KRITIKEN 2016/17



München

STARKE EMOTIONEN UND PARISER FLAIR

Das Ballett des Salzburger Landestheaters gastierte mit Peter Breuers „Mythos Coco“ am 9. und 10. August im Deutschen Theater München



Stilschön fasst Peter Breuer Coco Chanels Leben für sein spielfreudiges Salzburger Ballettensemble ins Vokabular des klassischen Tanzes.


  • "Mythos Coco" von Peter Breuer; Anna Yanchuk und Josef Vesely Foto © Christina Canaval
  • "Mythos Coco" von Peter Breuer; Marian Meszaros und Liliya Markina Foto © Christina Canaval
  • "Mythos Coco" von Peter Breuer Foto © Christina Canaval
  • "Mythos Coco" von Peter Breuer Foto © Christina Canaval
  • "Mythos Coco" von Peter Breuer; Marian Meszaros und Liliya Markina Foto © Christina Canaval

Fein geschneiderte Unterhaltung in Form eines Balletts – das zeichnet Peter Breuers „Mythos Coco“ aus. Dabei lässt der Münchner Choreograf das Leben der aus ärmlichen Verhältnissen stammenden Mode-Ikone, die als Frau am Ende der Belle Epoque in Paris ein Wirtschaftsimperium aufbaute, schlaglichtartig Revue passieren. Stilschön ist das Ganze für sein spielfreudiges Salzburger Ballettensemble ins Vokabular klassischen Tanzes gefasst – wie Breuer es seinerzeit selbst so famos auf der Bühne beherrschte.

Frei von Schnickschnack transportieren Körperausdruck, Gesten und Hebungen Gefühle. Figuren treffen in bewegten Tableaus unkompliziert aufeinander. Im häuslichen Ambiente gewinnen sie dann an charakterlichem Profil. Genau in diesen Passagen ist der Zuschauer der Hauptfigur am nächsten. Die Essenz ihrer Liebesaffären, Momente von Freude, Trauer und Einsamkeit erzählt sie auf der Bühne ganz vorn an der Rampe. Beim Publikum im fast ausverkauften Deutschen Theater kommt das bestens an.

In puncto Ausstattung ist Bruno Schwengel, ein Halmen-Schüler, Breuers kongenialer Partner. Der Look von Heftfäden an Trikots zieht sich durch seine Kostümkreationen. Und die immer wieder von Modellen vorgeführten Kleider zitieren Chanels Haute Couture. Gleich von Beginn an wird man zum Ticken einer Uhr ins Wohnzimmer der feministisch-selbstbewussten Fashiondiva geladen. Ihre Modeskizzen hängen am Portalrahmen, die Mitte einer rotbräunlichen Tapetenwand ziert ein wegfahrbarer Kamin mit opulentem, goldumrandeten Spiegel darüber. Am Sims steht später ein überdimensionaler Flakon von Chanels Parfum No. 5. Manches – das weiß Peter Breuer genau – erzählt sich mit Requisiten einfach noch besser als mit Tanz. Am Ende schließlich senkt sich die Kartonage für den Duft, der Coco unsterblich machte, über die am Boden liegende Tote.

Eine Musikcollage aus Kompositionen von Schostakowitsch, Gershwin, Fauré, Honegger, Milhaud, Poulenc, Scriabin oder Satie und Chanson-Einspielungen (Musikarrangement: Eduardo Boechat) befeuert zusätzlich den Charakter einer guten Tanzshow. Sie geht ins Ohr, greift ans Herz und verleiht der Handlung damit inhaltlich – besonders ein früher Coco-Song – oder zeittypisch-atmosphärisch das passende Korsett. An einer Stelle öffnet Breuer die Schnüre dieser akustischen Korsage und lässt aus dem Off Jean Cocteau Verse seines Ödipus rezitieren. Ein Hinweis auf Cocos kostümbildnerische Arbeit, flüchtig inszeniert wie ein Ball, auf dem sich vor einer Dali-Wolke auf dem Hintergrundprospekt im gesellschaftlichen Miteinander High Society, eine teils verkleidete Künstlermischpoche (Dali mit Augenklappe, Jean Marais als Ödipus, Lifar im Kostüm des Tänzers Vestris) und fiktive Gestalten (Cocteaus Pferde) begegnen.

Natürlich hat Breuer die Story gemeinsam mit Dramaturgin Maren Zimmermann hauptsächlich an markante Episoden geknüpft, für die sich in Chanels Biografie zahlreiche Lebensabschnittsbegleiter finden. Liliya Markina vergnügt sich als zu Späßen aufgelegte Talentgöre mit Arthur „Boy“ Capel, dem Finanzier ihres ersten eigenen Hutsalons. Auf ihren intimen Beziehungs-Pas de deux folgt eine Gruppenszene – hübsch arrangiert unter einer Kollektion hängender Hüte. Dem jungen Paar räumt Breuer, der insbesondere die verschiedenen Beziehungsduette mit starken Emotionen auflädt, viel Zeit ein – bis die akustische Zuspielung von Capels tödlichem Autocrash und damit eine Tragödie den ersten Teil des Abends beendet.

Aus der Künstlerszene, zu der auch Cocos Freundin Misia Sert (verführerisch rothaarig, mit Opiumpfeife: Christina Uta) zählt, werden nach der Pause die Liebschaften mit dem verheirateten Komponisten Igor Strawinsky und Grafikdesigner Paul Iribe zitiert, mit dem Chanel 1934 ein Atelier für Modeschmuck eröffnete. Tänzerisch überzeugen der ältere Josef Vesely, der nicht nur die Rolle Strawinskys, sondern auch die des die Tochter vernachlässigenden Vaters übernimmt. Gegen Schluss des Balletts wird in einem Duo der beiden ihre Hassliebe ausformuliert, die psychologische Tiefe hinter Cocos ewiger Suche nach Mann und Liebe quasi nachgereicht. Capel und Iribe verkörpert Marian Mezaros. Doch das merkt man – bravo! – eigentlich erst beim Blick auf die Besetzungsliste.

Um die Zeit der deutschen Besatzung Frankreichs zu charakterisieren, verlässt Breuers Bewegungssprache den weichen, eleganten Schmusekurs. Die Auftritte der Männer werden eckiger und aggressiver, Interaktionen zwischen Paaren und den Hauptfiguren ruppiger und dramatischer. Anna Yanchuk, einfühlsame Protagonistin der erfolgskühn den Stil von Generationen prägenden, reifen Mademoiselle Chanel gibt sich dem Sonderbeauftragten des Reichspropagandaministeriums Baron Hans Günther von Dincklage (Alexander Korobko) hin.

Sein Faible fürs Jazzige packt Breuer dem dunkelhäutigen Diego Jesus da Cunha auf den biegsamen Rücken. Er springt und dreht sich, tanzt ganz a là Josephine Baker. Ein Vorgeschmack auf Breuers zweites, nicht weniger spannendes Mitbringsel: „Ballet’n’Blues“.

Veröffentlicht am 12.08.2017, von Vesna Mlakar in Kritiken 2016/17

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