„Altro Canto“ von Jean-Christophe Maillot.

„Altro Canto“ von Jean-Christophe Maillot.

Nur ein halber Genuss

„Maillot | Millepied“ beim Staatsballett Berlin

Aus Frankreich stammen zwar beide Choreografen, die den neuen Abend im Staatsballett verantworten. Stilistisch und vor allem künstlerisch indes trennen sie Welten.

Berlin, 27/01/2017

Aus Frankreich stammen zwar beide Choreografen, die den neuen Abend im Staatsballett verantworten. Stilistisch und vor allem künstlerisch indes trennen sie Welten. „Maillot | Millepied“ heißt lakonisch, was als Doppel über die Bühne der Deutschen Oper geht und somit nicht die Stücke, sondern verheißungsvoll ihre Schöpfer ausstellt. „Altro Canto“ als eröffnender Beitrag nimmt Bezug auf ein Madrigal von Claudio Monteverdi, von dem neben zwei weiteren Barockkomponisten die überwiegende Zahl an geistlichen Musiken, eingespielt vom Band, entlehnt ist. Jean-Christoph Maillot, seit 24 Jahren Leiter von Les Ballets de Monte-Carlo und Weltstar der Choreografie, ist freilich viel zu erfahren, um die liturgischen Texte wortgenau umzusetzen. Er schafft jedoch mit anderen Mitteln eine geheimnisvolle, ja mystische Atmosphäre und handelt zugleich Eindrücke vom Mit- und Gegeneinander der Geschlechter ab. Jene anderen Mittel sind das Bühnenbild und die Kostüme. In die Schwärze der Szene hinein fahren von oben immer wieder einzelne oder ornamental gruppierte elektrische Kerzen wie die Seelen Verblichener. Manche haben kometengleich einen roten Schweif. Hat Rolf Sachs diese Requisiten feinsinnig auf das Notwendige reduziert, so verwischt Starcouturier Karl Lagerfeld in seinen Kostümen die Trennung von männlich und weiblich: Beide tragen gebauschte Kurzröcke oder Hosen. So weist bereits die Ausstattung auf ein Allgemeinmenschliches hin.

Zuvörderst jedoch gehören zu den Mitteln die choreografische Erfindung und das, was sie mitteilt. Das ist im Fall der schon 2006 uraufgeführten 45-Minuten-Kreation außerordentlich. Im Zwielicht der Szene treten mit ihrer Unschärfe Menschen in Kontakt, Rock mit Hose, gleich wer sie trägt. Maillot fügt sie vorerst zu Paaren oder Trios, in weich gedehnten Formen und mit tändelndem Armspiel, wie auch Gefühle hin und her wogen. Zum Gloria aus Monteverdis Magnificat von 1610 etwa verwickeln sich drei Männer allmählich in eine Folge von Kopfständen, die sie von der Bühne abführen. Es ist zunächst eine Männerwelt, in der einer vertrauensvoll am anderen hängt, verbunden auch im Kampf, bis eine Frau auf Spitze einbricht. Über die Hände der Partner schreitet sie durch die Luft, wird umgehoben wie ein Fisch im Wasser, gleitet scheinbar über Wellen und fliegt. Präzise wie ein Uhrwerk läuft das ab und ungemein harmonisch zu sehen.

Dann beginnt das Spiel: Sie dominiert einen Mann, hält ihn auf Abstand, schmiegt sich schließlich an – da kehrt sich die Lage um. Zum Finale teilen sich die 20 Tänzer in zwei Gruppen: Fünf Paare finden zusammen, die anderen beobachten sehnend deren Glück. Filigran und ästhetisch stringent spürt Maillot unterm Lichterfirmament intimen Stimmungen nach, ohne zu konkret zu werden. Elena Pris und Vladislav Marinov, Arshak Ghalumyan und Marian Walter, Aurora Dickie und Ekaterina Petina sind die exemplarischen Paare vor einer gediegen agierenden Gruppe. Ein Treffer.

Vom zweiten Beitrag des Abends lässt sich das nicht behaupten. Benjamin Millepied, Choreograf des Skandalthrillers „Black Swan“ und gescheiterter Ballettdirektor der Pariser Oper, hat sich bereits 2014 eines 1912 für die Ballets Russes entstandenen Werks angenommen: Maurice Ravels „Daphnis et Chloé“ nach dem bukolischen Liebesroman des Longus. Als Mann der Zeit abstrahiert er die Story zur belanglosen Formenfolge und schöpft dabei aus seinem Fundus als Ex-Solist beim New York City Ballet. Balanchinesk fällt Tableau I aus, in dem das liebende Paar von Daphnis' Rivalen Dorcon getrennt und Daphnis von Lycéion in die Liebe eingeweiht wird. In Tableau II rauben Piraten Chloé, ehe in Tableau III farbig gewandete Naturwesen das vereinte Paar feiern. Zu Ravels lyrisch hingetupfter, oft dramatischer Komposition, die das Orchester der Deutschen Oper unter Marius Stravinsky beherzt erblühen lässt, hat Szenograf Daniel Buren eine Zweitchoreografie kreiert: Geometrische Teile fahren auf und ab, lenken vom Tanz ab und liefern einen Hauch von Op-Art wie schon sein Streifenvorhang.

Bedauerlicher jedoch der tänzerische Teil. Charaktere finden sich kaum, ausgenommen die Chloé der Elisa Carrillo Cabrera. Weshalb Daphnis und Dorcon gleich gekleidet sind; die Piraten nur durch schwarze Trikots behauptet werden und Oberpirat Dinu Tamaslacaru, bravourös wie eh, seine technischen Tricks ohne Gewinn für das Thema zeigt; Millepied keine erkennbar eigene, bisweilen eher unorganische Bewegungssprache entwickelt, macht den Doppelabend zum halben Genuss. Das potente Staatsballett mit seinem dürftigen Repertoire hätte einen ganzen dringend nötig.

 

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