Tanzkongress 2013
Tanzkongress 2013

TANZKONGRESS 2013 – DER BLOG

Tag 4: Sonntag 9. Juni Jetzt ist er schon wieder vorbei, der Tanzkongress 2013 in Düsseldorf.

Anna Donderer, Christina Dettelbacher und Anna Wieczorek bloggen zu Workshops, Tagungen, Vorstellungen und Rahmenprogramm

Düsseldorf, 10/06/2013

Anna Donderer, Christina Dettelbacher und Anna Wieczorek 

Kaum zu glauben. Jetzt ist er schon wieder vorbei, der Tanzkongress 2013 in Düsseldorf. Bis zum nächsten müssen wir wieder drei Jahre warten, was mit Sicherheit zu lange ist. Jedoch haben wir in der Tat, wie es Gabriele Brandstetter in der letzten Runde des Salon-Formats „Interweaving Dance Cultures“ formulierte, erst mal einiges zu verdauen. Es gab viel Input in den letzten Tagen, so dass uns die Reizüberflutung zuweilen schwindeln machte - nun stellt sich die Frage: was sind die Früchte, der Output dieses Tanzkongresses? Während wir gespannt auf das angekündigte Online-Resumée der Organisatorinnen Sabine Gehm und Katharina von Wilcke warten, machen wir unseren eigenen Versuch

Und wie versteht man am besten das eigene Denken? Am Beispiel. Dann nehmen wir doch gleich die Gesprächsrunde über das Tanzerbe am heutigen letzten Kongresstag. Moderiert von Claudia Henne sprachen im Studio des Capitol Theaters unter anderem Claudia Jeschke, Millicent Hodson, Kenneth Archer, Antje Pfundtner und Ramsay Burt über Positionen, Ziele und Fragestellungen dieses durch den Tanzfonds Erbe geförderten und immer stärker im Bewusstsein der Tanzwelt etablierten Bereichs. Die Notwendigkeit der Etablierung eines allgemeingültigen Kanons der wichtigsten Tanzwerke wird durchdiskutiert, der entstehende Mehrwert der Beschäftigung mit dem Tanzerbe herausgearbeitet, indem die Auswirkungen der Beschäftigung mit der Tanzgeschichte auf die Gegenwart an Beispielen dargelegt werden.

Antje Pfundners Bearbeitung des „Nussknackers“, den wir selbst im Rahmen des Tanzkongresses sehen konnten, stellt ein gutes Beispiel für die Unterscheidung von „Heritage“ und „Memory“ dar, die für dieses Thema notwendig erscheint. Die Frage, ob das Tanzerbe etwas bereits Vorhandenes ist, mit dem wir umgehen müssen oder ob es etwas ist, das erst noch von uns erschaffen werden muss, geht einher mit der Betonung der eigenen Verantwortung und der Infragestellung der Sinnhaftigkeit der bloßen Dokumentation der Historie. Ist es in Einzelfällen auch wichtig „blank spaces“ offen zu lassen, um die Geschichte als Vergangenes in Würde ruhen zu lassen? Die Diskussion geht flüssig ihren Gang und die Zuhörerschaft lauscht gespannt.

Allerdings bleiben tiefgehende Einblicke in verschiedene Themengebiete auf diesem Tanzkongress leider eine Seltenheit. Zwar schätzen wir es die Prominenten der Szene zu bekannten Themen diskutieren zu hören, was am Ende allerdings dabei herauskommt, kann nicht wirklich oft als „neu“, „innovativ“ oder als „Freisetzung von blockierten Energien“ bezeichnet werden, wie es Marianne Schirge in ihrer Eröffnungsreden von den stimulierenden Akkupunkturpunkten versprach. Demnach fühlen wir uns nur bedingt angesprochen, wenn Hortensia Völckers ihr Resumée über den tatsächlichen Nutzen des Tanzkongress 2013 mit den Worten abschließt, dass: „(...) insbesondere der internationale Nachwuchs und die vielen studentischen Teilnehmer wertvolle Erfahrungen machen konnten.“ Wertvolle Erfahrungen? Ja vielleicht, Überforderung? Bestimmt – aber Denkanstöße? Eher selten.

Ein wenig mehr politische Inkorrektness hätte den Diskussionen sicherlich gutgetan, vor allem wenn diese sich um das Thema der interkulturellen Verständigung drehten. „Schluss mit den Anführungszeichen!“, möchte man als Parole für kommende Diskussionen in diesem Gebiet rufen. Als gäbe es in der Politik nicht schon genug Drumherum-Gerede - da sollte sich die wissenschaftliche Praxis nicht auch noch anschließen. Der Bedarf nach Konfrontation statt seichter Kommunikation zeigt sich in einer der wenigen Veranstaltungen, in der es wirklich gekracht hat: „Kulturpolitik in der Postkolonie“, in der Faustin Linyekula sich eröffnend darüber beschwert, dass ein Gespräch über postkoloniale Kulturpolitik für ihn wenig Sinn macht, weil es sowas in seinem Land einfach nicht gibt. Dieser emotionale Einstieg ins Gespräch erzeugte eine Atmosphäre, die vielleicht nicht angenehm, aber gerade dadurch fruchtbar für eine wirkliche Begegnung zwischen den Kulturen war. Solche Momente hätte es mehr geben sollen. Denn in ihnen zeigt sich, worauf es im interkulturellen Austausch ankommt: eine Akzeptanz der verschiedenen Ausgangspunkte, ohne daraus einen Vorwurf zu machen – egal für welche Seite. Vielleicht hätte es dem Programm geholfen, wenn die Überforderung nicht in dem Konflikt, welche der parallelen Veranstaltungen man jetzt besuchen soll, gelegen hätte, sondern in der Chance, sich Zeit zu nehmen für die Diskussionen. Zeit für Gespräche, Begegnungen und vor allem für Konfrontation. Das wünscht sich die Nachwuchsgeneration für den Tanzkongress 2016. Und vielleicht ein etwas günstigeres Mittagsangebot.
 

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