Aus dem Vollen geschöpft

Ballett-Werkstatt „Debut“ beim Hamburg Ballett

Hamburg, 06/10/2008

Es ist schon eine liebgewordene Tradition, dass die erste Werkstatt der laufenden Spielzeit ein Debut ist in jeder Hinsicht: Tänzerinnen und Tänzer präsentieren sich in ungewöhnlichen Rollen und diverse Gruppentänzer als Solisten. Der Ballettintendant, John Neumeier, wägt dann ab und komponiert gemeinsam mit seinen Ballettmeistern und Assistenten ein gut zweistündiges, höchst abwechslungsreiches Programm, in dem er selbst einen anderen Blick bekommt auf die Mitglieder seiner Kompanie und ausprobieren kann, ob sich eine Besetzung so, wie er es sich ausgedacht hat, bewährt. Insofern ist „Debut“ auch immer eine Vorbereitung auf die kommende Spielzeit.

Dieses Jahr begann das Programm eher konventionell mit einer Passage aus dem „Blauen Vogel“ aus Dornröschen – noch sehr brav und nicht mit der nötigen Bravour zelebriert von Anna-Lena Wieg. Dann die Kostproben der Eleven: Taisia Muratore mit einem Solo aus Neumeiers „Cinderella“; Madison Keesler, Neuzugang aus San Francisco, mit einem Solo aus dem Pas de Deux von Don Quijote nach Marius Petipa; Amélie Berthet mit einem Stück aus dem anspruchsvollen Part der „Heather“ aus „Préludes CV“, ergänzt durch den nicht minder schwierigen Pas de Deux „Heather/Lloyd“, den die zauberhafte Yuka Oishi und Orkan Dann souverän absolvierten, wenngleich Orkan Dann in diesem Part ein bisschen zu selbstbewusst ist, zuwenig fragend. Florencia Chinellato und Yosuke Kusano, eine bildhübsche, quirlige Italienerin und ein hochgewachsener Japaner, präsentierten „The man I love“ mit der Unschuld und Anmut, wie sie nur eine sehr junge Liebe ermöglichen kann.

Viel Tiefgang gab es dann in Teil 2 der Werkstatt, wo sich der gerade 20-jährige Australier Joel Small (der alles andere ist als klein) mit der Rolle des Petruschka aus Neumeiers „Nijinsky“ ein höchst anspruchsvolles tänzerisches und darstellerisches Schwergewicht ausgesucht hat. Unschwer ließ sich erkennen, wie sorgsam Lloyd Riggins, der dieser Rolle seinen unverwechselbaren Stempel aufgedrückt hat, mit diesem Nachwuchstänzer gearbeitet hat, um aus ihm die Verzweiflung und Tragik herauszuholen, die diese Rolle dem Tänzer abverlangt – zumal ohne jede Kulisse, ungeschminkt und im Trainings-Trikot. Nicht minder fulminant der Orion aus Neumeiers „Sylvia“ von Vladimir Hayryan, und Arsen Megrabian verausgabte sich sowohl körperlich wie seelisch im grandiosen Solo aus Neumeiers „Sacre du Printemps“. Sébastien Thill widmete ein eigenes Stück seinem geistigen Lehrer, dem Buddhisten und Philosophen Daisaku Ikeda, in dem er sich mit den beiden Enden eines langen, am Bühnengalgen befestigen knallroten Tuchs beschäftigte – sich aus- und einwickelnd, daran schwebend, sich daraus befreiend, davon gehalten. Mit einem stilsicheren und mit Carsten Jung ebenso innig wie exakt getanzten Pas de Deux aus „Der Nussknacker“ empfahl sich die Brasilianerin Mariana Zanotto als Marie, und die aus Dresden neu engagierte Solistin Leslie Heylmann zeigte gemeinsam mit Alexandre Riabko, dass „You never know“ von Yaroslav Ivanenko, dem Hamburger Gruppentänzer und Choreographen, keine Kulissen braucht, um seinen Charme und seine Faszination zu entfalten.

Die letzte halbe Stunde der Ballettwerkstatt war dann ein einziges fulminantes Crescendo: Hélène Bouchet zeigte, dass sie als Zweitbesetzung der „Kleinen Meerjungfrau“ den Vergleich mit Silvia Azzoni nicht zu scheuen braucht (während Dario Franconi als Prinz leider mehr als flach bleibt). Der mit 19 Jahren noch blutjunge Ukrainer Alexandr Trusch bot mit dem ungemein schwierigen, fast 20-minütigen großen Solo als Joseph aus Neumeiers „Josephs Legende“ unbestritten einen der Höhepunkte der Matinée. Er hat die nötige Jugend, aber auch die technische Reife, um diese Rolle ebenso glaubwürdig und brillant auf die Bühne zu bringen, wie seinerzeit Kevin Haigen, der heute zu seinen wichtigsten Lehrern zählt. Mindestens ebenso großartig Patricia Tichy als Potiphars Weib – die ehemalige Wiener Ballerina, die in Hamburg ebenso wie Trusch (noch) im Corps de Ballet tanzt, zeichnet diese Rolle weicher und weiblicher als Kusha Alexi und Joelle Boulogne, weniger hart und kalt, aber von einer so tiefen, anrührenden Verzweiflung, dass einem schier das Herz bricht. Lucia Solari debütierte in einem Ausschnitt aus Neumeiers „Kameliendame“ als anrührende Manon, wunderbar gestützt durch Alexandre Riabko als Des Grieux. Das Stück wird erst im Mai 2009 wieder aufgenommen, dann jedoch in einer Besetzung, die zu größter Vorfreude Anlass gibt: mit Silvia Azzoni als Marguerite und Thiago Bordin als Armand. Wenn diese beiden jetzt schon in der Lage sind, aus dem Stand im Rahmen einer Werkstatt die emotionale Dichte des großen „schwarzen“ Liebes-Pas-de-Deux, der zu den ganz großen der Ballettliteratur gehört, so auf die hell ausgeleuchtete Bühne der Hamburger Staatsoper zu bringen, dass einem die Tränen in den Augen stehen, wie mag das dann erst werden, wenn die ganze Geschichte in ihrer ergreifenden Tragik vorausging?? John Neumeier kann mehr als stolz sein auf seine Kompanie!

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