TANZMEDIEN



Leipzig

BRENNPUNKT KÖRPER

Filmpremiere von Heike Hennigs "Maria XXX" im Centraltheater Leipzig


  • „Maria XXX“. Foto © Joachim Blobel
  • „Maria XXX“. Foto © Joachim Blobel

Die Tanzplattform 2010 konstatierte: Heike Hennig „greift das Tanztheater West auf hohem Niveau an: von Leipzig aus. Damit hat sie, nebenbei, auch Leipzig wieder auf die Tanzlandkarte gesetzt“. Spätestens seit der Inszenierung „Zeit – tanzen seit 1927“ (und dem zugehörigen Kinofilm „Tanz mit der Zeit“ von Trevor Peters), als Hennig ehemalige Tänzer auf die Bühne zurückholte, darunter Wigman-Schülerin Ursula Cain, wird die Choreografin international gefeiert. Die Produktion ist ein Dauerbrenner und wächst unter dem Titel „Zeitsprünge“ als Tanztheater der Generationen mit wechselnder Besetzung weiter.
Seit 2007 entwickelt Hennig kontinuierlich eine neue Sprache für ihr Theater. Durch die Zusammenarbeit mit Musikern und Sängern entsteht etwas, das am ehesten durch den Genre-Begriff Tanzoper gefasst werden kann. Die erste dieser Art war Alcina, aufgeführt auf den Händelfestspielen 2008. Schon hier mischten sich barocke Musik und ausdruckstänzerische Bewegung zu einem neuen Dritten, ging die Plastizität der Instrumente mit dem Instrument Körper eine einmalige Symbiose ein. Auch bei der Eröffnung der Berliner Neuen Museums betanzte Hennig die lichten Räume David Chipperfields, diesmal zusammen mit dem Berliner Barockmusik-Ensemble Lautten Compagney (2010 mit dem Echo Klassik ausgezeichnet). In der minimalistischen Inszenierung „Timeless“ kommt der Raum als bestimmende Komponente bei der Vereinigung von Alt und Neu, Festem und Flüssigem hinzu. In der Architektur laufen die Enden der Zeit im Brennpunkt des Körpers zusammen. Konsequente Fortsetzung fand die neue Form bei Rituale, dass 2009 mit dem Leipziger Bewegungskunstpreis ausgezeichnet wurde. Private Rituale und Gesten wurden zu einem getanzten Archiv der alltäglichen Körpertechniken. Hennig arbeitete erneut mit der Lautten Compagney zusammen. Sie brachte Musiker und Sänger dazu, sich zu bewegen. Über die Synthese verschiedener Künste entstanden überaus dynamische und poetische Momente zwischen Körper, Bewegung und Musik, beachtenswert daher, weil die Künste nicht additiv, sondern intergrativ zusammen wirkten. „Maria XXX“, der vorläufige Höhepunkt der Tanzopernreihe wurde 2010 bei den Händelfestspielen Halle uraufgeführt.
Um die Figur der Maria haben sich unzählige Projektionen gelegt: Zwischen Verehrung und Verachtung, Porno und Prinzessin, Heiliger und Hure. Die Symbolträchtigkeit dieser Mutter- und Frauenfigur könnte kaum größer sein: Als Inbegriff von Reinheit und Demut, als Agentin des Göttlichen, als Prototyp des erlösten Menschen. In der religiösen Dogmatik hat sie als Mutter Jesu von Anbeginn die Rolle der (Form-)Gebenden, des Weiblichen, eines Patiens. Sie ist das Gefäß, das aufnimmt und ausschüttet. Mit ihr geschieht etwas – das ist der Kern ewigen Machismos und seiner brutalen Ausprägungen. In Hennigs „Maria XXX“ betreten die Akteure das Bühnen-Tabernakel als ausgelieferte, bebende Figuren. Die Kostüme sind ganz Maske, sie verbergen und entbergen, verdecken und decken auf. Die Bühne ist ein steriler Altar der Menschheit: Weißer Boden, davor ein Streifen fetter Erde, dahinter ein riesiges Triptychon, mit Berninis digital zerlegter Theresia – als Inbegriff der monotheistischen Ambivalenz von Lust und Grauen. Wieder bringt Hennig Tänzer, Sänger und Musiker der Lautten Compagney zusammen. Die Künste verschmelzen: Musiker tanzen, Tänzer singen, alle sind permanent in Bewegung – äußerlich wie innerlich, bewegend musikalisch, musikalisch bewegend. Die Lautten Compagney spielt Händel'sche und Scarlatti'sche Marienlieder mit ungekannter Wucht und Schwere zugleich. DJane CFM webt aus Barockmusik einen modernen Soundteppich. Die Sänger fliegen, schweben, kriechen zu den todtraurigen Händel-Texten über die Bühne. Bass Daniel Ochoa ist in seiner Körperlichkeit nicht mehr von den Tänzern zu unterscheiden. Die Leistung der Tänzer kann wiederum kaum überschätzt werden. Mit Präzision und bedrängender Präsenz zeigen sie eine Choreografie von internationaler Klasse, vorneweg die atemberaubende Christine Joy Ritter. Die stärkste Nummer ist angelehnt an das Motiv der Schutzmantelmadonna. Ein ungeheurer, steinfarbener Stoff bedeckt die gesamte Bühne, dient als obszönes Laken und schützender Mantel. Alle Akteure ziehen und reißen auf, am und unter dem Tuch. Bedrohlich schöne Wölbungen entstehen. Bis endlich alle dicht gedrängt unter dem unermesslichen Dach stehen, das der bestürzend schönen Etoile Chaville als überdimensionales Gewand dient. Die Darunterstehenden bilden ihren amorphen Körper. Sie zittert, lacht, heult, schreit, singt – ist alles zugleich, gefügig und widerspenstig, abstoßend und anziehend. Die Menschheit als Spielball des allesgebenden, allesnehmenden Gottes, hin- und hergerissen zwischen tiefer Trauer und höchster Verzückung, Wahnsinn und Klarsinn. Hennig bedient sich eines überreichlichen Bewegungs-Repertoires, das ein sehr heutiges Gefühl für den überbordenden Barock vermittelt. Ausdruckstänzerische, weiche Bewegungen werden kombiniert mit aggressivem Crumping (Prince Kwadwo Ofori) oder athletischem bboying (Hong-Nguyen Thai). Hennigs Choreografien agieren mittlerweile auf einem Niveau, das hinter den großen Kompanien nicht mehr zurücksteht. Damit haben sich allerdings auch Probleme ergeben: Die Inszenierungen von Heike Hennig, deren Kompanie seit 2010 als gGmbH organisiert ist, sind selbst finanziert und daher freie Produktionen, sprengen aber den Rahmen der freien Szene. Das Tanztheater Heike Hennig & Co befindet sich in einem Schwebezustand, den viele Truppen, die aus der freien Szene gewachsen sind, kennen. Die Inszenierung sollte nun im Mai endlich in Leipzig gespielt werden, nicht mehr im Kellertheater der Oper, sondern auf der großen Bühne des Centraltheaters. Da dies aber nicht finanzierbar war, fand stattdessen – vor nicht minder vollem Haus – die Filmpremiere statt (in der Reihe Der centrale Film). Freilich war mit dem aufwändig produzierten Film von Hagen Wiel ein gänzlich anderes Kunstwerk zu sehen. Perspektiven von Intimität und Weitwinkel, die nur die Kamera herzustellen vermag, vermittelten eine berührende Mischung aus Nähe und Distanz, Totale und Detail. Dass „Maria XXX“ erst ein Jahr nach der Uraufführung in Hennigs Heimatstadt Leipzig läuft und eben nicht live, ist ein Armutszeugnis für die Stadt. Die sollte schleunigst verstehen, welche Chance sich bietet: Nicht nur ein Platz auf der Tanzlandkarte, sondern auch eine Zugwirkung und ein Vorbild für die freie Theater- und Tanzszene. Dies war auch Thema des anschließenden Publikumsgespräches, in dem Sybille Licht, Redakteurin beim MDR, mit Zuständigkeit für die Tagesthemen, die Wichtigkeit von Kultur auch für die Wirtschaft einer Stadt hervorhob. Wenngleich der Rede von Kultur als Standortfaktor immer ein bitterer Geschmack anhaftet und nur die halbe Wahrheit ist, weist es doch auf ein grundlegendes Problem des Tanzes: Er ist als Kunst oft nicht anerkannt und muss gelegentlich als solche erst legitimiert werden – und dazu braucht es offenbar die Terminologie der Zielgruppe. Moderator Arnd Wesemann, Chefredakteur der Zeitschrift tanz, bemerkte, dass Heike Hennigs Inszenierung an ganz grundsätzliche Fragen der Hierarchie rührt: Auf ihrer Bühne seien alle gleichberechtigt und würden diese herkömmlichen Grenzziehungen durchbrochen. Ebenso wie die flexiblere (und preiswertere) Art der Produktion sich deutlich von dem schwerfälligen Tanker eines städtischen Großbetriebes abhebe. Diese gänzlich andere Ästhetik und Struktur löse bei den Entscheidern und festen Ensembles womöglich Ängste und Widerspruch aus. 2011 wird Heike Hennig in Leipzig sehr präsent sein. Genannt seien nur das Projekt „TURN!“, eine Wagner-Aufstellung mit Universitätsmusikdirektor David Timm im Hôtel de Pologne, die Inszenierung Johannas Schicksal im Park oder die Choreografie zum Leipziger Lichtfest. Die wirklich großen Angebote aber kommen aus anderen Städten – die Oper Bonn hat „Maria XXX“ eingekauft, die Oper Erfurt eine Neu-Produktion für 2012, auch international gibt es Anfragen. Bleibt zu hoffen, dass Heike Hennig immer wieder nach Leipzig zurückkehrt.

Veröffentlicht am 19.05.2011, von Sebastian Göschel in Tanzmedien

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