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Baden-Baden

HISTORISCHES ZEUGNIS

Das Mariinsky-Ballett gastiert mit Leonid Lawrowskis „Romeo und Julia“ im Festspielhaus Baden-Baden.



Es ist die Urfassung von „Romeo und Julia“ und das älteste bedeutende Shakespeare-Ballett, das heute noch aufgeführt wird: Leonid Lawrowskis „Romeo“-Ballett aus dem Jahr 1940 für das damalige Kirow-Ballett.


  • Renata Shakirova als Julia in "Romeo und Julia" Foto © Natasha Razina
  • Renata Shakirova als Julia in "Romeo und Julia" Foto © Natasha Razina
  • Renata Shakirova als Julia und Philipp Stepin als Romeo in "Romeo und Julia" Foto © Natasha Razina
  • Renata Shakirova als Julia und Philipp Stepin als Romeo in "Romeo und Julia" Foto © Natasha Razina

Es ist die Urfassung von „Romeo und Julia“ und das älteste bedeutende Shakespeare-Ballett, das heute noch aufgeführt wird: Leonid Lawrowskis „Romeo“-Ballett aus dem Jahr 1940 für das damalige Kirow-Ballett (heute Mariinsky). Lawrowskis ‚drambalet’ und Sergei Prokofjews Musik beeinflussten zahllose spätere Fassungen des Balletts, nicht zuletzt, da die Dramaturgie des Werkes durch Prokofjews innovative, mit Leitmotiven durchsetzte Partitur ziemlich genau und schwer veränderbar vorgegeben ist.

Lawrowskis Ballett war beispielsweise eine direkte Inspiration für John Cranko und Kenneth MacMillan, die das Werk bei einem Londoner Gastspiel des Bolschoi-Balletts im Jahr 1956 sahen. Beide schufen wenige Jahre später ihre eigenen Fassungen von „Romeo und Julia“, und Crankos Stuttgarter Version aus dem Jahr 1962 sowie MacMillans Londoner Fassung von 1965 werden bis heute in zahlreichen Kompanien weltweit aufgeführt. Die Lawrowskische Inspiration erklärt einige untypische Szenen in Crankos Ballett, beispielsweise die sehr melodramatische Trauerszene mit Lady Capulet nach Tybalts Tod. Cranko inspirierte sich stark von Lawroskis und Prokofjews Dramaturgie und er übernahm gewisse Bewegungen und Gesten. Andererseits legten Cranko und andere westliche Choreografen mehr Wert auf die individuelle Tragödie der Hauptfiguren als auf deren soziales Umfeld. In Lawrowskis Ballett gibt es viele Gruppenszenen, die nicht der Haupthandlung dienen – so erscheint Romeo beim Ball der Capulets im ersten Akt erst sehr spät und verschwindet bald wieder, so dass der Ball mit einem langen Divertissment ohne die Hauptfiguren endet. Anders als viele spätere Choreografen beschließt Lawrowski sein Ballett Shakespeare-getreu mit der Versöhnung der verfeindeten Familien. Dafür strich er einige Elemente des Stückes, die ein schlechtes Licht auf Romeo werfen könnten und die in späteren Fassungen erscheinen, beispielsweise Romeos anfängliche Liebe zu Rosaline oder sein Kampf mit Paris am Grab, der für seinen Rivalen tödlich endet.

Lawroskis Ballett ist für seine Entstehungszeit erstaunlich modern: anders als in den großen Handlungsballetten Petipas wird die Handlung durch Tanz erzählt, mit sehr reduzierter Pantomime. Bühnenvorhänge erlauben den Umbau der Szenerie, während vor dem Vorhang die Handlung weiterläuft; dadurch wird ein beinahe durchgehender Handlungsfluss ermöglicht. Zudem enthält das Ballett einige anspruchsvolle Soli für die Männer, beispielsweise ein in wenigen anderen Fassungen vorhandenes Solo für Romeo im dritten Akt, das zahlreiche musikalische Erinnerungsmotive enthält. Allerdings sieht man gerade diesem Solo, in dem sich Romeo bereits vor der Nachricht von Julias vermeintlichem Ableben in allerhöchster Verzweiflung windet, seine Entstehungszeit besonders an. Obgleich das Ballett inzwischen moderner getanzt und gespielt wird als im Film mit der Uraufführungs-Julia Galina Ulanowa, wirkt die Pathetik mancher Gesten heute befremdlich. Auch andere Überbleibsel aus einer anderen Welt fallen auf, beispielsweise Tybalt, der mit roter Perücke und in einem Flickenteppichkostüm auftritt, wohingegen Mercutio im zweiten Akt sehr ernst und beinahe diskret in Schwarz erscheint.

In den Hauptrollen waren an jenem Abend zwei junge Tänzer zu sehen: die beschwingte Renata Shakirova, eine aufstrebende Hoffnungsträgerin der Kompanie, und der bereits etablierte Star und Benois-Preisträger Kimin Kim, der wie immer durch makellose Technik und die Leichtigkeit seiner Sprünge beeindruckte. Schauspielerisch müssen sich die beiden noch ein wenig aufeinander einspielen, doch überzeugte vor allem Kim durch seine zarte Annäherung an Julia und den Überschwang seiner Leidenschaft, die ihm in der Balkonszene buchstäblich Flügel zu verleihen schien.

Lawroskis Romeo, in der geschmackvollen Ausstattung von Pjotr Williams, ist ein beeindruckendes historisches Zeugnis, das sich auch heute noch neben seinen zahllosen Erben sehen lassen kann.

Veröffentlicht am 25.12.2017, von Julia Bührle in Homepage, Kritiken 2017/18

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