The Stars of the Stuttgart Ballet

Eine lange Ballettgala zu Silvester

Stuttgart, 02/01/2005

Was das Kirov kann, können wir auch, dachte Reid Anderson: eine Gala nur mit den eigenen Leuten, die „Stars of the Stuttgart Ballet“ sozusagen. Zwei Ex-Stuttgarter immerhin waren noch eingeladen, aber niemand aus Paris, St. Petersburg, New York oder London, niemand der die exorbitanten Eintrittspreise gerechtfertigt hätte. Und somit leider auch niemand, an dem sich die Stuttgarter Solisten messen konnten. Beim „Tschaikowsky Pas de deux“ und bei „Don Quixote“ immerhin war der direkte Vergleich mit der Weltspitze aus St. Petersburg möglich, die nur zwei Tage zuvor in Baden-Baden eine ähnliche Gala bestritten hatte. Balanchines Pas de deux zu der ursprünglich einmal für „Schwanensee“ gedachten Musik von Tschaikowsky erschien in der Ausführung bestens, im Tonfall aber nicht ganz so frühlingsleicht schwebend wie beim Mariinsky-Ballett. Mikhail Kaniskin und Roberta Fernandes harmonierten nicht recht im Stil: wo er zu sauber tanzte, war sie zu virtuos.

Alle Achtung aber vor Elena Tentschikowa und Ivan Gil Ortega, die ihren „Don Quijote“-Pas-de-deux um vieles, wirklich um vieles souveräner, raffinierter und spritziger tanzten als Sofia Gumerowa und Jewgeny Iwantschenko, die reichlich hölzernen Kollegen vom Kirov. Und ein dreifaches Hurra für den mental runderneuerten Friedemann Vogel, der im „Bayadère“-Pas-de-deux als Solor brillierte, eine Drehung müheloser als die letzte und ein Grand Jeté höher als das andere. Unglaublich, was er nach seiner Verletzungspause plötzlich an innerer Spannung und Bühnenpräsenz gewonnen hat. Alicia Amatriain dagegen sollte es vielleicht besser dabei bewenden lassen, dass sie eine moderne und keine klassische Ballerina ist.

Noch eine Rückkehrerin: auch Patricia Salgado hatte über ein Jahr pausieren müssen und debütierte in der Gala-Version von Crankos „Zähmungs“-Pas-de-deux als witzige, spontane Katharina. Filip Barankiewicz tröstet mit sensationellen Sprüngen über sein etwas aufgesetztes Spiel weg. Zwei Werke erinnerten an den verstorbenen Uwe Scholz: Diana Martinez Morales tanzte ein inniges Solo aus seiner „Schöpfung“ und Alexander Zaitsev, hochmusikalisch und intensiv wie immer, holte die „Notations“ wieder aus der Versenkung hervor, das technisch und körperlich so anspruchsvolle Solo, das Scholz zur Musik von Pierre Boulez einst für Vladimir Malakhov kreiert hatte. Haus-Choreograf Christian Spuck steuerte zwei Uraufführungen zur Gala bei: in „Cupid's Garden“ hilft Eric Gauthier als beflügelter Amor dem zögerlichen Egon Madsen, die Sängerin der Cherubino-Arie „Voi che sapete“ anzubaggern - die liebevolle, zarte kleine Pièce greift auf Madsens pantomimische Begabung zurück.

Entsprechend umjubelt war der Auftritt des immer noch heiß geliebten Stars aus Cranko-Zeiten. „Pieces of a lost Paradise“, für Bridget Breiner und Douglas Lee zu Musik von Eugène Ysaye kreiert, wirkt wie ein verkopftes Echo auf Forsythes „Herman Schmerman“, und das nicht nur wegen Breiners Kostüm. Wie fast immer nimmt Spuck die Sprache zu Hilfe, dieses Mal in Form von Schildern auf dem Boden. Ein Knüller auf jeder Gala ist Spucks „Le Grand Pas de deux“ mit der berüschten Kuh (der „Ba-rüschni-cow“) im Hintergrund. Während Alicia Amatriain als bebrillte Ballerina genau den trockenen Witz für die herrliche Parodie versprüht, fehlt Jason Reilly bei aller technischen Brillanz noch die dezente Blasiertheit, mit der Robert Tewsley einst den leicht pikierten Ballerino hingeknallt hatte. Auch Ben van Cauwenberghs Solo „Les Bourgeois“ ist eine sichere Bank – und doch wäre es schön, wenn man außer der sensationellen Sprungkraft Eric Gauthiers auch etwas vom bitterbösen Inhalt des Jacques-Brel-Chansons auf der Bühne sehen könnte, wenn man den moralischen Abstieg des jungen Wilden zum Bourgeois wirklich erkennen würde.

Und schließlich feierte Stuttgart die Rückkehr des verlorenen Sohnes – for one night only gastierte der Ex-Stuttgarter, Ex-Royal-Ballet- und mittlerweile auch Ex-New-Yorker Solist Robert Tewsley in der alten Heimat. Im „Strawinsky Violinkonzert“ (vom Corps de ballet inzwischen exzellent getanzt) fiel der feine Unterschied zwischen dem „originalen“ New Yorker Balanchine-Stil und dem leichteren, lockereren Stuttgarter Stil ins Auge: Tewsley betonte die Arme stärker, seine Port de bras waren härter und plastischer herausgearbeitet. Insgesamt wirkte seine Interpretation schwerer und nachdrücklicher, er blieb eher à terre, was den Stil der Stuttgarter fast leichtgewichtig aussehen ließ. Dass Tewsley auch seine innere Temperatur auf das kühle New Yorker Niveau heruntergeschraubt hat, fiel vor allem im Solo aus Kenneth MacMillans „Requiem“ für John Cranko auf, dem die tiefe Empfindung, das innere Strahlen fehlte. Erst im leidenschaftlichen „Kameliendame“-Pas-de-deux aus dem dritten Akt war Tewsley endgültig wieder da, wo er hingehört: in einer dramatischen Rolle.

Beim Applaus brach die gerührte Sue Jin Kang in Tränen aus, und man kann sich in etwa denken, was im ebenfalls sehr bewegten Tewsley vorging. Die Lücke, die er mit seinem Weggang hier hinterlassen hatte, ist schon wieder geschlossen, und die Stars des Stuttgarter Balletts (bei denen leider nur die verletzten Maria Eichwald und Jiri Jelinek fehlten) müssen den Vergleich mit anderen großen Kompanien nicht scheuen. Mit Itzik Galilis nicht mehr ganz so fetzig wie im Frühjahr getanzten „Hikarizatto“ ging die schöne Gala zu Ende.

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