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Hamburg

HIPHOP AT ITS FINEST

Bruno Beltrao mit seiner neuen Kreation „INOAH“ beim Theater der Welt in der Hamburger Kampnagelfabrik



Mit unglaublicher Präsenz und Attacke fegen die Jungs über die riesige Bühne. Das ist männliche Körperlichkeit pur. Doch wo bleiben die Frauen?


  • "INOAH" von Bruno Beltrao Foto © Kerstin Behrendt
  • "INOAH" von Bruno Beltrao Foto © Kerstin Behrendt
  • "INOAH" von Bruno Beltrao Foto © Kerstin Behrendt
  • "INOAH" von Bruno Beltrao Foto © Kerstin Behrendt
  • "INOAH" von Bruno Beltrao Foto © Kerstin Behrendt
  • "INOAH" von Bruno Beltrao Foto © Kerstin Behrendt

So groß ist die Bühne in der K6 auf Kampnagel selten geöffnet – viele, viele Meter ist der Tanzteppich nach hinten ausgerollt, rechts und links Batterien von Seitenscheinwerfern, ansonsten schwarz abgehängte Seiten und ein schwarzer Hintergrund. Unterbrochen wird das Dunkel lediglich von einem schmalen projizierten Band von neun ‚Oberlichtern’, die einen Blick nach draußen vorspiegeln. Auf einen blauen Himmel, Vögel, die auf elektrischen Leitungen sitzen, Wolken, Sterne bei Nacht, was man eben so sieht, wenn man rausschaut aus dem Fenster in der brasilianischen Stadt Inoah in der Nähe der Metropole Rio de Janeiro. Es ist der Ort, in dem Bruno Beltrao mit seiner „Grupo de Rua“ ein Domizil gefunden hat, dort sind sie zuhause.

Nomen est omen: Genau das spiegelt auch dieses einstündige neue Stück. Es ist eine wie dahingeworfene Skizze des urbanen Lebens und dessen, was Jugendliche dort so erleben können: Konfrontation, Begegnung, Amüsement, Heiterkeit, Aggression, Einsamkeit, Gemeinsamkeit. Ihn habe „besonders das Im-Verhältnis-Stehen beschäftigt – zueinander und zur Welt“, sagt Beltrao in einem (auf drei lapidare Fragen beschränkten) Interview mit Kampnagel-Dramaturgin Melanie Zimmermann in dem (wieder einmal überaus lieblos gestalteten) Programmzettel. Und so entfalten die zehn Tänzer (es sind ausschließlich Männer) auf einer vorwiegend duster gehaltenen Bühne zu wummernden Sounds eben das, was sie ganz besonders gut drauf haben: HipHop at its finest. Mit unglaublicher Präsenz und Attacke fegen die Jungs über die riesige Bühne. Das ist männliche Körperlichkeit pur. Leider. Es wäre spannend gewesen, wie sich das mit dem weiblichen Pendant vertragen hätte, was da für Begegnungen zustande gekommen wären. Und wenn man an dieser abwechslungsreichen Stunde irgendetwas auszusetzen haben kann, dann eben dieses: Wo sind die Frauen?

Zwei der Tänzer (sie stehen auch am Anfang, bevor der furiose HipHop-Wirbel beginnt) sind nicht ganz so virtuos darin, in diesem aberwitzigen Tempo wie Flummis über die Bühne zu kreiseln, sie zucken und zappeln und steppen mit eingeknickten Knien und mal wedelnden, mal hängenden Armen von links nach rechts und von rechts nach links, vor und zurück. Immer wieder neu kombiniert Beltrao ihre Körper. Ihre Bewegungssprache ist etwas ausgezirkelter, nicht ganz so zwingend, weniger vordergründig, aber nicht weniger virtuos und eloquent. Genau in diesem Kontrast liegen der Reiz und die Spannung dieses neuen Werkes Beltraos.

Die einzige Schwäche besteht darin, dass dieses Stück nicht wirklich einen Spannungsbogen hat, es beginnt ziemlich unvermittelt, und es hört genauso auf: mittendrin. Abrupt bricht es ab. Aber so ist das Leben: Gerade, wenn es am schönsten ist, kommt irgendwer und dreht den Saft ab. Was umso mehr das Bedürfnis nährt, das Ganze noch einmal zu erleben.

Veröffentlicht am 07.06.2017, von Annette Bopp in Homepage, Kritiken 2016/17

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