Tanzkompanie RUBATO präsentiert „3 men running“ - Uraufführung

Söhne und Väter

Berlin, 13/01/2009

In Großaufnahme besingt ein alter Mann von der Filmleinwand ins Publikum seine Hoffnung, „einmal von dir geliebt zu werden“. Dann stopft er sich seine Pfeife und schaut mit unbewegtem Gesicht in die Kamera. Seine unerfüllte Hoffnung richtet sich an den Sohn. Im Publikum ist es während dieser Schlusssequenz ganz still, als wenn in jedem Zuschauer sein eigener Film abläuft. Der Tod der eigenen Väter ist ein Beweggrund für diesen leisen Abend kritischen Gedenkens.

Dieter Baumann (Berlin), Marc Rees (Wales), Guillermo Weikert-Molina (Spanien), drei Männer im besten Alter, wuchten grüne Teppichrollen über die quadratische Tanzfläche flankiert von einer langen Holzbank mit gekennzeichneten Dinge aus der Asservatenkammer. Sie tragen an der Last der Erinnerung. Auf der Hinterwand flackern schwarz-weiß Fotos von lachenden Jungs und jungen Männern. Die ausgebreiteten Teppiche werden zu 2x2 Meter Kunstrasenstücken. Sie sind der Raum, der in den folgenden Stunde immer wieder neu platziert, betreten, beackert, erinnert werden wird. Drei Männer, drei Annäherungen an die verlorene Vätergeneration. In der Regie/Choreografie von Jutta Hell und ihrer Tänzer-Choreografen wechseln die Darsteller im Zusammenklang mit Kostüm, Video, Text und stimmig atmosphärischem Sound beständig die Perspektive. Söhne erinnern Väter und stehen doch selbst in der Zeit. Bruchstücke gelebter Existenzen. Mit langsam federnden Bewegungen, die dem Fall widerstehen möchten, gibt Dieter Baumann das Thema vor: er trägt ein zu großes Jackett, dessen Taschen leer sind.

Gleichzeitigkeit im Vergehen. Einer zieht sich den Blaumann an, legt sich unter das Rasentuch. Der Andere vibriert im ganzkörperlichen Sprung. Der Dritte läuft an den Kanten seinen Lebens-Raumes wie ein ängstliches Tier. Momente des Umgangs mit dem eigenen Verlöschen. Die Protagonisten rennen barfuss in hellen Hosen, weißen T-Shirts und flotten Schiebermützen um die Erinnerungsflächen, während auf einem Video im Hintergrund ein alter Mann in Latzhose im Garten werkelt und Stein auf Stein setzt. Für einen Moment bleiben sie stehen, der Alte baut unbeirrt weiter. Das ist eine der spannenden Zeit-Schnittstellen. Doch sie rennen weiter, der Vorgang kippt ins Lapidare. So genau viele der Szenen an diesem Abend gearbeitet sind, einzig die Metaphorik des Rennens bleibt Behauptung, erschließt sich nicht. Eine großartig verknappte Szene für das Vergehen der Zeit in der Generationenfolge entsteht hingegen, wenn das Trio plötzlich inne hält, shake-hands, Umarmungen, Hallos, Berührungen des Trostes wie der Freundschaft andeutet und gleichzeitig die Silhouetten dieser Bewegungsfolge im großen Schattentrio gespiegelt werden. Ein Teil der Gesten geht gewollt ins Leere, denn der Adressat fehlt. Dieses interessantes Oszillieren von Gegenwart und Vergangenheit gelingt auch im Umgang mit dem Kostüm. Guillermo Weikert-Molina steht in seinen offenen Stiefeln und Jackett fest auf zwei Beinen, während sein Oberkörper eruptiv geschüttelt lange dem Sturm widerstehen kann. Ein Kerl wie ein Baum, von dem die Stiefel übrig bleiben.

Die versetzte Aktion von genau kalkulierter und minimierter zeichenhafter Bewegung und ihrer visuellen Spiegelung schafft mehrfach eine Irritation der Zeitabläufe. „3 men running“ erzeugt eine fragende Spannung im Umgang der Hinterbliebenen und der Verstorbenen. Aber vor allem ist dies ein behutsam bewegendes Fragen nach dem Umgang der lebenden Generationen.

Wieder vom 14. – 18. Januar 2009, 20 Uhr in der HALLE Tanzbühne Eberswalderstraße, Berlin

Kommentare

Noch keine Beiträge