HOMEPAGE



Dresden

WENN DER TANZ DEN TOD BESIEGT

David Dawsons „Giselle“ mit dem Semperoper Ballett in Dresden



Mit grandiosen Rollendebüts in „Giselle“ erlebt man die große Kraft der Kompanie und einen glanzvollen Höhepunkt zum Ausklang der Saison


  • Probenfoto zu "Giselle" von David Dawson Foto © Ian Whalen
  • Probenfoto zu "Giselle" von David Dawson Foto © Ian Whalen

Nach der gefeierten Premiere des Ballettabends „Vergessenes Land“ vor wenigen Wochen präsentiert das Semperoper Ballett mit der Wiederaufnahme des romantischen Ballettklassikers „Giselle“ zur Musik von Adolphe Adam und in der Choreografie von David Dawson zum Ende der Saison einen weiteren Glanzpunkt. Der Choreograf, dramaturgisch beraten von Freya Vass-Rhee, vermag es besonders im ersten Teil des Abends, diese Geschichte junger Menschen mit ihren Sehnsüchten nach Freiheit und Liebe, aber eben auch die schmerzhafte Enttäuschung und den zerstörenden Betrug mit tödlichem Ausgang hervorragend mit den Mitteln des Tanzes erlebbar zu machen. Seine Sicht berührt zutiefst, verfällt aber niemals in Momente der Rührseligkeit. Dawson nutzt die klassischen Elemente des Balletts und verbindet sie mit modernen Ausdrucksvarianten. Dabei ist sein individueller Stil der Bewegungen unverkennbar.

In der 80. Aufführung seit der Premiere im März 2008 präsentiert sich zudem in der Besetzung der neu einstudierten Wiederaufnahmevorstellung ein spitzenmäßiges Ensemble, das bei rasanten Leistungen der Dresdner Tänzerinnen und Tänzer jede Diskussion darüber, wie zeitgemäß Ballet sein kann, furios hinwegfegt. In der Titelrolle erneut Courtney Richardson. Man hat den Eindruck, bei dieser so ausdrucksstarken wie technisch brillanten Tänzerin immer wieder neue Facetten zu erleben. Sie ist eben keine „Unschuld vom Lande“, sie ist eine zeitgemäße Persönlichkeit auf ihrem Weg in die Freiheit persönlicher Entscheidungen. Auch tanzt sie sich hier nicht zu Tode, sie ersticht sich auch nicht, sie läuft regelrecht ins Messer in Albrechts Hand – und dieser besiegelt den tragischen Ausgang mit diesem Moment verwirrter Unachtsamkeit.

Im genau choreografiertem Gegensatz, in kaltem Kalkül des exzellenten Tanzes und Ausdrucks: Svetlana Gileva als Bathilde. Gespannt war man auf die beiden Debüts dieser Wiederaufnahme, István Simon erstmals als Albrecht und Julian Amir Lacey als Hilarion. Dass Simon als erster Solist unter anderem mit nahezu perfekter Sprungtechnik begeistern kann, ist bekannt. Jetzt gewinnt er als sensibler Gestalter dieser hier so komplexen Persönlichkeit des Albrecht in seinem Widerspruch zwischen Gefangenheit in den hohl gewordenen Konventionen, die seine Verlobte Bathilde mit ihren Begleitern verkörpert, und dem Erlebnis offener und kompromissloser Zuneigung, wie sie ihm Giselle entgegen bringt, entscheidende Facetten individueller Gestaltungskraft.

Der noch junge Tänzer aus der Gruppe der Coryphées, Julian Amir Lacey als unbändig wütender Gegenspieler, setzt an diesem Abend zukunftsweisende Akzente. In welche Zukunft sie weisen könnten, bestätigt er schon am nächsten Vormittag, wenn er in einer gut besuchten Familienvorstellung mit seinem Kollegen die Rollen tauscht und sich erstmals den enormen Herausforderungen in der Rolle des Albrecht stellt und diese mit Bravour meistert. Als Giselle gibt hier Duosi Zhu ihr Debüt und überzeugt mit sich steigernder und von höchst individueller Ausstrahlung geprägter, glaubwürdiger Interpretation. István Simon vermittelt gekonnt, wie er nun als der von ihr abgewiesene Hilarion in blinder Wut das Glück der anderen zerstört.

In beiden Aufführungen erlebt man die große Kraft der Kompanie, etwa im sprung- und pirourettenreichen, in wilder Lebensfreude dahin wirbelnden Hochzeits-Pas de Cinq mit Alice Mariani und Jón Vallejo als Braut und Bräutigam, dem so herrlich gewitzten Trauzeugen Francesco Pio Ricci, den Brautjungfern Zarina Stahnke und Chiara Scarrone. Und im zweiten, dramaturgisch weniger schlüssigen Teil, im weißen Bild, im Reich der Willis, begeistert die exzellente Kunst des Spitzentanzes der Dresdner Tänzerinnen mit Sangeun Lee als deren Königin Myrtha.

Im Pas de deux, wenn Albrecht hier Giselle unter den Wesen seines schuldvollen Alptraumes erkennt, überzeugen beide Paare dieser Besetzungen. Und da überzeugt auch der Schluss in der Sicht von David Dawson: Giselle versinkt, Albrecht bleibt am Lebenes – es geht darum, den Weg zu finden zwischen Schuld und Chance. Das können sowohl István Simon als auch Julian Amir Lacey in der berührenden Einsamkeit dieser Traumsequenz vermitteln.

Dawsons Fassung gewinnt ihre Sprache der Bewegung aus den genialen musikalischen Arrangements der Musik Adolphe Adams von David Coleman, der als Dirigent mit den Mitgliedern der Staatskapelle wiederum in glücklicher Korrespondenz zur Musikalität des Tanzes auf der Bühne ganz und gar nicht als Begleiter, sondern als Mitgestalter fungiert.

Veröffentlicht am 20.06.2017, von Boris Michael Gruhl in Homepage, Kritiken 2016/17

Dieser Artikel wurde 1737 mal angesehen.



Kommentare zu "Wenn der Tanz den Tod besiegt"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    WILLKOMMEN UND ABSCHIED

    Courtney Richardson ist die neue Giselle, Natalia Sologub und Yumiko Takeshima verabschieden sich mit dieser Partie vom Semperoper Ballett

    Großer Abend in Dresden. Die Wiederaufnahme von David Dawsons „Giselle“ nach Théophile Gaultier hat das Flair einer Premiere. Das Opernhaus ist ausverkauft, viele junge Zuschauer, begeisterter Szenenapplaus, Ovationen am Ende.

    Veröffentlicht am 10.04.2014, von Boris Michael Gruhl


    DANK DEN SOLISTEN!

    „Tristan + Isolde“ als Ballett von David Dawson an der Semperoper Dresden

    Mit der Choreografie verhält es sich ähnlich wie mit der Musik Szymon Brzóskas. Sie konzentriert sich auf einige Akzente und Motive dieser Geschichte, ist vornehmlich an Isolde, Tristan, König Marke und Melot interessiert - und überzeugt nur partiell.

    Veröffentlicht am 16.02.2015, von Boris Michael Gruhl


     

    LETZTE BEITRÄGE 'TANZ IM TEXT'


    SCHLACHTFELD DER GEFÜHLE

    Das Tanztheater des Staatstheaters Braunschweig zeigt Gregor Zölligs Uraufführung „Heimatabend“
    Veröffentlicht am 18.02.2018, von Kirsten Poetzke


    EISHOCKEY MEETS NEOKLASSIK

    Wieder Shakespeare beim Ballett Im Revier in Gelsenkirchen: Bridget Breiners „Romeo und Julia“
    Veröffentlicht am 18.02.2018, von Marieluise Jeitschko


    CHAOTISCHES STELLDICHEIN

    Antje Pfundtner in Gesellschaft mit „Alles auf Anfang“ in der Kampnagelfabrik
    Veröffentlicht am 16.02.2018, von Annette Bopp



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    DIE KRANICHE DES IBYKUS | IN PARTS/TO GATHER

    Hochkarätiger Ballett-Doppelabend mit Premiere am 16.02. im Theater Nordhausen

    Mit Kevin O’Day hat Ballettdirektor Ivan Alboresi eine der glanzvollsten Choreographenpersönlichkeiten des letzten Jahrzehnts nach Nordhausen geholt.

    Veröffentlicht am 07.02.2018, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    EIN WÜRDIGER AUFTAKT ZUM CRANKO-FEST

    „Onegin“ beim Bayerischen Staatballett
    Veröffentlicht am 07.02.2018, von Karl-Peter Fürst


    VIELSEITIGES KÖNNEN

    Das „Bottaini Merlo International Center of Arts“ in München zeigte seine jährliche Gala im KUBIZ Unterhaching
    Veröffentlicht am 22.01.2018, von Karl-Peter Fürst


    FREESTYLE HAPPENINGS

    Uraufführung von Jasmine Ellis „Empathy“ im Schwere Reiter in München
    Veröffentlicht am 15.01.2018, von Vesna Mlakar

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    AUF HÖCHSTEM NIVEAU

    Der diesjährige Prix de Lausanne hatte mit vielen Glanzlichtern aufzuwarten

    Veröffentlicht am 12.02.2018, von Annette Bopp


    DER BLICK ZURÜCK IST EIN ZEITGENÖSSISCHER

    Erstmals an einem Abend: Choreografien von Marianne Vogelsang und Dore Hoyer

    Veröffentlicht am 11.02.2018, von Boris Michael Gruhl


    ACCESS TO DANCE



    Veröffentlicht am 03.05.2013, von tanznetz.de Redaktion


    EIN WÜRDIGER AUFTAKT ZUM CRANKO-FEST

    „Onegin“ beim Bayerischen Staatballett

    Veröffentlicht am 07.02.2018, von Karl-Peter Fürst


    DAS CRANKO-FEST GEHT WEITER

    „Romeo und Julia“ beim Cranko-Fest am Bayerischen Staatsballett

    Veröffentlicht am 14.02.2018, von Karl-Peter Fürst



    BEI UNS IM SHOP