Was vom Leben übrig bleibt

Das Nederlands Dans Theater zu Gast in der Oper Köln

Köln, 07/10/2009

Mit einem dreiteiligen Ballettabend begeisterte das Nederlands Dans Theater am Wochenende bei seinem Gastspiel in der Oper das Kölner Publikum. „Shoot the Moon“ (2006), vom Choreografen-Duo Paul Lightfoot und Sol León, ist ein im positiven Sinn theatralisches Ballett über Liebesbeziehungen. Vom ersten Takt der Musik, dem Movement II von Philip Glass, von der ersten Bewegung des Paares in elegantem Schwarz, fühlt man sich in ein Drama mit unbekanntem Ausgang hineingezogen. Eben noch die Hand am Türgriff, bereit zum Gehen, entspannt sich ein intensiver tänzerischer Dialog, der sich im nächsten Raum mit einem anderen Paar noch expressiver fortsetzt. Rotierende Wände schaffen drei Räume, verbunden durch offene Fenster und spaltweit geöffnete Türen. Sie wirken wie Seelenräume, in die man tritt, um sie verändert wieder zu verlassen. Klassische und zeitgenössische Bewegungen verbinden sich zu sprechendem Tanz. Abgeknickte Hände, unfähig zum Kontakt, Arme, die in gedehnter Spannung nach vorn schießen, heftige Drehungen, als wolle man etwas abschütteln, eine angedeutete Umarmung, die nie ausgeführt wird, eine erschreckte Hand an der Wange oder ihr Kopf zwischen seinen Händen wie in einem Schraubstock: Präzise charakterisieren Lightfoot/León mit jeder noch so minimalen Bewegung das Verhältnis der Beziehung. Kein Schritt zu viel und keiner zu wenig. Dazu noch atemberaubend schön im tänzerischen Ausdruck. Vielleicht sind ihre Stücke deshalb so spannungsgeladen wie sensibel, weil die Beiden als zwei in ihren Charakteren völlig unterschiedliche Künstler gelten. „The second Person“ (2007), ein humorvolles und tiefgründiges Tanzstück der Choreografin Chrystal Pite über Individualität und Masse, kann nach dem unglaublich dichten Auftaktstück leider seine Stärken nicht entfalten. Grandios besonders das Ende, wenn die Masse statt einer kleinen hölzernen Marionette nun eine Tänzerin marionettenhaft dirigiert.

Während bei den jungen Choreografen wieder narrative Ballette angesagt sind, bleibt Alt-Meister Jiři Kylián mit „Vanishing Twin“, dem dritten Teil des Tanzabends, ganz auf der abstrakten Ebene. Sein Twin, sein verlorener Zwilling, sind die oft gedachten, unerledigten Dinge des Lebens. Drei Paare suchen in verschiedenen Konstellationen danach. Es ist ein wegen seiner inhaltlichen und tänzerischen Abstraktheit schwieriges Stück, voll subtiler sexueller Andeutungen, das wohl auch deshalb seit seiner Premiere 2008 nicht mehr aufgeführt wurde. Schnörkellos klar getanzt, eröffnet es dem Zuschauer einen weiten Assoziationsraum. Heftiger Applaus für einen großartigen Tanzabend.

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