Postscriptum zum neuen Stuttgarter „Hamlet“

Ein Mitmacher von 1954 meldet sich zu Wort

oe
Stuttgart, 11/10/2008

Es gibt sie also noch, die Zeitzeugen des Theater-Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg. Einer hat sich jetzt zu Wort gemeldet: Dieter Lindauer aus Stuttgart, chronisch infizierter Opern- und Ballettfan seit seinen Schüler-Tagen – Statist am damaligen Theater (pro Probe: zwei Mark Honorar – für die Vorstellung gab's dann bereits 2,50 Mark). Wegen des Abiturs hatte er nicht an den Vorbereitungen zur Stuttgarter Einstudierung von Boris Blachers und Tatjana Gsovskys „Hamlet“ 1954 teilnehmen können, und so war es für ihn ein Sprung ins kalte Wasser, als er nach kurzer Verständigungsprobe als einer von sechs Lanzenträgern einsprang – in „einer sehr schwierigen Choreografie“, wie er sich heute erinnert. Und sofort gerät er ins Schwärmen, wenn er an die damalige Produktion zurückdenkt – mit Gert Reinholm als Protagonist, der wunderschönen Otti Tenzel als Ophelia, mit Robert Mayer (1911 bis 2005), damals Ballettchef in Stuttgart, als Claudius, Anneliese Mörike als Gertrud, Erwin Schreiber als Polonius und einem Newcomer als Laertes, dem gerade neunzehnjährigen Heinz Clauss. Vor dem Ballett gab es übrigens sozusagen als Bonus Menottis Komische Oper „Die alte Jungfer und der Dieb“ – dirigiert von Josef Dünnwald (Vater des heutigen Karlsruher Intendanten Achim Thorwald) – denn damals gingen die Leute noch der Oper, nicht des Balletts wegen ins Theater.

Lindauer, inzwischen eher ein konvertierter Sympathisant des Balletts als dessen, was man heutzutage unter „Musiktheater“ versteht, ist übrigens einer jener Herren, den man in großen Stuttgarter Ballettpremieren (aber auch in gewissen Debütvorstellungen) als professionellen Blumenwerfer identifizieren kann. Was mich darauf bringt, wie sehr doch die Zahl der Enthusiasten, die man unweigerlich in Stuttgart im Theater trifft, in den letzten Jahren zurückgegangen ist – ich denke an die „Operngräfin“ (die zu jeder Vorstellung ihres verehrten Tenors Jean Cox in großer Robe erschien), an den schönheitssüchtigen Eugen Lude, der seinem Ballerinenidol bis Australien nachgereist ist (mit Zwischenstopp bei Roberto Bolle in Mailand) und an den Rüdiger-Wohlers-Fan (und Amateur-Ringkämpfer), der leider nach Berlin emigriert ist (um dort inzwischen seine wohl fünfhundertste Vorstellung von „Figaros Hochzeit“ zu sehen).

Hinsichtlich des neuen Stuttgarter „Hamlet“ wundere ich mich doch sehr, dass bis heute (eine gute Woche nach der Premiere) noch keine Kritik über diese ja nicht ganz unwichtige Uraufführung eines Abendfüllers in einer unserer führenden Gazetten erschienen ist – weder in der FAZ noch in der Süddeutschen oder in der Welt, aber auch nicht in der sonst so Stuttgart-freundlichen Frankfurter Rundschau (oder sollte ich sie übersehen haben, denn natürlich lese ich in meinem Rentner-Dasein nicht alle großen deutschen Zeitungen?). Das heißt: über die Nicht-Reaktion der FAZ wundere ich mich inzwischen eigentlich nicht mehr, nachdem sie auch die vorherigen Stuttgarter Uraufführungen beharrlich ignoriert hat. Was mich danach fragen lässt, ob es bei der FAZ seit dem Ausscheiden von Jochen Schmidt überhaupt noch so etwas wie eine halbwegs konsequente Tanzberichterstattung gibt, wenn sie in der letzten Woche zwar einen zweispaltigen Nachruf auf Nadia Nerina bringt (eine überaus charmante Ballerina des Sadler's Wells und Royal Ballet, aber weder „Englands erste Cinderella“ – sie tanzte in der Ashton-Premiere die Frühlingsfee – noch je, wie dort behauptet „Primaballerina“ der Kompanie –, die aber hierzulande weitgehend unbekannt ist), während in jeder Stuttgarter „Hamlet“-Vorstellung so um die tausend Besucher sitzen, von denen anzunehmen ist, dass sich darunter auch zumindest ein paar Leute befinden, die als Leser der FAZ gerne gewusst hätten, was sie denn von dieser Produktion aus der Perspektive ihrer durchaus kompetenten Ballettkritikerin zu halten haben.

Kommentare

Noch keine Beiträge

Ähnliche Artikel

basierend auf den Schlüsselwörtern