KRITIKEN 2004/2005



Paris

TRIUMPH DES AMOR

John Neumeiers "Sylvia" an der Pariser Oper


Amor in feuerroter Latzhose? Nymphen in ledernen Brustpanzern und kurzen Hosen? Hirten mit signalgelben Baseballkäppis? Die Modernisierung eines Mythos gelingt freilich nur wenigen so gut wie hier John Neumeier auf der Bühne der Opéra Bastille (die Uraufführung fand 1997 im Palais Garnier statt). Er hat den Mythos von Sylvia, der Nymphe, die ihren Keuschheitsschwur gegenüber der Jagdgöttin Diana durch die Liebe zu dem Schäfer Aminta bricht, aus seinem griechisch-römischen Kontext genommen und in einen zeitlosen Raum versetzt. Dabei hat er das romantische Schema des zweiaktigen Balletts, das zuerst in der Realität, im zweiten Akt in einer Traumwelt der Willis oder Sylphiden spielt, umgedreht, indem er dem ersten Akt das Reich der Götter, dem zweiten die harte Realität der Menschen zuordnet.
Von Anfang an etabliert Neumeier eine Ästhetik der Einfachheit, die von Verwendung der Grundfarben und klarer Linien geprägt ist (Bühnenbild und Kostüme stammen von Yannis Kokkos). Der erste Akt im Wald der Diana schafft bereits durch die expressionistische Farbgebung - grüner Himmel, blaue Bäume, Kostüme in gelb, rot, schwarz, weiß, braun - eine irreale Atmosphäre. Jede Gruppe wird durch ihr eigenes Bewegungsmaterial charakterisiert: die Waldgeister tanzen ruhig und fließend, die Nymphen kraftvoll, mit weit ausholenden, manchmal eckigen Bewegungen, Amor ist mal souverän, mal hektisch, jedenfalls amüsiert er sich und die Zuschauer – Nicolas Le Riche gelingt es immer wieder augenzwinkernd, Kontakt mit dem Publikum herzustellen. Er hat ja auch einiges zu lachen, denn alle gehorchen hier seinen Launen, wenn auch widerstrebend – der Pas de deux der strahlenden Aurélie Dupont (Sylvia) und des exzellenten Manuel Legris (Aminta) oszilliert ständig zwischen entsetzt-faszinierter Ablehnung und zärtlicher Hingabe Sylvias.
Im entscheidenden Moment taucht allerdings Diana auf, die empört ist über den Verrat ihrer Lieblingsnymphe. Marie-Agnès Gillot ist hier schon von ihrem ersten Auftritt an atemberaubend und beherrscht bis zum Schluss die Bühne bei jedem Auftauchen mit ungebrochener Souveränität. Doch kann sie Sylvia nicht auf Dauer halten, da Amor persönlich sich in den verführerischen Orion verwandelt, um Sylvia in die Welt der Sterblichen zu locken: sie verlässt den Wald und folgt Orion in sein Reich der weltlichen Vergnügungen. Auch Diana selbst ist nicht ganz gefeit vor Amors Macht: sie liebt den Schäfer Endymion (José Martinez), der von den Göttern in ewigen Schlaf versetzt wurde und für den sie in einem lyrischen Pas de Deux innige Zuneigung beweist.
Der zweite Akt beginnt mit einem Ball im Hause Orions, in dem Sylvia, nun Frau geworden, sich der männlichen Gesellschaft widmet. Neumeier lässt hier, wie im ganzen Stück, das Corps ausführlich zu Wort kommen, das sich in den zahlreichen dynamischen und einfallsreichen Gruppenszenen in seiner besten Form präsentiert. Schließlich endet das Stück wieder im Wald, viele Jahre später, wie die grauen Haare des melancholischen Aminta zeigen, der hier nun in einer bewegenden Variation seinem allgemeinen Schmerz Ausdruck verleiht. Zufällig kommt auch Sylvia vorbei, offensichtlich auf dem Weg in ein unbestimmtes Schicksal, und in einem letzten emotionsgeladenen Pas de Deux bricht noch einmal die gegenseitige Liebe der beiden hervor, bevor sie sich für immer trennen. Dieses berührende Ende eines nicht einen Augenblick spannungslosen Stückes ist umso packender durch die außergewöhnliche Qualität und Harmonie der Tänzer. Ein vollkommeneres Paar als Aurélie Dupont und Manuel Legris in den Rollen von Sylvia und Aminta ist kaum vorstellbar, Nicolas Le Riche findet als Amor/Orion genau die richtige Mischung aus verspieltem Humor und dunkler Anziehungskraft, Marie-Agnès Gillot ist eine Diana zwischen majestätischem Strahlen und verletzlicher Hingabe, José Martinez verkörpert einen sinnlichen und sensiblen Endymion, und schließlich beweist auch das Corps Energie und Präzision. Das Gesamtbild wird abgerundet durch Leo Delibes' perfekt abgestimmte Partitur, über die Tschaikowsky begeistert sagte, hätte er sie schon früher gekannt, so hätte er "Schwanensee" nicht komponiert. So hat "Sylvia", übrigens das erste Ballett, das im 1875 neu errichteten Palais Garnier aufgeführt wurde, seinen Weg in die Modernität gefunden.
Besuchte Aufführung: 01.03.05 In der Opéra Bastille, 01.03.05 – 02.04.05

Veröffentlicht am 09.03.2005, von Julia Bührle in Kritiken 2004/2005

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