TANZMEDIEN



Berlin

PERFORMATIVE SYSTEMKRITIK

Arnd Wesemanns Manifest „IMMER FESTE TANZEN“


ts911g.jpg Normalerweise erscheinen in der von den renommierten Tanzwissenschaftlerinnen Gabriele Brandstetter und Gabriele Klein herausgegebenen Reihe „Tanz Skripte“ scharfsinnige Analysen der Kunstform Tanz, die sich durch ihren Sprachduktus und ihr Reflexionsniveau zumeist an ein Fachpublikum wenden. Arndt Wesemanns schmales Bändchen „IMMER FESTE TANZEN“ nimmt sich dagegen geradezu exotisch aus. Auf knappen hundert Seiten hat der „ballet-tanz“-Redakteur ein zutiefst subjektives sprachgewaltiges Manifest vorgelegt, dass mit Witz und Verausgabung gegen die Lustfeindlichkeit und furchtsame Intellektualisierung der westeuropäischen Kulturindustrie vorgeht. Angelehnt an die Thesen des österreichischen Philosophen und Kulturwissenschaftlers Robert Pfaller prangert der Autor die „Interpassivität“ unserer neoliberalen Gesellschaft an, die den Tanz zu einer ungefährlichen Bühnenkunst erhoben hat, die klar zwischen Betrachtern und Arbeit verrichtenden, staatlich geförderten Künstlern unterscheidet. „Ich tanze nicht. Ich lasse tanzen“, lautet für Wesemann das Credo der Leistungsgesellschaft, der es in Jahrhunderte langer Entwicklung gelungen ist, den spontanen Ausdruck des Körpers zu einem sterilen, staatstragenden Spektakel zu machen.
Als „Gegengift“ führt er das „Fest“ ins Feld, das eben keine Unterscheidung zwischen Beteiligten und Zuschauern duldet, bloße Verschwendung ohne Zweckrichtung ist und anstatt intellektueller Reflexion ein extatisches Schweigen im Erleben befördert. Anhand einer subjektiven Auswahl von Kollektivritualen und persönlichen Erlebnissen – vom Kindergeburtstag über das Fußballspiel bis hin zu religiösen Massenveranstaltungen in Spanien, China, Malaysia und Afghanistan - , zeichnet der Autor mit dem Batailleschen Furor eines zivilisationsmüden Anthropologen das Bild einer möglichen Gegengesellschaft, die sich ihren Sinn auf andere Weise schaffen könnte als durch Arbeit und messbare Leistung.
Das „Fest“ ist für Wesemann ein „feierliches Vernichten von Zeit“, das im krassen Gegensatz zur üblichen Tätigkeit der Bühnenkünstler steht, die sich bemühen, die Zeit einer Aufführung mit „Sinn“ zu füllen. Auslöser der schmalen Publikation ist das Projekt „Feierabend“ der Berliner Choreografin Helena Waldmann, die in Zusammenarbeit mit Tänzern und Musikern unterschiedlicher Nationen versucht, ein nicht konsumierbares Gruppenerlebnis zu schaffen, das den Graben zwischen passivem Zuschauer und den Akteuren aufbrechen soll. Während Waldmann den Akt selbst liefert, ist Wesemanns Publikation gewissenmaßen die dramaturgische Unterfütterung dazu.
So amüsant, lehrreich und mitreißend der Text geschrieben ist – am eindrucksvollsten im Schlussteil, wo sich der Autor selbst als weintrunkenen Teilnehmer in Platons „Gastmahl“ hineinfantasiert -, so hoffnunglos idealistisch wirkt oft die Verklärung der gemeinsamen Verschwendung als gesellschaftlicher Ausweg. Wenn Wesemann das Aufbäumen des Körpers in einem archaischen Tanz, der „einfach hervorbricht“, gegen die derzeit kulturpolitisch so populäre Formel vom „Tanz als Wissensproduktion“ stellt, trifft er zwar zweifellos einen wunden Punkt in unserem System – doch bleiben sowohl sein Essay als auch Helena Waldmanns „Feierabend“ Ereignisse, die ohne die von ihnen angeprangerte staatliche Förderung gar nicht möglich wären.
Es handelt sich also in beiden Fällen um Kritik am System, die aus einem relativ komfortablen Platz inmitten dieses Systems geäußert wird. In diesem Zusammenhang wäre es sicherlich interessant, die Meinung einiger freier Choreografen zu dem Thema zu hören, deren eigene Ideen bei der Vergabe öffentlicher Fördermittel weniger großzügig bedacht wurden als die von Wesemann und Waldmann. Trotz aller Bedenken ist „IMMER FESTE TANZEN“ in seiner geradezu physischen Anschaulichkeit und Ungestümheit ein wohltuender Gegenentwurf zu den oft arg verkopften und körperfernen Reflexionen mancher Kollegen. Wesemann hat ein Anliegen und scheut sich nicht davor, sich selbst angreifbar zu machen. Als performatives Ereignis ist das Buch ein Glücksfall.
Arnd Wesemann, IMMER FESTE TANZEN - ein feierabend! Februar 2008, 96 S., kart., 9,80 € ISBN 978-3-89942-911-4 Reihe TanzScripte, transcript Verlag, Bielefeld

Veröffentlicht am 24.06.2008, von Frank Weigand in Tanzmedien

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Kommentare zu "Performative Systemkritik"



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