KRITIKEN 1999/2000



Stuttgart

SOLO-TANZ-THEATER-FESTIVAL


Der schönste Augenblick des ganzen Festivals war wohl jener, in dem der jungen Brasilianerin Carla Almeida der Preis für die beste tänzerische Leistung zuerkannt wurde. Die grazile Künstlerin, die kurz zuvor noch das Publikum mit ihrem von Julio Mota choreografierten Solo „Hysteria“ zutiefst erschüttert hatte, vergoss nun unter heftigem Schluchzen einen gewaltigen Tränenstrom, der auch durch wiederholte Umarmungen ihrer Kollegen und der Jurymitglieder nicht gestoppt werden konnte. Kein Wunder, dass auch im Saal manche Nase geputzt werden musste. Das Internationale Solo-Tanz-Theater-Festival, vom 24. bis zum 26. März zum zweiten Male im und vom Stuttgarter Treffpunkt Rotebühlplatz ausgerichtet, hat gegenüber seinem Vorgänger im vergangenen Jahr erheblich an Profil und Qualität gewonnen. Das wird schon daran deutlich, dass die Jury immerhin neun der an den beiden langen Abenden zuvor gezeigten zwanzig Beiträge, zwölf davon Uraufführungen, ins Finale geschickt hatte. Es war ein Festival der Damen. Wenn auch neun der Soli von Herren choreografiert waren, so wurden immerhin siebzehn von Damen getanzt. Und es war ein Festival der Requisiten. Kaum ein Stück, in dem nicht Koffern, Kisten, Scheren oder gar einem ganzen Haus – zwanzig Minuten Umbaupause – eine dramaturgische Funktion zukam. Der künstlerische Leiter Marcelo Santos konnte für diesen Wettbewerb aus zweihundert Bewerbungen aus vierzig Ländern wählen. Mit der Direktorin des Rotebühltreffs, Kirsten Kurz, hatte er einen neuen, sicher auch gerechteren Bewertungsmodus gewählt. Nunmehr wurden jeweils ein erster und ein zweiter Preis für die besten Choreografien und die besten tänzerischen Leistungen, sowie ein Publikumspreis vergeben. Mit dem Braunschweiger Ballettchef Pierre Wyss, der Choreografin Birgit Scherzer, Sigrid Gareis vom Siemens-Kulturprogramm, JoAnn Endicott vom Tanztheater Wuppertal und dem Stuttgarter Solisten Tamas Detrich waren in der Jury nahezu sämtliche künstlerischen Fraktionen vertreten. Das erklärt sicher auch, warum sie sich nicht auf eine beste Choreografie einigen konnte, sondern den von der Firma Wolford gestifteten ersten Preis auf zwei Arbeiten verteilte: das von dem Augsburger Ballettdirektor Jochen Heckmann für seine Solistin Adriana Mortelliti geschaffene „Unfolding“, die stringent erzählte Geschichte der charakterlichen Häutung einer Frau, die gleichwohl in der ehelichen Zwangsjacke endet, und Rosie Kays „Patisserie“, das, ohne Musik, anhand von ihr selbst live gesprochenen Zitaten dreier Polinnen die weibliche Schönheits-Phobie demontiert. Ein durchaus witziges Stück, das gleichwohl eher in die Kategorie Performance zu passen scheint. Der zweite Choreografie-Preis ging an die Norwegerin Kjersti Müller-Sandstö für ihr sowohl groteskes, wie rührendes „Never Failed“, die radikale und schockierende Schilderung der Ermordung einer Seele durch eine Vergewaltigung. Der zweite Preis für die tänzerische Leistung wurde der Japanerin Megumi Eda vom Niederländischen Nationalballett für ihren brillanten Auftritt in Troy Mundys „H To The Owe“ zuerkannt, einer Art stilisierter Ode an das Wasser. Auch das Publikum war sich nicht einig und entschied sich zu gleichen Teilen für „Unfolding“ und „H To The Owe“. Dass die Entscheidungen der Jury, so sehr sie auch einleuchten, letztlich unbefriedigend sein müssen, liegt wohl in der Natur der Sache. Sie hat anscheinend erheblich mehr Gewicht auf das scheinbar Zeitgenössische gelegt, als das, soweit es öffentlich wurde, im Konzept des Wettbewerbs zu erkennen war. Anders ist es kaum zu erklären, dass Alexander Schneiders rasantes, messerscharfes „Combattimento di Tancredi e Clorinda“ zu Monteverdi-Musik schon in der ersten Runde hängen blieb und seine wie eine stählerne Feder über die Bühne schnellende, persönlichkeitsstarke Interpretin Florentina Trica nicht wenigstens als Tänzerin für das Finale nominiert wurde. Oder dass Nanine Linnings geheimnisvolles, geschmeidig flutendes „Solo Version 2.0“, das dem Begriff „Tanz“ im Wettbewerbsnamen in geradezu idealer Weise entsprochen hat, letztlich leer ausgegangen ist. Doch welche Jury könnte es jedem in jeder Hinsicht recht machen? Und angesichts des diesmal vergleichsweise hohen Niveaus des Festivals dürfen es sich alle Teilnehmer schon als einen kleinen Sieg anrechnen, überhaupt zu ihm eingeladen worden zu sein - und die zweite Runde erreicht zu haben, als einen großen. Also auch der Eiertanz „Ich wollt‘, ich wär‘ ein Huhn“ von Zoltàn Dani mit Norbert Steinwarz, „Ich suche nach der blauen Blume“ von Ruth-Lucia Baumgartner für die entzückende Carola Bärtschinger und Martina La Bontés Wutausbruch „With or without you“. Spätestens jetzt hat sich das Internationale Solo-Tanz-Theater-Festival als eine ernst zu nehmende, abwechslungsreiche und publikumswirksame Veranstaltung etabliert, die dem Solotanz wichtige Impulse zu geben vermag. Es ist nur zu hoffen, dass sich künftig genügend Sponsoren finden werden, die ihr Fortbestehen sichern und damit einen dicken Mosaikstein in das Bild der Tanzstadt Stuttgart fügen.

Veröffentlicht am 24.03.2000, von Bernd Krause in Kritiken 1999/2000

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