HOMEPAGE



München

SAG NIEMALS NIE

Katja Wachter und James Newton mit „NichtIch“ im HochX München



"NichtIch" ist die zweite Zusammenarbeit der beiden Performer. Dabei bringen sie all das auf die Bühne, „was sie nie auf die Bühne bringen wollten“. Das klingt zunächst ein wenig überheblich und spottend, vor allem aber ist es ziemlich lustig.


  • Katja Wachter und James Newton mit „NichtIch“ im HochX München Foto © Franz Kimmel
  • Katja Wachter und James Newton mit „NichtIch“ im HochX München Foto © Franz Kimmel
  • Katja Wachter und James Newton mit „NichtIch“ im HochX München Foto © Franz Kimmel

Das Theater HochX war voll für die Tanz-Musik-Sprach-Performance „NichtIch“ von Katja Wachter und James Newton. Katja Wachter unterrichtet nicht nur an der Iwanson International School of Contemporary Dance, sondern auch an der Theaterakademie August Everding zeitgenössischen Tanz und Improvisation. James Newton erhielt an letzterer unter anderem seine Schauspielausbildung. Die Performance „NichtIch“ ist ihre zweite Zusammenarbeit, in der sie all das auf die Bühne bringen, „was sie nie auf die Bühne bringen wollten“. Das klingt zunächst ein wenig überheblich und spottend, vor allem aber ist es ziemlich lustig. Diejenigen, die die beiden kennen, wissen um ihre Bühnenidentität. Wer sie nicht kennt, lernt ihre NichtIchs kennen.

Es beginnt mit der verkehrten Saalsituation: die Zuschauer sitzen oben auf der Bühne und blicken auf die beiden Performer unten im Saal hinab. Die stehen nebeneinander und beginnen sich zu bewegen, improvisiert und aus der Eingebung heraus. Das ist nicht unbedingt komisch, doch fügen Gesichtsausdruck, Stimmlage und Kommentare diese Bedeutungsebene hinzu. „Ich würde niemals …“, „… find‘ ich scheiße“ hallt es durch den Raum und diese No-Gos tanzen, sprechen oder performen Wachter und Newton im selben Moment. Zum Beispiel die Gaga-Methode und fokloristische oder schnulzige Duo-Tanzeinlagen. Nie würden sie nackt auf der Bühne sein, nie ein Stück über Flüchtlinge machen. Was sie thematisch und ästhetisch verneinen, wird in der Performance bejaht. Ob nackt hinter der Gitarre oder die „Bürgschaft“ von Schiller direkt vor dem Publikum stehend rezitierend. „Rap ist viel zu aggressiv“, sagt sie, während er eine gelungene und sehr parodistische Rapeinlage abliefert („Represent!“). Auf dem Synthieschlagzeug spielt Newton noch viele weitere Dinge, er weiß es trotz der Abneigung gut zu bedienen. Und auch Katja Wachters NichtIch sieht auf der Bühne sehr beherrscht aus.

Eigentlich müssten die beiden für diese Performance Katja Newton und James Wachter genannt werden, da sie die Klamotten des jeweils anderen tragen. Und Kleidung definiert ein Ich wiederum enorm; am Outfit zeigt sich der persönliche Stil, manchmal sogar die Tagesform. Das erinnert an die Fotoserie „Switcheroo“ der Fotografin Hana Pesut. Sie ließ Paare (Geschwister, Freunde, Liebesleute) die Kleidung tauschen. Herausgekommen sind jeweils zwei unterschiedliche Menschen, die durch die Kleider des anderen ein neues Ich bekamen. Gegen Ende von „NichtIch“ tauschen Wachter und Newton, jeder trägt seine eigene Hülle und diese äußerliche Identität steht ihnen gut.

Eine Identität konstruiert sich auch durch das, was man nicht mag, was man nicht ist und im Ausschlussverfahren findet man sozusagen sein Ich. Wachter und Newton sind über ihre Schatten gesprungen und haben ihre künstlerischen Grenzen überschritten, das war noch nie eine schlechte Idee, um sich weiterzuentwickeln. Obwohl die beiden genau dies, die ständige Neuerfindung der Künstler, mit ihrer Performance kritisch betrachten und eines ihrer No-Gos die persönlich-emotionale Aufarbeitung eines Erlebnisses ist, setzen sie sich ebenfalls mit ihren Ichs, ihrem Inneren, auf der Bühne auseinander. Das macht ein Künstler ja irgendwie immer. Und im Versteck fremder Kleidung oder einer Negation erlebt und kommuniziert man manchmal das wahre Ich; sag niemals nie.

Veröffentlicht am 03.04.2017, von Natalie Broschat in Homepage, Gallery, Tanz im Text, Kritiken 2016/17

Dieser Artikel wurde 1004 mal angesehen.



Kommentare zu "Sag niemals nie"



    • Kommentar am 04.04.2017 00:19 von Sabine Winkler
      Nunja, ich habe mir die Vorstellung am 1. April angesehen. Und "vor allem aber ist es ziemlich lustig." aus dem Header ist ein sehr gutes Stichwort. Denn ich dachte dann irgendwie, das ist ein Aprilscherz. Der eigentliche geniale Moment war der, als man die Saalsituation verinnerlicht hatte: Die Audience auf der Bühne mit den Darstellern von da oben nach unten im Blick. Wirklich anregend, bevor es losging.



      Und dann: De gustibus est non disputandum, aber für mich persönlich habe ich von der Vorstellung mitgenommen: Wären sie lieber bei ihrem Credo "was sie nie auf die Bühne bringen wollten." geblieben. Vielleicht hätte dem Stück etwas mehr Unbeherrschtheit gut getan.

Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



 

AKTUELLE NEWS


TANZLAND

Eine Million Euro für Gastspielkooperationen
Veröffentlicht am 22.06.2017, von Pressetext


TRAUER UM ROSALIE

Am 12.06.2017 starb die Bühnen- und Kostümbildnerin rosalie in Stuttgart
Veröffentlicht am 14.06.2017, von tanznetz.de Redaktion


URAUFFÜHRUNGEN IN WUPPERTAL

Neustart beim Tanztheater Wuppertal und Adolphe Binder
Veröffentlicht am 12.06.2017, von Pressetext



AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



TANZ IST FESTIVAL

8. bis 17. Juni 2017 - Spielboden Dornbirn (Austria)

Sensationelles und Außergewöhnliches am Puls der Zeit, internationale Tanz- und Performancekunst auf höchstem Niveau!

Veröffentlicht am 22.05.2017, von Anzeige

LETZTE KOMMENTARE


ATEMBERAUBEND GRENZÜBERSCHREITEND: HOMÖOPATHIE UND TANZ

„Sepia tanzt alleine“ von Andrea Simon, Andreas Etter, Ulrich Koch und Gesina Habermann verbindet Tanz und Medizin in beeindruckend schönen Bildern
Veröffentlicht am 10.02.2017, von Sabine Kippenberg


DIONYSOS UND APOLLON IM STREIT

Demis Volpis „Tod in Venedig“ als Koproduktion von Ballett und Oper in Stuttgart
Veröffentlicht am 09.05.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel


WIE TANZT MAN REFORMATION?

Das Bundesjugendballett wagt mit "Gipfeltreffen - Reformation" einen Versuch
Veröffentlicht am 15.01.2017, von Andreas Berger

MEISTGELESEN (30 TAGE)


DAS „CAFÉ MÜLLER“ UND DIE FOLGEN

Der dreiteilige Ballettabend „Hope“ in Antwerpen

Veröffentlicht am 30.05.2017, von Boris Michael Gruhl


POLITIK KANN MAN TANZEN

INVENTUR 2 evaluierte in Düsseldorf die aktuelle Situation innerhalb der zeitgenössischen Tanz- und Performancekunstsparten

Veröffentlicht am 04.06.2017, von tanznetz.de Redaktion


TANZART OSTWEST IN GIEßEN ERÖFFNET

Tanzcompagnie Gießen zeigt „Schlaflabor - InPatients Suite“ von Marcos Marco und „Seid was ihr wollt“ von Massimo Gerardi

Veröffentlicht am 02.06.2017, von Dagmar Klein


WENN SIE MAL SCHAUEN MÖCHTEN …

Die Palucca Hochschule für Tanz Dresden mit ihrer alljährlichen Leistungsschau im Festspielhaus Hellerau

Veröffentlicht am 20.06.2017, von Rico Stehfest


DIE KUNST, DER RAUM UND DER TANZ

DANCE 2017 mit VA Wölfl, Trajal Harrell und Frédérick Gravel

Veröffentlicht am 25.05.2017, von Miriam Althammer



BEI UNS IM SHOP