HOMEPAGE



Hamburg

DRASTISCHE WAHRHEITEN

Serge Aimé Coulibaly aus Burkina Faso eröffnet mit „Schlaflose Nacht in Ouagadougou“ das Nordwind-Festival in der Kampnagelfabrik Hamburg



Das Stück wurde bereits 2014 kreiert, hat jedoch nichts von seiner Gültigkeit und Aktualität verloren.


  • „Schlaflose Nacht in Ougadougou“ von Serge Aimé Coulibaly Foto © Elise Fitte Duval
  • „Schlaflose Nacht in Ougadougou“ von Serge Aimé Coulibaly Foto © Thabo Thindi

Schon beim diesjährigen Sommerfestival hatte Serge Aimé Coulibaly das Publikum begeistert, jetzt kehrte er mit einem weiteren Stück nach Hamburg zurück, um das Nordwind-Festival in der Kampnagel-Fabrik zu eröffnen. „Schlaflose Nacht in Ouagadougou“ schildert die Situation in der Hauptstadt des westafrikanischen Burkina Faso, wo es 2014 einen Aufstand gegen den diktatorisch herrschenden Präsidenten Blaise Compaoré gegeben hat. Das Stück wurde bereits 2014 kreiert, hat jedoch nichts von seiner Gültigkeit und Aktualität verloren.

Zu Beginn ist die Bühne offen, der Hintergrund wird von einer Sperrholzwand abgegrenzt, am rechten Rand sitzt eine Person im Trenchcoat mit Sonnenbrille, das Gesicht bleibt im Schatten einer breiten Hutkrempe. Ein Sprechgesang setzt ein. Ein Mann erscheint, sein Mund ist durch ein Taschentuch geknebelt, er kann nicht sprechen, nur Laute von sich geben. Das aber so eindringlich, dass man sofort versteht: Hier ist jemand in Not. Hier klagt jemand an. Hier ist jemand verzweifelt und prangert an. Eine Frau kommt im Hintergrund dazu und setzt sich. Zwei andere Männer folgen. Es entwickelt sich ein Tanz von seltener Eindringlichkeit – mit zuckenden, abgehackten Bewegungen, Laufen, Springen. Es sind schnelle Schrittfolgen, die etwas Gehetztes haben, etwas Aggressives, aber auch Verzweifeltes.

Ein weiterer Mann kommt hinzu – es ist Smockey Bambara, der für Text und Musik verantwortlich zeichnet. Er spricht über sein Headset schnelle Sätze auf Englisch (die Übersetzung wird im Hintergrund eingeblendet), es sind sarkastische, drastische Wahrheiten, die er dem Publikum entgegenschleudert. Sätze wie „Auf zum Angriff, lasst uns handeln“, „Der Tanz eines Negers im Land der ehrenhaften Leute“. Es wäre schön gewesen, diese Texte im Programmzettel abgedruckt vorzufinden, um das Ganze noch nachwirken zu lassen.

Während er spricht, bewegen sich die anderen weiter, mal alleine, mal zusammen, mal synchron, mal jeder anders. Ein Mann erscheint plötzlich mit wirrem Blumenschmuck am ganzen Körper, der jedoch bald zerstört wird, weil der Mann sich auf dem Boden wälzt und von den anderen attackiert wird. Zwischendurch geht Smockey zu einem links auf einem Gestell stehenden MacBook und regelt die Musik, die zwischen harmonischen, fast folkloristischen Sequenzen und aggressiven Sounds hin- und herwechselt.

Es entsteht das Szenario einer schlaflosen Nacht, in der sich Menschen begegnen, voreinander weglaufen, einander angreifen, sich gegenseitig stützen und wegstoßen. Angst ist zu spüren, Gewalt liegt in der Luft, Aggression, Wut, Zerstörung, aber auch Ruhe und Zärtlichkeit. Es ist das Tableau eines Afrika, das von der eigenen Hilflosigkeit, aber auch vom Moloch der Globalisierung aufgefressen zu werden droht. Und das doch die Entschlossenheit, sich zu wehren und aufzubegehren, nicht verliert. Wie Smockey ziemlich am Schluss sagt: „Wir werden den Wahnsinn heilsamer Horizonte haben.“

Veröffentlicht am 12.12.2017, von Annette Bopp in Homepage, Gallery, Kritiken 2017/18

Dieser Artikel wurde 950 mal angesehen.



Kommentare zu "Drastische Wahrheiten"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    AKTUELLE NEWS


    TANZ ALS KUNST FÜR UNSERE GEGENWART

    Danza&Danza vergibt die Premi Danza&Danza für das Jahr 2017
    Veröffentlicht am 16.04.2018, von tanznetz.de Redaktion


    ZÜRICH VERGIBT PREISE

    Kunstpreis für Alexandra Bachzetsis und Auszeichnung für besondere kulturelle Verdienste an Tanya Birri
    Veröffentlicht am 13.04.2018, von Pressetext


    DER CHOREOGRAF, TÄNZER UND PROFESSOR DONALD MCKAYLE IST TOT

    Das Ausnahmetalent Donald McKayle ist im Alter von 87 Jahren gestorben
    Veröffentlicht am 13.04.2018, von tanznetz.de Redaktion



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    MORD IM ORIENTEXPRESS

    Eine Tanz-Reise mit dem NRW Juniorballett. Premiere am Samstag, 14. April 2018, um 19.30 Uhr im Opernhaus Dortmund.

    MORD IM ORIENT-EXPRESS handelt von dem Augenblick, da wir dem anderen in die Augen blicken und uns in ihm und ihn in uns erkennen.

    Veröffentlicht am 27.03.2018, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    EIN WÜRDIGER AUFTAKT ZUM CRANKO-FEST

    „Onegin“ beim Bayerischen Staatballett
    Veröffentlicht am 07.02.2018, von Karl-Peter Fürst


    MOSAIK DER BEWEGUNG

    Richard Siegals Ballet of Difference mit "On Body" in der Münchner Muffathalle
    Veröffentlicht am 05.03.2018, von Miriam Althammer


    POLITIK KÖNNTE (MAN) TANZEN

    Reflektionen über die diesjährige Tanzplattform im PACT Zollverein in Essen
    Veröffentlicht am 18.03.2018, von Anna Wieczorek

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    BODY TALK UND AUTOPSIE

    Gert Weigelts Fotokunst im Museum des Deutschen Tanzarchivs Köln

    Veröffentlicht am 19.04.2018, von Marieluise Jeitschko


    AUFTRITT DER STARGÄSTE

    Die BallettFestwoche in München glänzt weiter

    Veröffentlicht am 21.04.2018, von Karl-Peter Fürst


    TANZ ALS KUNST FÜR UNSERE GEGENWART

    Danza&Danza vergibt die Premi Danza&Danza für das Jahr 2017

    Veröffentlicht am 16.04.2018, von tanznetz.de Redaktion


    GLANZVOLLE ROLLENDEBUTS

    Wiederaufnahme von „Illusionen – wie Schwanensee“ beim Hamburg Ballett

    Veröffentlicht am 19.04.2018, von Annette Bopp


    EINE APOTHEOSE DES TANZES

    „Portrait Wayne McGregor“ am Bayerischen Staatsballett

    Veröffentlicht am 17.04.2018, von Karl-Peter Fürst



    BEI UNS IM SHOP