„Travelogue I - Twenty to eight“ von sasha waltz & guests

Zimmer frei

„Travelogue I - Twenty to eight“ von sasha waltz & guests zur Eröffnung der Sommerszene in Salzburg

Ein gelungener Einstieg. Interkulturalität, Globalität und die Zeit des Umbruchs nach der deutschen Wiedervereinigung bilden den Hintergrund von Sasha Waltz’ WG-Klassiker, ihrem Debütwerk und Gründungsstück der Kompagnie, das 1993 den internationalen Durchbruch der Choreografin markierte.

Salzburg, 12/06/2026

Von Mark Hebell

Mit dem 1993 uraufgeführten Stück „Travelogue I - Twenty to eight“ von Sasha Waltz eröffnet die SOMMERSZENE 2026 in Salzburg. Keine bahnbrechend neue Choreografie,  sondern ein altbewährtes Signaturstück der Kompanie, seit über 30 Jahren Teil des „living archive“ von sasha waltz & guests. Ein guter Einstieg für das Salzburger Publikum, das sich bereits einige Zeit vor Vorstellungsbeginn versammelt und sich bei Drinks und angeregten Gesprächen auf die bevorstehende Aufführung einstimmt. 

Sasha Waltz wählt als Schauplatz für „Travelogue I - Twenty to eight“ eine WG-Küche, das reduzierte Bühnenbild mit (zunächst) nur einem Küchentisch, Stühlen und einem Kühlschrank deutet den Zeitgeist der frühen 1990er Jahre im damals sehr rauen Berlin an: die nicht senkrecht, sondern schief stehenden Wände wecken Assoziationen an Robert Wienes expressionistischen Stummfilm „Das Cabinet des Dr. Caligari“ von 1920 und damit an eine andere Um- und Aufbruchszeit der Stadt.

Geist der Umbruchjahre als Choreografie

Stumm bleibt die erste Tänzerin nicht, ganz im Gegenteil: laut teilt sie sich dem Publikum mit - und bleibt doch unverständlich für alle, die des Chinesischen nicht mächtig sind. Zu tangoähnlicher Musik bewegt sich ein schwarzer Tänzer erst mit einem der Stühle, dann mit und auf dem Küchentisch. Der Kontakt mit seinen unbelebten Partner*innen ist kraftvoll, fast roh, ungebremst physisch.

Waltz spannt den Bogen ihrer Erzählung weiter. Hat sie zuvor das Gefühl, den Zeitgeist der Umbruchjahre nach dem Ende der DDR und der Wiedervereinigung eingefangen, indem sie die Konfrontation mit dem Fremden, dem für damalige Verhältnisse Exotischen thematisiert, schafft sie für diese Erfahrung hier einen Raum, in dem sich die verschiedenen Bewohner*innen im Rahmen des täglichen Lebens immer wieder treffen. Der Küchentisch wird mit einem weißen Tuch gedeckt, er wird zum Zentrum der sich in synchronen, aufeinander abgestimmten Bewegungen ausdrückenden Kommunikation, um ihn herum versammeln sich nach und nach alle fünf Bewohner*innen der WG. Vor dem Auge des Publikums spielt sich das gemeinschaftliche Leben durch gemeinsame Bewegungen im Raum ab, entstehende Freundschaften durch Paarbildungen, die wieder auseinander gehen, Rückzüge ins Private, wenn ein Telefonanruf angenommen wird - zeittypisch natürlich am Festnetz. Aber auch erste Konflikte, Spannungen zeigen sich: wem gehört was im Kühlschrank? Ist man bereit, sein Essen mit den anderen zu teilen? Es sind Fragen der Solidarität, die an diesem Küchentisch verhandelt werden.

Waltz ändert den Fokus ihrer Beobachtung, wendet sich der Frage zwischenmenschlicher Beziehungen zu. Intimität, die sich in gespiegelten Bewegungen zeigt, Vertrauen, das durch Hebefiguren bewiesen wird.

Zu Tango und Jazzmusik verschiebt Waltz ihren Fokus erneut. Die Küche als Ort, an dem Verführung stattfindet, der Küchentisch wird zum Schauplatz sexueller Begegnung. Am Ende steht die Trennung, von der körperlichen Intimität bleibt nur eine Nackenmassage.

Kopf sei still!

Ein Moment der Intimität steht jetzt am Anfang, deutet ein gewisses Zögern, vielleicht sogar Unsicherheit an. Weniger eindeutig als zuvor, aber dennoch erkennbar, lassen verque(e)re Bewegungen schließlich die Welt der Männer buchstäblich Kopf stehen, zwingen am Ende den experimentierfreudigen Don Juan zur Flucht in die Sicherheit seines Bettes. Dort findet er jedoch keine Ruhe, er wirft er sich mal neben, mal auf dem Bett hin und her, bemüht, das Erlebte zu verarbeiten. Kopf sei still! 

Die Zeit des Umbruchs nach der deutschen Wiedervereinigung und dem Zusammenbruch der politischen Ordnung des Kalten Krieges, vor allem auch dem Zusammenbruch der durch den Sozialismus bestimmten gesellschaftlichen Ordnung(en), bildet den Hintergrund der Entstehung von Sasha Waltz’  „Travelogue I - Twenty to eight“. Und es sind die großen, bewegenden Fragen dieser Jahre, mit denen sie sich in ihrer Choreografie auseinandersetzt: die Konfrontation mit dem bisher Fremden und Fremdsprachigen, sei es metaphorisch im engen Raum der Bühnen-WG oder im großen gesellschaftlichen Rahmen, Verteilungskämpfe und Fragen der Solidarität, das hedonistische, unverbindliche Ausleben von Sexualität, aber auch das Entdecken von und Ringen mit neuen Facetten der eigenen Identität. Fragen, die im Heute nachhallen. Sasha Waltz’  „Travelogue I - Twenty to eight“ bietet somit einen gut gealterten Klassiker mit aktuellen Bezügen als Eröffnung der SOMMERSZENE 2026 - die richtige Wahl, wie nicht nur der langanhaltende Schlussapplaus beweist. Sondern vor allem auch die entspannte Stimmung, in der das Salzburger Publikum den Abend bei Weißwein und Apérol Spritz ausklingen lässt und sicherlich bald wiederkommen wird.

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