Jean-Philippe Rameaus Ballettoper „Les Indes galantes“

oe
Zürich, 11/05/2003

Nach dem gestrigen Kulturschock der Erkenntnis, nicht mehr dazuzugehören, herausgefallen zu sein aus Zeit und Gegenwart, ein Alien in einer fremd gewordenen Welt (Meg Stuart und ihre Damaged Goods in „Visitors Only“) heute nun die Genugtuung der Feststellung, dass es außer mir offenbar doch noch ein paar Hundert Übriggebliebene gibt – zumindest im Zürcher Opernhaus (in Stuttgart sowieso, da bin ich mir sicher). Der Anlass: die Schweizerische Erstaufführung von Jean-Philippe Rameaus Ballettoper „Les Indes galantes“ von 1735/36.

Sie wurde zu einem Triumph – für Rameau und das Zürcher Opernhaus mitsamt seinem Produktionsteam, bestehend aus William Christie (Dirigent), Heinz Spoerli (Inszenierung und Choreografie), Hans Schavernoch (Bühnenbild), Jordi Roig (Kostüme), Jürgen Hoffmann (Lichtgestaltung), François Bazola als Leiter des eigens aus Paris importierten Chors Les Arts Florissants, dem auf historischen Instrumenten spielenden Orchester La Scintilla der Zürcher Oper und dem auf sehr lebendigen Beinen tanzenden Zürcher Ballett nebst den Zürich Juniors – nicht zu vergessen schließlich die Weltklassesänger des Zürcher Solistenensembles.

Zur wiederholten Erinnerung: dies will und kann keine Kritik sein (die man, sofern überhaupt daran interessiert, in den Printmedien nachlesen muss), sondern ein Journal – eben eine Art Tagebuch als Aufzeichnung von ein paar ersten Eindrücken! Dies also ist die größte und anspruchsvollste Ballettoper überhaupt – offiziell eine „Opéra-ballet en un prologue et quatre actes“, in der Zürcher Premiere mit nur einer Pause von 220 Minuten Vorstellungsdauer. Ihr Indienbezug ist nicht wörtlich zu nehmen – Indien meint damals alles weit Entfernte, Exotische. Und so flüchten wir uns vor den Kriegsbedrohungen des alten Europa zuerst in die Türkei, dann zu den Inkas nach Peru, weiter in die persischen Blumengärten und zum Schluss zu den edlen Wilden, den Indianern von Nordamerika – sozusagen mittels Laborexperimenten auf der Suche nach der idealen Liebe. Historische und geografische Couleur locale spielt kaum eine Rolle, findet allenfalls im Dekor, den Kostümen und nur andeutungsweise auch in den Tänzen statt, die Spoerli in seiner bewährten, hoch musikalischen, alle möglichen Elemente aus Charaktertanz, Sport und Humor integrierenden Schwyzer Neoklassik choreografiert hat, ausgehend im Prolog von ein paar Ballet-de-cour-Grundmustern, doch sich schon im Türkenbild freimachend von allen Historizismen und ethnischen Anlehnungen.

Die dramaturgische, hauptsächlich dekorative Verklammerung durch den zeitlichen Transfer in ein weiteres „Indien“, nämlich die Pariser Weltausstellung von 1889 im Schatten des Eiffelturms, ist zwar eine clevere Idee, bringt aber zu viel Eisen und Glaspalast-Architektur ins Spiel und suggeriert unweigerlich – Offenbach! Die Tänze, große, ausladende Entrées, mit unzähligen kleineren Ensembles, so gut wie gar keinen Soli, dafür aber mehreren Pas de deux für die Quartett-Solisten Evelyne Spagnol und Ana Quaresma, Nicolas Blanc und Akos Sebestyén, sind von einer phantastischen Vielfalt und werden bravourös und unweigerlich gute Laune stiftend getanzt – mit den drei Jungs von Dmitri Govoroukine, Arman Grigoryan und Vitali Safrokine, die als Les jeunes amours durch das ganze Stück gehen, von einer appetitanregenden Sexiness. Fabelhaft auch die drei Loïe-Fuller-Grazien von Fabiana Maltarolli, Galina Mihaylovs und Diana Miqueo. Nur im ausufernden Ballets des fleurs wünschte ich mir ein paar behutsame Striche.

Im Übrigen war ich hingerissen von so viel Jugend, Schönheit und Harmonie. Geradezu übersättigt, konnte ich mich doch nicht satt sehen (und hören) und bin entschlossen, mich noch ein zweites Mal (mindestens) dieser Generalattacke auf alle meine Sinneskräfte auszusetzen!

Kommentare

Noch keine Beiträge

Ähnliche Artikel

basierend auf den Schlüsselwörtern