Ein Traum von Freiheit

Mit Traumtext II stellte Helga Pogatschar ihre zweite Auseinandersetzung mit Heiner Müllers Prosatext vor

München, 19/04/2006

Von Yvonne von Duehren

Schon der Name des Veranstaltungsortes, die so genannte Black Box im Gasteig, ist Sinnbild der Atmosphäre, die diese Aufführung ausmacht: eine klaustrophobische Enge, das Gefangensein in Raum und Zeit und der ausweglose Versuch, der eigenen Orientierungslosigkeit und Vereinsamung zu entkommen.

Die verschiedenen Elemente der Performance – Bewegung, gesprochener Text, Videoprojektion und Musik – verstärken mit ihren jeweils eigenen Mitteln als auch im Zusammenspiel die vorherrschende Stimmung und machen die Isolation für alle Sinne wahrnehmbar. Im vorgetragenen Text von Heiner Müller heißt es: „Ich gehe, meine Tochter, sie ist zwei Jahre alt, in einem aus Bambus geflochtenen Korb auf dem Rücken, einen schmalen Betonstreifen ohne Geländer am Rand eines riesigen Wasserbeckens entlang, rechts oder links von mir, je nach der Richtung meines Rundgangs, […] eine unersteigbar hohe Wand, die ebenfalls aus Beton besteht. Die Wand ist ohne Lücke, kein Ausstieg aus dem Kessel, ein Rätsel, wie ich herein gekommen bin, […]“. Dazu bewegt sich der spanische Tänzer Cesc Gelabert auf einer von allen Seiten einsehbaren, gegenüber den Zuschauerplätzen tiefer gelegten Bühne. Auf dem Boden liegend windet er sich entlang des Bühnenrandes, mal passt er sich in die Ecken ein, dann stemmt er sich gegen die Begrenzungen, er springt auf, suchend nach einem Ausweg, sich aufbäumend gegen sein Schicksal, dann wieder lässt er sich matt zurückfallen in Akzeptanz seiner aussichtslosen Situation. Musikalisch wird diese Atmosphäre durch Pogatschars Komposition für Bassklarinette und Posaune unterstützt, deren Klänge den Schmerz des Gefangenen auch akustisch offenbar werden lassen. Dazu Videoeinspielungen und Lichtinstallationen auf einer Leinwand, die wie ein runder Schornstein von der Decke in das Sichtfeld der Bühne ragt, und damit die Begrenztheit des Raumes noch verstärkt. Zunächst ein Gewirr von Farben und Formen, werden auf der Leinwand Menschen erkennbar, im Schwimmbad, auf dem Bahnhof – Ansammlungen von bunt gekleideten umherwirbelnden Personen, die im krassen Gegensatz zu dem einsamen schwarz gewandeten Tänzer auf der Bühne stehen. Und dennoch, auch diese Bilder verdeutlichen eine ewige nicht zu durchbrechende Kreisbewegung, die synchronisierten Bewegungen sind Zeichen der Konformität nicht der Gemeinschaft. Helga Pogatschar hat Heiner Müllers Text ein zweites Mal eindrucksvoll auf eine neue Ebene gebracht – eine Tanz-, Klang- und Videoinstallation, die die Isolation und Orientierungslosigkeit des Menschen mit allen Sinnen erlebbar macht. „Bleib weg von mir, der Dir nicht helfen kann“ – mit diesem Satz endet das Stück; der zwangsläufige Tod des Protagonisten markiert gleichzeitig einen Neubeginn – denn die Erkenntnis über eine ständige Bewegung im Kreis löst auch das Rätsel des Einstiegs in die Welt des Protagonisten: Er war von vornherein dort.

Kommentare

Noch keine Beiträge