KRITIKEN 2004/2005



Paris

MEDEA IM LAND DER EIMER

Angelin Preljocajs neues Stück "Le Songe de Médée" an der Pariser Oper


Der Mythos der Medea, die, nachdem sie von Jason verlassen wurde, aus Rache ihre eigenen Kinder tötet, ist schon häufig Gegenstand literarischer, musikalischer und sonstiger Adaptionen geworden. Seine Faszination geht wohl unter anderem davon aus, dass er, ähnlich wie beispielsweise die biblische Geschichte der Judith, ein Verbrechen einer Frau gegen ihre angeblich sanfte oder mütterliche weibliche Natur beschreibt.
Angelin Preljocaj, häufiger Gastchoreograf an der Pariser Oper, hat sich nun im Rahmen des zweiten Ballettabends der Spielzeit von neuem des Mythos angenommen und ihn zu einem vierzigminütigen Ballett verarbeitet. Er verwendet den Stoff in einer ziemlich freien Weise, weshalb er seine Uraufführung auch nicht „Medea“, sondern „Le Songe de Médée“ (Der Traum der Medea) nennt. Das Stück versteht sich als traumhafte Erinnerung Medeas an das Geschehen, spielt also nach dem eigentlichen Verbrechen. Tatsächlich wird schon zu Beginn eine unwirkliche Atmosphäre geschaffen. Medeas Kinder, denen hier eine ungewöhnlich wichtige Rolle zugesprochen wird, bewegen sich entweder sehr langsam, wie in Zeitlupe, oder sie sind steif wie Puppen. Auch das Bühnenbild (ein umgekippter Baumstamm und zahllose Eimer – auf der Bühne, an der Decke, auf dem Vorhang, als Hintergrundbild) wirkt, ebenso wie die leider oft nicht sehr überzeugende Musik Mauro Lanzas, irreal. Medea tritt in einem schwarzen, an ein Priestergewand erinnernden Kostüm auf und nimmt sich liebevoll der Kinder an, die sie allerdings wie Tiere aus den Eimern tränkt. Die ruhige Stimmung ändert sich schlagartig, als nach jenem (etwas zu) langen Prolog schließlich Jason (Wilfried Romoli) die Bühne betritt. Sein Pas de Deux mit Medea beginnt mit einer Folge von schnellen, großzügigen, oftmals zirkulären Bewegungen, in denen vor allem die langen Arme Marie-Agnès Gillots wie Windmühlen die Luft zu durchschneiden scheinen. Diese schnellen Passagen wechseln sich ab mit langsamen Momenten, während derer Medea und Jason sich um- und übereinander schlingen, was zuweilen so wirkt, als folgten sie einem Ritual. Die Bewegungen sind sehr gravitätisch, zuweilen muten die beiden Tänzer wie bewegte Statuen aus Blei an.
Den Gegensatz dazu bildet Kreusa (Eléonora Abbagnato), die plötzlich auftaucht, während Medea schläft. Sie tritt mit schnellen, fast fahrigen Bewegungen auf und wirkt mit ihrem strahlend blonden Haar und goldenen Gewand wie eine Lichtgestalt. Dennoch ist sie gleichzeitig auch ein Erdwesen und personifiziert die Verführung. Eléonora Abbagnato versteht sich auf diese Rolle vollkommen und beherrscht den erotischen Pas de Deux mit Romoli durch ein Spiel von Locken und Distanz. Medea erwacht, als Jason bereits für sie verloren ist, und in ihrem Zorn tanzt sie ein furioses Solo, in dem sie Arme und Beine wie Messer um sich wirft. Es folgt ein Pas de Trois, in dem Medea in einer Mischung aus Erhabenheit und Verzweiflung gegen Kreusas magnetische Anziehungskraft kämpft, doch ihr Gatte hat sich bereits entschieden. Medea bleibt allein auf der Bühne zurück, ihre Verzweiflung wandelt sich zum wütenden Wahnsinn und sie tötet schließlich ihre Kinder in einer Szene, die in ihrer Blutrünstigkeit aus Polanskis „Macbeth“- Verfilmung stammen könnte. Nach dem Exzess des Mordes kommt Medea ebenso plötzlich wieder zu sich: sie scheint alle Kräfte zu verlieren und schleppt sich mühsam kriechend über die Bühne. Kurz bevor der Vorhang fällt, wirkt sie in ihrem Wahnsinn gelöster. Sie scheint etwas von ihrer Hand in die Luft zu blasen, eine Geste, die Anfang und Ende des Stückes verbindet und daran erinnert, wie Medea zu Beginn mit ihren Kindern tanzte. Im Gedächtnis bleibt vor allem eines: die außergewöhnliche schauspielerische und tänzerische Leistung Marie-Agnès Gillots sowie ihre Präsenz, mit der sie in jedem (wachen) Moment die Bühne vollkommen beherrscht und die dem Stück trotz einiger Schwächen im Endeffekt zum Erfolg verhilft.
Uraufführung am 5. November

Veröffentlicht am 06.11.2004, von Julia Bührle in Kritiken 2004/2005

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