakewalks rund um den Atlantik auch aus den Konfliktfeldern um die Color Lines, einer nach „Rasse“ getrennten Gesellschaft, den „white men´s countries“ in Amerika, Europa und in den Kolonien entstanden sind und wie sich das Tanzen im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts entwickelt hat.“ Wie Kolonialwaren sollten die Tänze kultiviert werden, um dann zurechtgestutzt, gereinigt und verfeinert den Platz zu wechseln, so A. Kusser. Ob und wie dies bis in die amerikanische und deutsche Tanzpraxis und Tanz-Geschichtsschreibung der 1940er Jahre gelang, untersucht die Publikation.

Der Cakewalk experimentiert mit dem Gehen: To walk in various ways – mit extrem nach hinten gebogenem Oberkörper, eckigen Armen, tippenden Beinen, der Kopf mit lächelndem Mund läuft hinter den Beinen hinterher. Komik, Übertreibung, Eleganz und Balance gingen Hand in Hand. Ebenso wie in der synkopierten Musik des Ragtime, wo die die Melodie dem Beat hinterher hinkt, entfacht die Polyrhythmik afroamerikanischer Cakewalks ein neues Spiel mit dem Körper, mit Seh- und Hörgewohnheiten des Publikums wie der Tanzenden selbst im Amateur- wie im Bühnentanz. „Der Cakewalk kombinierte zudem die Subjektivität des partiellen Kontrollverlustes und der Hingabe, wie bereits im Walzer angelegt, mit der Vervielfachung von Bewegungsmöglichkeiten isolierter Körperteile und einer Strategie des parodistischen Überzeichnens.“ All dies steht detailreich im Fokus dieser auf unzähligen Originalquellen basierenden Untersuchung.

Inhaltliche und sprachliche Eloquenz geben Astrid Kussers umfangreichen Diskursen auf fast 500 Seiten eine bemerkenswerte argumentative Klarheit. Das sprachliche Ausdruckspotenzial dieser Untersuchung lotet die hochkomplexe Geschichte schwarzer Modetänze im Spannungsfeld von politischen Konflikten um Bürgerrechte als wandelbares Experimentierfeld zwischen New York, Buenos Aires, Kapstadt, Viktoria/Kamerun und Berlin aus. Dabei gelingt es der Autorin vortrefflich, verschiedene Perspektiven zu beleuchten, um bis hinein in die faktenreichen Fußnoten die gesellschaftspolitischen und ästhetischen Widersprüche, Brüche und Veränderungen herauszuarbeiten.

Kussers Untersuchung folgt nicht linear einer Geschichtsschreibung in Form des Strudels. Sie nimmt Cakewalk um 1900 als Ausgangspunkt, setzt verschiedene Entstehungsgeschichten an verschiedenen Orten zueinander ins Verhältnis. Die Autorin untersucht gleichermaßen die komplexe Herkunft des Tango aus dem Black Atlantic und die Tilgung der schwarzen Wurzeln. „Der Karneval von Buenos Aires und die in ihm aktualisierten Tänze wie Cakewalks und Tangos verhandelten Fragen von Gemeinschaft und Zugehörigkeit entlang der Color Line“ sowie den Siegeszug des „bereinigten“ Cakewalks als Bühnentanz in den europäischen Varieté-Metropolen.

Tanzen in Berlin etabliert neue performative Räume – Blackface Minstrel Shows, Cakewalken in den Ballsälen der Behrenstraße, die Jahres-Revuen im Metropol-Theater − Cakewalk avancierte zur Metapher für koloniale Unordnung und den Untergang der Kolonialreiche. Die Autorin macht dezidiert transatlantische und antikoloniale Zusammenhänge und die Präsenz schwarzer Tänze zum Thema. „Cakewalk war in Berlin der Jahrhundertwende dort besonders präsent, wo sich die Gegenwart einer Aufteilung in Geschlechter, Klassen, Rassen und Kulturen widersetzte.“ Die moderne Welt war im Umbruch. Tanzen generierte eine zentrale Metapher gesellschaftlicher Veränderung. „Wer im Cakewalk über wen oder was lachte, blieb situationsbezogen, veränderlich und konfliktreich“, so Kusser, deren Interpretation diverser Motive/Tanzposen auf Bildpostkarten, Karikaturen und Fotos unterstreicht: „Es gab rassistische Witzpostkarten über den Cakewalk und es gab Bilder der Selbstrepräsentation, die Artist_innen zu Werbezwecken in Umlauf brachten.“ Stets bleibt Astrid Kusser ihrem Fokus treu und hinterfragt, in welchem Verhältnis die Motive des Cakewalks zu den sich verändernden gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen er getanzt wurden, standen.

Kussers Untersuchung offeriert Polemiken im europäischen Gesellschaftstanz, insbesondere die Standardisierungsbestrebungen der Tänze des Black Atlantic durch Tanzlehrer und Tanzlehrbücher. „Diese Tendenz, die Tänze aus ihrem Entstehungskontext herauszulösen und sie im Namen der Moderne als implizit bürgerliches und weißes Phänomen zu vermarkten, begann schon vor dem Ersten Weltkrieg.“ Diese Transformationen der Tänze des Black Atlantik bis hinein in die 1940er Jahre werden erkennbar, wobei auch die Analysen der Segregation im Hollywood-Kino (Fred Astaire) und der Rassismen des nationalsozialistischen deutschen Kinos erhellend beitragen. „Die Rassifizierung schwarzer Tänze, erwachsen aus Ressentiment, Ablehnung und dem gescheiterten Versuch der 20er Jahre, eine neue Tanztechnik zu erlernen, verwandelte sich unter dem Imperativ der Einheit der völkischen Gemeinschaft in einen Prozess der Selbstrassifizierung, der den Deutschen im Nachtanzen der Tänze des Black Atlantic einen Mangel unterstellte und die Forderung nach Selbstfindung formulierte.“ Selbstfindung durch Volkstanz statt Charleston.

Kussers Dissertation, als Band I in der Rubrik Post_koloniale Medienwissenschaft im transcript verlag Bielefeld editiert, ist eine exzellente Spurensuche zur politischen Geschichte des Tanzens im Black Atlantik. „Wer was in Bildern und Bewegungen tanzender Körper sehen kann, ist nicht universell, sondern selbst Teil der Geschichte, die dieses Buch untersucht. Sie hat sich in die Blicke und in die Körper eingeschrieben, lenkt und beschränkt die möglichen Selbstimaginationen in der Gegenwart. Doch (so ein Lieblingswort der Autorin, das jeweils die Wahrnehmung in eine dialektische Argumentation des Neu-Sehens führt - KSF) gerade weil diese Blicke und Körper historisch gemacht sind, können sie sich auch verändern, mit und gegen die Bilder, die sich im visuellen Archiv und in den Diskursen über das Tanzen abgelagert haben.“ Unser Wissen und unseren Blick für historische, soziologische, ästhetische und mediale Zusammenhänge und Details zu schärfen gelingt „Körper in Schieflage“ beispielhaft.

Astrid Kusser
Körper in Schieflage
Tanzen im Strudel des Black Atlantic um 1900
502 Seiten, kart., zahlr. z.T. farb. Abb., 34,80 €
ISBN: 978-3-8376-2060-3

Veröffentlicht am 21.05.2013, von Karin Schmidt-Feister in Homepage, Tanzmedien, Tanz im Text

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