Kunst der Verzauberung
Die Jubiläumsausgabe von Think Big!, dem Festival für junges Publikum in München, lädt zum Träumen ein und hält den Spiegel vor
Omar Rajeh im Rahmen von „STANDPUNKT.e – Welcome to my World“ im schwere reiter München
Orangenblütentee, Araq und Bewegungen wie Wasser: Dies war die flüssige Essenz der beiden Abende, an denen Omar Rajeh in München seine choreografische Werkstatt aufschloss. Ansonsten wäre da noch der mit diesen Stoffen einhergehende Mehrwert zu nennen. Allem voran eine selbstverständliche Gastfreundschaft und Tänzer*innenkörper, die auf so viele unterschiedliche Gravitätszentren vertrauen können, dass sie so schnell nichts umhauen dürfte.
Doch von vorn: Die von der Tanztendenz veranstalteten „STANDPUNKT.e“ ermöglichen informelle Begegnungen zwischen internationalen Choreograf*innen und dem Publikum. Zum Februar-Ausklang erläuterte hier der renommierte Tänzer und Choreograf aus dem Libanon, der seit 2020 in Lyon lebt, seine biografisch begründete Tanz-Philosophie.
Als Rajeh 2002 nach Abschluss seines Studiums in Surrey/UK nach Beirut zurückkehrte, traf er auf eine politisch instabile Situation, die mit der Ermordung von Ex-Ministerpräsident Rafiq al-Hariri im Februar 2005 einen vorläufigen Tiefpunkt erreichte. Tausende gingen auf die Straße, kritische Journalisten gerieten unter Beschuss. Für den jungen Künstler der Moment, sein Schaffen zu überdenken: Weder der Weg in die aktive Politik noch das Sich-Einigeln im Tanzstudio kamen in Betracht. Also wurden die Fragen „Wie schlagen sich die Nachwehen des Bürgerkriegs in unseren Körpern nieder?“ und „Wie reagieren wir darauf als Künstler?“ zu den Leitlinien seiner choreografischen Praxis.
„In what condition do we leave the past?“
Auf einer Wand im Schwere Reiter erscheint dazu der Satz: „In what condition do we leave the past?“ Solche Projektionen kennt man von Omar Rajehs Arbeiten, die dem Wort und der intellektuellen Reflexion oft einen eigenen Raum überlassen. So ist das auch bei den Proben mit seiner Gruppe Maqamat, sagt er. Er rede am Anfang, dann gehe es ans Tun.
Man kann sich das gut vorstellen, denn in München ist es ähnlich. Rajeh erzählt viel – etwa davon, wie er sich für sein Bachelor-Studium an der Lebanese University aufs Schauspiel fokussierte, abends in einer professionellen Company tanzte und dazwischen nach einer Körperlichkeit suchte, die weder „in die Form eingesperrt“ (Tanz) noch repräsentativ ist. Die Lösung: Ein dekonstruierter, enthierarchisierter Körper, dessen Teile ihre eigene Dynamik suchen.
Und dann zeigt Rajeh gemeinsam mit Nunzio Perricone, Elise Bruyère und Clara Cafiero, wie dieser Körper in Aktion aussieht. Zentral für die tägliche Praxis und die Grundlage für die Generierung von choreografischem Material ist dabei das, was Rajeh „Circling“ nennt: Alle Körperteile, beginnend mit den Fingern, beschreiben Kreise. Große und kleine, schnelle und langsame, unvollendete oder rüde abgebrochene. Sie mäandern durch den Körper und dessen offenbar super-alertes Nervensystem. Als wäre in jedem Ellbogen-Schulterblatt-Knie ein eigenes kleines Hirn oder ein Motor zugange, gerät das gesamte System in Aufruhr.
„Multi-bodies“
Die Übung, die die vier auf der quer durch den Raum führenden Tanz-Bahn zeigen, kumuliert in Paar-Konstellationen voller Fast-Berührungen. Man umspielt einander, lockend, wie im Flirt. Der Instabilität der (politischen) Verhältnisse, der diese so disruptive wie beschwingte Praxis entstammt, setzen die Tänzer etwas Positives entgegen. Omar Rajeh spricht von „Multi-bodies“, einer Praxis des Werdens („Becoming“) und zieht den Vergleich zur Musik. Bei mir stellt sich das Bild von Wasser ein, das mal gestaut und dann wieder freigelassen wird und in unzähligen flinken Wirbeln über Flusssteine springt. Wild und anpassungsfähig zugleich.
Die weiteren Flüssigkeiten – der Anis-Schnaps Araq und der duftende Orangenblütentee – werden vor und nach dieser Lecture Demonstration an die zahlreich erschienenen Zuschauer*innen verteilt. Diese unangestrengte Gastfreundschaft ist eine weitere Konstante in Omar Rajehs Stücken. In seinem mitreißenden Solo „Dance is not for us“, verteilt er Basilikumsträußchen an das Publikum. Und seine jüngste Arbeit „Dance People“, die 2025 das Kunstfest Weimar eröffnete, hat den öffentlichen Raum nicht nur zum Thema, sondern bespielt ihn auch: mit Forschern und Künstlern verschiedener Disziplinen, die Passanten mit offenen Armen und strahlendem Lächeln zum Mittanzen einladen.
Der theoretische Subtext – Räume definieren Beziehungen – könnte auch über Omar Rajehs früheren Performances stehen, von „That Part of Heaven“ über „#minaret“ (als Reaktion auf die Zerstörung Aleppos) bis zur Koch-Performance „Beytna“, die das Konzept des Teilens selbst thematisiert.
Kurze Ausschnitte davon zeigt Omar Rajeh auf drei Wänden des Schwere Reiter, in dem die Zuschauenden auf Kissen am Boden sitzen. Ein von unterschiedlichsten Menschen geteilter Raum wie zwischen 2017 und 2019 die Citerne Beirut, deren Entstehen ein weiteres Video im Zeitraffer zeigt. Oder wie die von Rajeh 2004 gegründete „Beirut International Plattform of Dance“ (BIPOD) von der er viele Plakate mitgebracht hat. „We don‘t repeat the form, but we repeat the relationships“ heißt es irgendwann an diesem Begegnungs-Abend, dessen Erklär-Teil ruhig schmaler hätte ausfallen dürfen, damit die zwischenmenschlichen Beziehungen mehr Luft zum Atmen bekommen. Wir werden sie noch brauchen. Die Kriege und Verwerfungen hören wohl so schnell nicht auf.
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