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München

VERFÜHRUNG ZUM TOD MIT SERGEI POLUNIN

BallettFestwoche: Gastspiel des Stanislawski-Balletts Moskau



"Mayerling", dieses choreografische Meisterwerk Kenneth MacMillans über den nie geklärten Tod des habsburgischen Thronfolgers Rudolf, war erstmals am Bayerischen Staatsballett zu sehen.


  • BallettFestwoche: Stanislawski-Ballett Moskau mit "Mayerling" zu Gast am Bayerischen Staatsballett Foto © Wilfried Hösl
  • BallettFestwoche: Stanislawski-Ballett Moskau mit "Mayerling" zu Gast am Bayerischen Staatsballett Foto © Wilfried Hösl
  • BallettFestwoche: Stanislawski-Ballett Moskau mit "Mayerling" zu Gast am Bayerischen Staatsballett Foto © Wilfried Hösl
  • BallettFestwoche: Stanislawski-Ballett Moskau mit "Mayerling" zu Gast am Bayerischen Staatsballett Foto © Wilfried Hösl
  • BallettFestwoche: Stanislawski-Ballett Moskau mit "Mayerling" zu Gast am Bayerischen Staatsballett Foto © Wilfried Hösl
  • BallettFestwoche: Stanislawski-Ballett Moskau mit "Mayerling" zu Gast am Bayerischen Staatsballett Foto © Wilfried Hösl

MacMillan folgt der Selbstmord-These. In seinem "Mayerling" ist alles zugleich sein Gegenteil. Deshalb ist es nur folgerichtig, dass Sergei Polunin, der als Kronprinz drei Akte lang durchgängig auf der Bühne war, seine Rolle als die eines psychisch Kranken anlegte.

Nach der dunklen Ouvertüre zur vorgezogenen Begräbnisszene schwingt sich die Liszt-Musik beim Hochzeitsball festlich dynamisch auf, doch Rudolfs Walzer mit seiner Braut, Prinzessin Stephanie v. Belgien, wirkt mechanisch. Er brüskiert sie, indem er sich ihrer Schwester, Prinzessin Louise, zuwendet. Wenig später trifft er Gräfin Larisch, mit der ihn Intimität verbindet, und deren Freundin, Baroness Vetsera, die ihm ihre junge Tochter Mary vorstellt. Auf sie blickt Rudolf zum ersten Mal unverkrampft, ja heiter. Ein fulminantes Quartett ungarischer Offiziere stört, bestürmt ihn mit Separationsbestrebungen ihres Landes, dann nähert sich ihm Gräfin Larisch wieder. Rudolf geht auf ihre Avancen ein, scheint aber in einem anderen Traum gefangen. Der Hochadel überrascht beide, sein Vater weist ihn verärgert zu seiner Frau. Vor dem Vorhang zum nächsten Bild gehen ihn wieder die Ungarn an. Alle wollen etwas von ihm.

Großartig spielt Polunin seinen Unwillen gegen die permanente Nervenanspannung, unter die ihn auch die ständige höfische Kontrolle zwingt. Im Gemach der Kaiserin appelliert er an die Liebe seiner Mutter, zeigt sein Unglück über die erzwungene Heirat, doch sie entzieht sich. Eine beklemmende Szene! Man identifiziert sich mit diesem leidvollen Anti-Helden, der aufgrund seiner Bühnenqualität ein Held ist. In seinem Schlafgemach bereiten Zofen die Hochzeitsnacht. Als die wartende Braut schon hadert, kommt er, schreckt sie mit einem Pistolenschuss und tanzt mit einem Totenkopf. Dann auch mit ihr, doch das ist ein Verzweiflungstanz mit gewaltsamen Hebungen, in dem er sie, zu rasendem Drive gesteigert, in den Tod mitreißen möchte.

Am Ende dieses ersten Akts hat man schon mehr Berührendes gesehen als in der gesamten Eröffnungspremiere. Ruhige, atmosphärisch starke Bühnenbilder und die herrlichen Kostüme aus dem 19. Jahrhundert stärken die Imagination des finsteren Geschehens. Liszts Musik wird dissonant, und in einer verruchten Schenke versucht Rudolf, Stephanie durch virtuos getanzte Unterhaltungskünste seines Dieners Bratfisch aufzuheitern. Amüsierdamen verdrängen ihn in stilisierter Laszivität. Das ist abgründig-abwechslungsreiche Unterhaltung, auf die Spitze getrieben im Solo der Mitzi Caspar, für die sich der Kronprinz mehr interessiert als für seine Frau, die angewidert diesen Ort verlässt. Mit rasanten Sprüngen und Drehungen tanzt Rudolf/Pokunin federleicht, bis seine Dame mit den vier Offizieren tanzt, während er trinkt und, trotz der Turbulenz vor seinen Augen, ins Grübeln fällt. Als einer von fünf Männern tanzt er dann auch mit Mitzi Caspar, bis er, durch sie animiert, selbst ausgelassen wird.

Gräfin Larisch stellt Rudolf ihren Schützling vor: Mary Vetsera. Deren verträumte Romantik ist es, was ihm in Wahrheit gefällt, von Polunin dezent in der Gegensätzlichkeit zu seinem sonstigen Leben gespielt. Im Haus der Familie Vetsera betrachtet Mary verliebt ein Portrait von ihm. Gräfin Larisch legt ihr die Karten, sucht Rudolfs Nähe, wird verbannt. Das Ganze ist eine reiche Erzählung von kontinuierlicher Spannung mit einer nicht endenden Kette hochmusikalisch erfundener choreografischer Highlights, alle hervorragend getanzt. In der Hofburg wird Rudolf mit einem politischen Pamphlet konfrontiert. Schöne Frauen tanzen, und nach einem Feuerwerk überrascht er seine Mutter beim Küssen mit Bay Middleton. Bitter hadert er mit seiner Lage. Vielschichtigkeit und Nuancenreichtum sind auf dem Gipfel, da gibt ein Mezzospran sein Innenleben wieder. Quintessenz: „Lebt wohl, ich scheide!“ In seinem Gemach treffen sich Rudolf und Mary heimlich. Sie will den Todessehnsüchtigen zur Liebe ziehen, er sie in den Tod. Was für eine Tanzszene hat MacMillan daraus gemacht!

Der 3. Akt führt zum Jagdschloss in Mayerling. Das Bayerische Staatsorchester spielte MacMillans geniale Musikauswahl unter Anton Grishanin in Bestform. Polunin zeigte, wie Rudolf sich und seine Glieder geradezu voran stoßen muss, um noch zu leben. Gleichzeitig erreicht sein Tanz mit Mary im Ringen um Vereinigung wahnsinnige Dynamik. Sie ist in ihrer grenzenlosen Liebesromantik bereit, mit ihm in den Tod zu gehen. Das hat er gesucht, doch plagen ihn Skrupel, obwohl sie es ist, die ihn fast zum Tod verführt.

Das Publikum war gepackt von einem hochkomplexen Geschehen, das beim einmaligen Sehen gar nicht voll erfasst werden kann, aber doch so meisterlich geschlossen und gestaltet tiefen Eindruck hinterließ. Alle Solisten und das Ensemble des Stanislawski-Balletts waren technisch und stilistisch grandios, an ihrer Spitze ein Sergei Polunin, für den die Schritte nur Zutat zur durchgängigen Darstellung der zerrissenen Seele des Habsburger Kronprinzen waren. Dieses Stück ins Münchner Repertoire zu holen, wäre ein hochwillkommenes Projekt.

Veröffentlicht am 10.04.2017, von Karl-Peter Fürst in Homepage, Gallery, Tanz im Text, Kritiken 2016/17

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Kommentare zu "Verführung zum Tod mit Sergei Polunin"



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