Eine zwiespältig aufgenommene Huldigung

Premiere der „Hommage aux Ballet Russes“

Hamburg, 29/06/2009

Mit der traditionellen Premiere zum Beginn der Hamburger Balletttage erfüllte sich Ballettintendant John Neumeier dieses Jahr einen lang gehegten Traum: er brachte – in eigener Choreografie und gänzlich neu erfunden – „Le Pavillon d’Armide“ wieder auf die Bühne, das seit 1916 nicht mehr gezeigt wurde und das beim ersten Auftritt der Ballets Russes im Westen im Mai 1909 zur Geburtsstunde der kometenhaften Karriere des Tänzers Vaslaw Nijinsky wurde. Außerdem überließ ihm der Balanchine-Trust den „Verlorenen Sohn“, das letzte Werk, das George Balanchine 1929 für die Ballets Russes choreografiert hatte, und er konnte endlich auch die Rekonstruktion von Nijinskys „Sacre du Printemps“ von Millicent Hodson und Kenneth Archer dem Repertoire der eigenen Kompanie hinzufügen.

Das Publikum teilte den Enthusiasmus für diesen Traum nicht komplett – und so wurde dies ein Abend der Kontraste, sowohl auf der Bühne, als auch in der Akzeptanz des Publikums. Beginnen wir beim Schluss: So lahm war der Beifall seit Jahren nicht mehr in der Hamburger Oper, wenn Ballett auf dem Spielplan stand. Und schon lange war es nicht mehr vorgekommen, dass Zuschauer mitten im Stück den Saal verließen. Offenbar ist der Choreograf Nijinsky – auch 96 Jahre nach der Uraufführung seines „Sacre“ in Paris – heute immer noch in der Lage, das Publikum zu spalten. Schon damals, so schrieb der englische Autor John Gould Fletcher an seinen Freund Beaumont, habe die Hälfte des Publikums Bravo geschrien, die andere habe gejohlt und gebuht. Ganz so drastisch ging’s in Hamburg zwar nicht zu, aber offen gezeigtes Desinteresse bzw. die Verweigerung des Beifalls sind für die distinguiert-zurückhaltenden Hanseaten deutlich genug. Tatsächlich ist dieses „Sacre“ – gewissermaßen die Urmutter all der folgenden Versionen, die so gut wie jeder Choreograf, der etwas auf sich hält, auf die Bühne brachte – gewöhnungsbedürftig. Besteht es doch aus einer Abfolge von heidnisch anmutenden Kreistänzen, bei denen Mädchen und Jungen, Frauen und Männer anfangs fast spielerisch-heiter die Erde anbeten, dann aber – der fast magisch anmutenden Musik entsprechend – immer ernster und aggressiver werdend auf die Opferung der Auserwählten zusteuern. Der Clou an diesem Stück ist, dass es durchgehend mit eingedrehten Füßen getanzt wird und bar jeder klassischen Haltung ist – schief gelegte Köpfe, runde Rücken, hängende Arme, schwere Beine, seitlich parallel geführte Arme und Füße, meist über den Boden schlurfend und stampfend, mit aberwitzig schwierigen Rhythmen und Wechseln in den Ensembles (wie kann man das bloß zählen??). Die Tänzer archaisch-folkloristisch gekleidet, die Mädchen an Indianerinnen erinnernd, mit dünnen, langen Zöpfen und reich bestickten und bemalten Gewändern (allein die Herstellung der Kostüme hat 4000 Arbeitsstunden verschlungen). Nijinsky verstand sich perfekt darauf, mit allem, was klassisch und romantisch war, gründlich aufzuräumen, davon ist in diesem Stück nichts, aber auch gar nichts mehr zu erkennen. Und gerade das macht dieses Stück so modern und so faszinierend – Nijinsky war hier seiner Zeit weit, weit voraus, und offenbar bis ins 21. Jahrhundert hinein. Keiner weiß, wie nah die in Hamburg gezeigte Choreografie tatsächlich am Original ist – die Rekonstruktion erfolgte in mühevoller Puzzlearbeit –, aber es ist auch egal, wenn sie so inspiriert und hingegeben getanzt wird wie jetzt vom Hamburg Ballett. Nijinsky schrieb damals an Strawinsky über sein Stück: „Für einige wird es neue Horizonte öffnen, riesige Horizonte, durchflutet von verschiedenen Stadien der Sonne. Die Menschen werden neue und andersartige Farben sehen, alles ist fremd, unerwartet und schön.“ So war es.

Den Mittelteil der Hamburger Ballets-Russes-Hommage bildet „Pavillon d’Armide“ zu Musik des eher unbekannten Nikolai Tscherepnin, von Neumeier komplett neu choreografiert – das am meisten umjubelte Stück des Abends und gewissermaßen eine Fortsetzung seiner großen Charakterstudie „Nijinsky“ aus dem Jahr 2000. Zu Beginn kommt Nijinsky in einem Pavillon auf dem Gelände des psychiatrischen Krankenhauses „Bellevue“ in Kreuzlingen an. Über seinem Bett hängt ein Gemälde des Bühnenbilds, das Alexandre Benois für die historische „Pavillon“-Aufführung gemalt hat. Dieses Gemälde wird in Nijinskys Vorstellung zum Leben erweckt, hebt sich zum Prospekt und bildet den Rahmen für seine Erinnerungen an frühere Glanzrollen: vor allem den „Danse siamoise“ (von berückender Eleganz und Biegsamkeit: Thiago Bordin) und den legendären Pas de trois nach Fokine (präzise und akademisch bestechend: Carolina Agüero, Lesley Heilmann und Alexandre Riabko), aus dem Neumeier einen Pas de cinq macht, indem er „Armide“ alias Anna Pawlowa vom Mariinsky-Ballett (edelst in der Linie: Joëlle Boulogne) und Nijinsky selbst mit eingliedert. Zwar erscheint dieser Teil gefühlte 30 Minuten zu lang, aber es wäre kein Stück von Neumeier, wenn sich die Choreografie bei näherem und vor allem häufigerem Hinsehen nicht doch als besonders reichhaltig und abwechslungsreich entpuppen würde. Auch erstickt Otto Bubeníčeks Nijinsky jede aufkommende Langeweile im Keim – so intensiv, so dramatisch und doch auch so in sich zurückgenommen-versammelt hat man diesen Tänzer noch nie gesehen. Was früher so oft im Schatten des nach außen brillanteren, mit noch etwas mehr Bühnenpräsenz gesegneten Zwillingsbruders Jiří lag, bricht sich hier endlich Bahn und wächst zu einer großartigen Eigenständigkeit.

Otto Bubeníčeks Intensität und der zarten, liebevoll ausgearbeiteten und doch ungemein kraftvollen Choreografie – vor allem zu Beginn, am Schluss und in einem fantastischen Pas de deux zwischen Ivan Urban (in der Doppelrolle als Arzt und Diaghilew) und Bubeníček – ist es zu verdanken, dass man sich beim Schauen unwillkürlich Gedanken macht über die Psychiatrie als solche und ihre verschiedenen Facetten. Wo hört Normalität und Gesundes auf, wo fängt Verrücktsein und Krankheit an? An welche Welt sind Menschen angeschlossen, die wir psychisch krank nennen? Was sehen, hören und fühlen sie, was nehmen sie wahr, was uns verschlossen bleibt? Ist ihr Um-sich-Schlagen womöglich Ausdruck tiefster Verzweiflung darüber, dass wir zu blind sind, um zu sehen, zu taub, um zu hören, zu abgestumpft, um zu fühlen? Wieviel Schutz braucht so ein Mensch, dessen Seele der Pflege bedarf, der Hülle, der Achtsamkeit? Durch die Verflechtung der Rollen des Arztes und Diaghilews in einer Person löst Neumeier die Widersprüche auf – und es bleibt als Essenz die Liebe. Ein Geniestreich dann der Schluss: Nijinsky, allein auf leerer Bühne, entledigt sich seines Anzugs und hängt sein Jackett seinem abgespaltenen Ich (oder wem sonst?) über die Schultern, das sich zuschauend auf eine Bank setzt, während er selbst zu den ersten Takten von „Sacre“ die Posen setzt, die Neumeiers erste Annäherung an Nijinsky aus 1979 zitieren: „Vaslaw“ – und der Kreis schließt sich.

Und schließlich Balanchines „Verlorener Sohn“ nach einem biblischen Gleichnis: Junger Mann verlässt alten, weisen Vater, trifft eine Sirene, verliert alles und kehrt reumütig nach Hause zurück, wo ihn der Vater wissend in die Arme schließt. Hier zeigt sich der sonst so als nüchtern und puristisch verschriene Balanchine als fantasievoller Geschichtenerzähler alter russischer Tradition mit höchst moderner, expressionistischer Tanzsprache vor einem ebensolchen Bühnenbild (von Georges Rouault, der seinerzeit zu den „Fauves“ gehörte, den damaligen „Jungen Wilden“). Neben dem exzellent tanzenden 20-jährigen Alexandre Trusch als Sohn brilliert hier vor allem Hélène Bouchet als Sirene. Wie ein Spinnenweibchen umgarnt sie ihr Opfer, distanzgebietend und respektheischend, aber auch lockend, lasziv-kokett, von unwiderstehlicher Verführungskraft, um es dann gezielt auszusaugen und fallenzulassen. Neben den Solisten glänzt das Corps de ballet mit technischer Brillanz und einem fantastischen Bewegungswitz, den Balanchine-Legende Patricia Neary höchstpersönlich perfekt einstudiert hat. Alles in allem ein Abend der Kontraste und doch auch der gemeinsamen Basis, die nach einem Jahrhundert Tanzgeschichte so modern ist wie ehedem und den die Hamburger Philharmoniker unter Klaus-Peter Seibel einfühlsam begleitet haben.

Weitere Vorstellungen am 30. Juni und 11. Juli sowie in der nächsten Spielzeit. 

www.hamburgballett.de

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