In Magdeburg bedient Gonzalo Galgueras „Debütantenball“ Lokalkolorit

Schmetterlinge im Kristallpalast

Magdeburg, 24/09/2010

Ein Glücksfall fürs Ballett Magdeburg, dieser „Debütantenball“ von Gonzalo Galguera. Verschweißt er doch auf überzeugende Weise Lokalkolorit mit zwei Klassikern des Repertoires. Zählt David Lichines „Graduation Ball“ mit Musik von Johann Strauß seit der Uraufführung 1940 zu den international gern gespielten Halbstündern, sieht man Marie Taglionis „Le Papillon“ seltener auf den Bühnen. Dresden zu DDR-Zeiten, etwas später Halle haben sich des kruden Stoffs von der Hexe Hamza angenommen, die nur durch den Kuss eines Emir-Neffen jung werden kann. Der aber begehrt Hamzas Magd Farfalla, die von der Hexe wütend in einen Schmetterling verwandelt wird. Ganz im Sinn der Spätromantik findet das liebende Paar zusammen; nur für die brillante Emma Livry, Tänzerin der Farfalla, gab es kein Happyend: Drei Jahre nach der Uraufführung 1860 in Paris erlag sie 21-jährig ihren schweren Brandverletzungen. Dem Zeitenbrand in Magdeburg wieder fiel ein Gebäude zum Opfer, das viele noch als Spielstätte fürs Varieté kennen. All das tat Galguera in seinen Ballettmixer und mischte daraus ein gut zweistündiges Handlungsballett. Ein Film leitet es ein.

Eine alte Tänzerin erinnert sich per Foto und Spitzenschuh des Debütantenballs im einstigen Kristallpalast. Dessen vermauerte Ruine sucht sie über wucherndes Gestrüpp auf, wird hinter der Leinwand zum jungen Mädchen von damals. Unter Leitung einer Gouvernante betritt sie mit Klassenkameradinnen den durch Ausstatter Jérôme Kaplan reanimierten Saal, um dort einen kurze Variante des Balletts „Der Schmetterling“ zu proben. Zuschauer werden städtische Honoratioren und die Kadetten des Füsilier-Regiments sein. Dass es zwischen Debütantinnen und Jungsoldaten bald amourös knistert, liegt auf der Hand; auch die Gouvernante und der historisch korrekte General Sixt von Armin finden sich. Dem Zeremonienmeister bleibt nur die eine oder andere Ohnmacht. Nach dem Ballett im Ballett, der „Schmetterlings“-Einstudierung auf der Bühne im Kristallpalast, trennen sich die Geschlechter zwar; die verliebten Herzen bahnen sich indes „backstage“ ihren Weg. Nur die Alttänzerin, vor Dezennien wirklich im Magdeburger Ballett engagiert, träumt am Ende allein der verflossenen Jugend nach.

Emotionen also im Stück wie auch bei denen, die es sehen und auf ihre Weise mit der Stadt und ihrer Historie verbunden sind. Mit wie viel Spaß und welcher Feinkomik Galguera die Charaktere zeichnet, komödiantische Einlagen auskostet, ohne in Klamauk abzugleiten, zeigt sein stetig wachsendes Handwerk als Erzähl-Choreograf. Dass er dabei nicht auf tanztechnischen Anspruch verzichtet, legt dem jungen Ensemble die Messlatte hoch. Zu Walzern, Galopps, Polkas von Strauß, zwischendrin den zündenden Melodien des Offenbachschen „Papillon“ fächern sie das Arsenal des klassischen Tanzes auf und spielen dabei noch, als ginge es um ihr Leben. Eine Sektlaunekreation, in der sich als Farfalla Veronika Zemlyakova, als Hamza Anastasia Gavrilenkova bestens zeigen können, assistiert von Kirill Sofronov als Kadett, Jake Burden als Kobold, Daniel Ojeda als Zeremonienmeister. Michael Lloyd schäumt die Magdeburgische Philharmonie auf, selbst der Flugpionier Hans Grade hat seinen Auftritt. Bleibt zu hoffen, dass man im Theater dieses Juwel lange funkeln lässt.
 

Wieder 3.10., Kartentelefon 0391-540 65 55,
Infos unter 
www.theater-magdeburg.de

 

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