Kevin Pouzou und Katja Wünsche

Gala bleibt Gala

Premiere für „Ballet Stars Unleashed“ im Musical Theater Basel

Der ehemalige Tänzer Kevin Pouzou möchte gemeinsam mit Katja Wünsche in der Schweiz eine Gala als neue Reihe etablieren. Dabei ist der dortige Markt dafür bereits abgedeckt, sollte man meinen.

Basel, 14/04/2024

Alle Tänzer*innen wissen, dass sie sich früher oder später damit befassen müssen, wie sie ihr Leben nach ihrer Karriere gestalten. Einige verdrängen es, andere bereiten sich darauf vor. Kevin Pouzou, früherer Solist beim Staatsballett Berlin und zuletzt beim Ballett Zürich, hat sich letztes Jahr von der Bühne verabschiedet. Noch als aktiver Tänzer absolvierte er berufsbegleitend zwei Ausbildungen, denen er seit letztem Herbst an der Universität Zürich den Studiengang „Executive Master in Arts Administration“ folgen lässt.

Mutiges Unterfangen

Obwohl er seine Zukunft nicht zwangsläufig im Tanzbereich sieht, hatte er die selbstbewusste Vision, eine Ballett-Gala ins Leben zu rufen, die er mit „Ballet Stars Unleashed“ nach Gründung einer Produktionsfirma in wenigen Monaten realisiert hat und die er in der Schweiz fest etablieren möchte. Vor allem in Zürich ist sie nicht die erste auf dem Markt, auf dem inzwischen Brodbeck & Lips „Homage to Ballet“ einen festen Platz hat, wo Laura Fernandez-Gromovas „Ballett ohne Grenzen“ Anfang des Jahres zum zweiten Mal gezeigt wurde und wo in diesem Jahr noch sowohl Natalia Osipova als auch Roberto Bolle mit ihren Friends des Weges kommen werden. Es ist also ein mutiges Unterfangen, sich auf diesem Terrain behaupten zu wollen, und es ist zudem ungeheuer arbeitsintensiv und wird von Pouzou mit einem winzigen Team gestemmt.

Neuanfang nach dem Abschied

Zur Unterstützung holte er niemand Geringeres als Katja Wünsche ins Boot. Mit dem Weggang Christian Spucks nach Berlin beendete sie letztes Jahr beim Ballett Zürich ihre große Karriere, wurde von ihm seitdem in die Einstudierung seines „Messa da Requiem“ in Helsinki und in Zürich eingebunden, und ist Pouzous Kommilitonin an der Uni.

Wehmut ob des Abschieds von der Bühne ist bei Wünsche und Pouzou nicht spürbar; sie bringen nur zum Ausdruck, dass sie das Teamgefühl und das soziale Umfeld vermissen, das sie während ihres beruflichen Eingebundenseins in großen Compagnien lange erfahren durften.

Beide haben sich mit Offenheit in die Phase begeben, in der sie das Leben, das so lange ihre Identität ausgemacht hat, loslassen mussten, um sich neu zu finden und zu erfinden. Und mit dieser Gala haben sich beide eine große Aufgabe gestellt.

Learning by doing

Kevin Pouzou möchte „Ballet Stars Unleashed“ insofern von anderen Galas abheben, als dass er den von ihm eingeladenen Tänzer*innen nicht auferlegt, was sie zu tanzen haben, sondern sie auffordert, die Stücke zu präsentieren, die ihnen wirklich am Herzen liegen. Somit kuratieren sie sozusagen selbst das Programm.

Für Tänzer*innen ist ein Gala-Auftritt in der Regel eine recht kommode Angelegenheit, da sich um alles – Honorar, Rechte, Reisen, Unterkunft, Proben, Garderoben und eventuelle Sonderwünsche gekümmert wird und selbstverständlich die gesamte technische Infrastruktur vorhanden ist. Katja Wünsche, die während ihrer Bühnenkarriere selbst bei unzähligen Galas weltweit auftrat, erklärt, dass die Vorbereitungszeit für das Event ihr ein völlig neues Verständnis für alle Anforderungen und Bedürfnisse vermittelt hat, die es bei der Organisation eines solchen Events zu bedenken und erfüllen gilt. Für sie und Kevin Pouzou waren die vergangenen Monate ein intensiver Lernprozess auf der anderen Seite ihres früheren Betätigungsfeldes. Mit einem Ergebnis, das Würdigung verdient, da es höchste Qualität auf der Bühne präsentiert.

Zwei Schweizer Erstaufführungen

Für die Erstausgabe von „Ballet Stars Unleashed“ haben zehn hochkarätige Tänzerinnen und Tänzer den Weg in die Schweiz angetreten, um im Musical Theater Basel ein attraktiv zusammengestelltes Programm zu präsentieren. Berückend ist der Auftakt des Abends mit George Balanchines Pas de deux aus „Diamonds“, den Ludmila Pagliero und Mathieu Ganio meisterhaft darbieten. Die beiden Etoiles der Pariser Oper sind perfekte Botschafter der zeitlosen Schönheit von Balanchines Werk.

Durchaus ein Gala-Dauerbrenner, aber auch immer wieder elektrisierend, ist der Pas de deux aus William Forsythes „In the Middle, Somewhat elevated“, zumal wenn er souverän so gleichermaßen präzise wie lässig hingeknallt wird wie hier von Hyo-Jung Kang und Brendan Saye vom Wiener Staatsballett.

Fernanda Oliveira, Lead Principal beim English National Ballet und Gustavo Carvalho, Erster Solist beim Ballett am Rhein, führen in Hans van Manens „Trois Gnossienes“ souverän vor Augen, wie seine Bewegungssprache eine spezielle Chemie zwischen Paaren entstehen lässt.

Mit Marcos Moraus „Degunino“ wird an diesem Abend von Maria Kochetkova die erste von zwei schweizerischen Erstaufführungen präsentiert. Das für sie geschaffene dunkle und verrätselte Solo lässt die grazile Tänzerin mit ihrer ungeheuren Biegsamkeit teils wie eine Marionette erscheinen, deren Gliedmaßen von unsichtbaren Fäden in alle Richtungen gezogen werden, in anderen Momenten wie ein Insekt.

„Das kann der richtig gut!“

Fumi Kaneko und Vadim Muntagirov, beide Principals beim Royal Ballet in London, zeigen mit den Ausschnitten aus „Manon“ und „Dornröschen“ ganz hohes Niveau, brillieren technisch und darstellerisch. Vor allem „Dornröschen“ wird immer wieder auch mit dem Gala-typischen Zwischenapplaus honoriert und Muntagirovs tadellose Manège kommentiert eine beeindruckte Kinderstimme: „Boah, das kann der ja richtig gut!“

Der dänische Tänzer und Choreograf Sebastian Kloborg steuert mit dem spannenden „The Owl Falls“ die zweite Schweizer Erstaufführung des Abends bei. Er hat es erst kürzlich für Maria Kochetkova und Daniil Simkin kreiert, lässt beide wie auf einem psychedelisch angehauchten Trip, verstärkt durch die Musik von Anna Meredith, rasant mit unterschiedlichem Bewegungsformular jonglieren.

Durch Intensität, Innigkeit und losgelöste Leichtigkeit beeindrucken zwei Duette aus Ricardo Amarantes „Loss“ (getanzt von Fernanda Oliveira und Gustavo Carvalho) und aus „Le Parc“ von Angelin Preljocaj (erneut darf man Ludmila Pagliero und Mathieu Ganio bewundern).

Ben van Cauwenberghs Solo „Les Bourgeois“ wirkt inzwischen doch in die Jahre gekommen, auch wenn es das Publikum immer wieder in Begeisterung versetzt. Daniil Simkin präsentiert es routiniert und sehr gekonnt, doch bleibt die fast noch jugendliche, unbekümmerte Keckheit des Brel‘schen Chansons etwas auf der Strecke.

Den schmerzvoll-herzzerreißenden Pas de deux von Tatiana und Onegin, mit dem John Crankos „Onegin“ endet, interpretieren Hyo-Jung Kang und Brendan Saye im letzten Beitrag des Abends mit berührender Noblesse.

Beim Schlussapplaus werden alle zehn Tänzer*innen vom Publikum gefeiert und bekommen vom sichtlich frohen und erleichterten Produktionsteam Blumen überreicht.

Der Platz muss gefunden werden

Der Ablauf einer Gala hat per se eine gewisse „Bravheit“, daher kommt dieser Abend nicht ganz so entfesselt daher, wie der Titel verspricht. Er zeigt aber einen fulminant getanzten Querschnitt aus dem klassischen, neoklassischen und zeitgenössischen Repertoire, der immer wieder mitreißt und die eine oder andere Entdeckung parat hält. Einer Ballett-Gala ein Alleinstellungsmerkmal zu verleihen, ist schwierig, oder gar unmöglich, aber auch so dürfte „Ballett Stars Unleashed“ die Herzen all jener höher schlagen lassen, die diesem Häppchen-Format zugeneigt sind.

Mit Herzblut und Mut zur Lücke wurden eine Vision umgesetzt und Kräfte gebündelt, um „Ballett Stars Unleashed“ nicht nur in Basel, sondern in den beiden kommenden Wochen   mit jeweils leicht unterschiedlicher Besetzung und Programm auch im Théâtre de Beaulieu in Lausanne und im Theater 11 in Zürich zu präsentieren. Und eine Neuauflage im kommenden Jahr ist bereits geplant. Möge dieses ambitionierte Projekt seinen Platz finden.

 

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