Der Moment, den man festhalten möchte
Drei Stücke bei „Augen/Blicke" mit dem Stuttgarter Ballett
Momentaufnahmen aus der Zwischenwelt
Zur Premiere ihrer Choreografie „Shut Eye“ sind Sol León und Paul Lightfood persönlich nach Stuttgart gekommen. Bis 2020 prägten sie über Jahrzehnte den Stil des Nederlands Dans Theater. Jetzt erarbeiten sie ihre Werke auf der ganzen Welt. Zum ersten Mal seit der Uraufführung 2016 wird „Shut Eye“ von einer anderen Kompanie getanzt.
Ein Mond hängt am Himmel über einer Szene aus Dunkel und Licht. Die Tänzerin Mizuki Amemiya mit einem Gesicht wie ein Stummfilmstar speit stumme Worte, während sie sich wie an unsichtbaren Fäden bewegt. Friedemann Vogel spannt jeden Muskel, jede Sehne seines nackten Rückens zu Adlerschwingen, ein Paar in heller Kleidung tritt aus dem Schatten ins Licht, tanzt ein Pas de deux, Tänzer in schwarzen Anzügen stehen im Halbdunkel, warten scheinbar auf ihren Auftritt. Szenen reihen sich aneinander wie Momentaufnahmen, wie Augenblicke. „Shut Eye“, das ist die Welt zwischen Wachen und Schlafen, noch nicht Traum, aber auch nicht mehr Realität – erklären Sol León und Paul Lightfood zu ihrer Choreografie. Das Musikbett dazu ist eine Mischung aus Frédéric Chopin, den der Isländer Ólufar Arnalds in seine Komposition verwebt und Musik des amerikanischen Komponisten Bryce Dessner.
Der Tanzstil des NDT gehört zur DNA des Stuttgarter Ensemble, und auch die an Akrobatik heranreichenden Dehnungen und Figuren von Paul Ligthfood meistern die acht Tänzer*innen, darunter auch die Erste Solistin Elisa Badenes gewohnt bravourös.
Metarmorphosen und die Farbe Zinnoberrot
„Vermilion“, Zinnoberrot, ist der Titel der Uraufführung des Abends von Vittoria Girelli. In Stuttgart hat die Förderung choreografischen Nachwuchses Tradition, und die Halbsolistin bekam ihre Chance. 2025 wurde sie vom Magazin Danza&Danza bereits als Newcomerin geehrt.
Für ihren ersten Auftritt auf der großen Bühne hat sie sich viel vorgenommen. Sie bemüht Ovids Metamorphosen und das Bild vom Stein, der zum Menschen wird. Riesige Felsbrocken hängen über der Bühne. Zehn Tänzer*innen in zinnoberroten Hängerchen (Maria Girelli) kommen in gebückter Haltung auf die Bühne. Wie ein Körper bewegen sie sich, trennen sich, formieren sich neu, gehen in Reihen, werden wieder zu einem Körper, an dessen Spitze sich eine Person setzt, die alle von der Bühne führt. Die Interpretation lässt vieles zu – am ehesten Chaos und Ordnung. Girellis Tanzsprache ist geprägt von ihrem sehr breiten Repertoire als Tänzerin, aber überrascht noch nicht. Was sie zeigt, ist ein Talent für Formationen und das Gespür für die Musik. Zum wiederholten Male arbeitet sie mit dem Sounddesigner Davidson Jaconello zusammen. Die stärksten Momente liefern allerdings die Anleihen bei Ludwig van Beethoven.
Nach dem Applaus zu urteilen, hat Vittoria Girelli die Feuerprobe auf der großen Bühne in Stuttgart bestanden. Die nächsten Jahre werden entscheiden, ob sie den Wechsel ins Choreografenfach schafft.
In Schönheit Schwelgen – Within the Golden Hour
Keine großen Erklärungen, kein philosophischer Unterbau, sondern einfach genießen – diese Augen/Blicke, die am besten niemals vorübergehen. Dazu lädt Christopher Wheeldon mit „Within the golden Hour“ ein, choreografiert auf die gleichnamige Komposition des italienischen Komponisten Ezio Bosso. Zu ihr zeigt die Stuttgarter Kompanie zum Abschluss des Abends ihre ganze Klasse. Tänzerische Perfektion, Leichtigkeit, absolute Synchronität, eine Energie, die über die Bühnenrampe kommt. Die anspruchsvolle Choreografie hat der Brite 2008 für das San Francisco Ballet geschaffen. 2025 entwarf der Modedesigner Zac Posen neue Kostüme – alles andere ist geblieben und zeitlos schön. Und es passt in allem, bis zum Lichtdesgin (Peter Mumford) so genau ins Stuttgarter Repertoire, dass es höchste Zeit war für diese Stuttgarter Erstaufführung.
„Within the golden Hour“ – die Stunde nach dem Sonnenaufgang – ein Augenblick, den man festhalten möchte, wie den Tanz. Und letztendlich ist das die Erkenntnis, die für alle Stücke des Abends gilt und damit dem Titel „Augen/Blicke“ gerecht wird.
Umjubelter Abschluss des neuen Ballettabends und der Jubel galt auch dem Staatsorchester Stuttgart unter Ballettdirigent Wolfgang Heinz. Großartige Leistung!
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