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Ludwigshafen

FLUSS DES LEBENS, STAUB DES VERGEHENS

Lin Hwai-mins Tanzabend „White Water“/“Dust“ zu Gast in Ludwigshafen



Hwai-mins Kompanie Cloud Gate Theatre of Taiwan entwickelt eine hypnotische Qualität des Miteinanders, die weit über die üblichen homogene Ensembleleistungen hinausgeht.


  • "Dust" von Lin Hwai-min Foto © Liu Chen Hsiang
  • "White Water" von Lin Hwai-min Foto © Liu Chen Hsiang

Wenn es um die einflussreichsten Choreografen im zeitgenössischen Tanz geht, wird er in einem Atemzug mit William Forsythe und Pina Bausch, Birgit Cullberg und Merce Cunningham genannt: der taiwanesische Choreograf Lin Hwai-min. Das jüngste Gastspiel des von ihm gegründeten Cloud Gate Theatre in Ludwigshafen demonstrierte eindringlich die Gründe dafür. Der zweiteilige Tanzabend „White Water“/“Dust“ aus dem Jahr 2014 setzt der Magie der Natur die von Menschen zu verantwortenden Katastrophen des letzten Jahrhunderts entgegen – weiter lässt sich ein thematischer Bogen kaum aufspannen.

„White Water“ beginnt mit dem Video eines über Steine fließenden flachen Flusses, das von Farbe allmählich in abstraktes Schwarzweiß übergeht. Zu perlender Klaviermusik nimmt das Wasser im Hintergrund immer wieder neue Formen an, und langsam beginnen auch die Bewegungen der weißgekleideten TänzerInnen zu fließen. Wie Strudel im Wasser entfalten die Bewegungen der insgesamt 18 TänzerInnen einen eigentümlichen Sog mit Trancequalität – verblüffend und berührend zugleich, wie einzelne TänzerInnen ihr Bewegungspotenzial entfalten, wie sich Paare selbstverständlich, beiläufig oder spektakulär finden, wie die TänzerInnen gemeinsam zum Damm oder zur Flut werden.

Nach der Pause ist Schluss mit schön. Zu Dimitri Schostakowitschs Streichquartett in c-moll (das dieser unter dem Eindruck der Bombardierung von Dresden schrieb), entfaltet Lin Hwa-Min in „Dust“ einen Bilderbogen, wie er düsterer nicht sein könnte. Seine 20 TänzerInnen quälen sich als dunkle, abgerissene Gestalten über die Bühne, und jede noch so kleine Bewegung spricht Bände von Leid und Gefahr. Aufgerissene Münder, gebeugte, kraftlose, immer wieder stürzende Gestalten beschwören Holocaust und Krieg, Zerstörung der Lebensgrundlagen und eine verwüstete Erde. Trost bleibt allein in der Mitmenschlichkeit: Wie der Choreograf diese versprengten Opfer einer allumfassenden Katastrophe bei aller Schwäche als Gemeinschaft handeln lässt – das hinterlässt einen tiefen Eindruck. Hier entfaltet die sehr speziell trainierte Kompanie eine hypnotische Qualität des Miteinanders, die weit über übliche homogene Ensembleleistungen hinausgeht.

Und so nimmt die Truppe den frenetischen Schlussbeifall entgegen: als reglose Menschenmauer, breitbeinig, die Arme untergehakt und die Fäuste geballt.

Veröffentlicht am 09.05.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel in Homepage, Kritiken 2016/17

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