HOMEPAGE



Gelsenkirchen

KAPUTTE EXISTENZEN UNTERM GLAMOURLOOK

"Hamlet" beim Ballett im Revier



Cathy Marstons neues Shakespeare-Ballett gerät in Gelsenkirchen zum Triumph für die grandiose Tänzer-Darstellerin Bridget Breiner als Königin Gertrude. Hamlet steht ganz im Schatten seiner Mutter.


  • Cathy Marstons "Hamlet" beim Ballett im Revier Foto © Costin Radu
  • Cathy Marstons "Hamlet" beim Ballett im Revier Foto © Costin Radu
  • Cathy Marstons "Hamlet" beim Ballett im Revier Foto © Costin Radu
  • Cathy Marstons "Hamlet" beim Ballett im Revier Foto © Costin Radu

Als heroischer Rächer, den Shakespeares Zeitgenossen auf der Bühne so liebten, taugte der melancholische Dänenprinz ohnehin nie wirklich. Auf der heutigen Weltbühne ist er allemal out. Denn was bei "Königs" passiert, hat für unser öffentliches Leben kaum noch Relevanz. Wutbürger des demokratischen Establishments gehen demagogischen Verführungskünsten von Politikern zwar noch immer auf den Leim. Das Gros opponiert freilich nur mit plakativen "Demos", wenn einer wie Trump die politische Macht seines Landes an sich gerissen hat.

So erzählt Cathy Marston die Hamlet-Tragödie eher als private Familientragödie im Glamourlook mit zwischenmenschlichen Brüchen und macht sie konsequent sicht- und hörbar. Mobile Granitblöcke mit polierten Flächen und rauen Bruchstellen dienen in Ines Aldas Bühnendekor als Thron, Grablege, Ehebett und Liebesnest. In einer der eindrucksvollsten Szenen - einem Ball, bei dem alle emotionalen Facetten der Hofgesellschaft aufblitzen und im diffusen Licht auch noch Schatten werfen - schwebt und schwankt gar ein Block bedrohlich über den Tanzenden. Die barocken Kostüme der Akteure werden ergänzt durch hauchzarte, blassblaue, lange Wilis-Tutus für die "inneren Stimmen". Die Musikcollage pendelt - beileibe nicht neu - zwischen peitschend motorischer Moderne von Alfred Schnittke, Arvo Pärt sowie Arrangeur Philip Feeney und der harmonisch barocken Klangwelt Henry Purcells. Weiße Lilien und biegsame Degen sind die einzigen, symbolträchtigen Requisiten in den Händen der Protagonisten. Leben und Tod, Unschuld und Schuld, Trauer und Leid werden verhandelt.

Aber irgendwie kommt Marstons neues Literaturballett doch nicht stimmig rüber. Das liegt vor allem an der allzu hektischen, oft übertrieben aggressiven, brutalen Bewegungsvielfalt zwischen klassischem Spitzentanz und zirzensischer Akrobatik. Da wirkt die psychologisch gewollte Körpersprache geschwätzig und verlogen. Und zum Schluss gerät das Ballett auch noch kitschig, wenn Schnittkes Komposition für Violine und Klavier das Lied aller Lieder zur Weihnachtszeit "Stille Nacht...." mit harschen Dissonanzen durchschneidet.

Allerdings: Gelsenkirchens Ballettchefin Bridget Breiner tanzt die Königin mit superber Technik und darstellerischer Ausstrahlung, sodass der ganze Abend zum Triumph der grandiosen Ballerina gerät. Marston fokussiert ihr angekündigtes Psychogramm eines "trauernden Menschen auf verzweifelter Erkenntnissuche" eher auf die Königin, die hier auf eine fragwürdig altmodische Frauenrolle zwischen beschützender, mitleidender Mutter und folgsamer, wenn auch argwöhnischer Ehefrau des potentiellen Mörders des Gatten reduziert wird.
Der Melancholiker Hamlet steht ganz im Schatten seiner Mutter. Louiz Rodrigues bleibt bei aller physischen Geschmeidigkeit und Eleganz blass. Tessa Vanheusden dagegen überzeugt als zauberhaft fragile Ophelia. Ledian Soto, ganz in schwarz und kahlköpfig, intrigiert in der Idylle der Königsfamilie als furchterregend kalt kalkulierender Thron-Prätendant Claudius. Das vierköpfige "Corps de ballet" à la "Giselle" verströmt einen hinreißenden Hauch von romantischem Ballett. So bietet denn dieser intime Ballettabend immerhin gut gezeichnete Charaktere, ein klares Szenario, stilvolle Kostüme und besten Tanz.

Veröffentlicht am 13.02.2017, von Marieluise Jeitschko in Homepage, Tanz im Text, Kritiken 2016/17

Dieser Artikel wurde 624 mal angesehen.



Kommentare zu "Kaputte Existenzen unterm Glamourlook"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    RAUER PULS UNTER DER POLIERTEN OBERFLÄCHE

    Komplexe Psychogramme zeigt das Berner Ballett mit Uraufführungen von Cathy Marston und Andrea Miller

    Artikel aus Basler Zeitung/Der Bund vom 26.04.2010


    VOM SOMMER- ZUM WINTERNACHTSTRAUM

    Cathy Marstons originelle Tanzversion der Shakespeare-Komödie für das Bern:Ballett

    Veröffentlicht am 14.11.2011, von Marlies Strech


    GEFANGEN IM BALLETTSAAL

    Cathy Marston choreografiert Tschechows "Drei Schwestern"

    Ein kleines Juwel funkelt im Musiktheater im Revier, Cathy Marstons Ballett "Drei Schwestern" nach Anton Tschechows melancholischem Prosa-Drama von 1901. Erstaunlich unverkrampft erzählt die britische Choreografin die Geschichte von den unglücklichen jungen Frauen, die sich aus der Einsamkeit der Provinz in ihre Geburtsstadt Moskau zurücksehnen.

    Veröffentlicht am 01.06.2014, von Marieluise Jeitschko


    CATHY MARSTON HÖRT IN BERN AUF

    Estefania Miranda wird neue künstlerische Leiterin der Sparte Tanz in Bern

    Veröffentlicht am 15.11.2012, von Pressetext


     

    LEUTE AKTUELL


    "EINE GROßE EHRE"

    Tarek Assam zum Sprecher der Bundesdeutschen Ballett- und Tanztheaterdirektoren Konferenz gewählt
    Veröffentlicht am 05.05.2017, von Dagmar Klein


    BOTSCHAFTER DES TANZTHEATERS

    Der Schweizer Choreograf Gregor Zöllig spricht mit Kirsten Pötzke über seine Wurzeln, die Begeisterung für den Tanz und die Arbeit mit Profis und Laien
    Veröffentlicht am 20.04.2017, von Kirsten Poetzke


    EINE JUNGE KOMPANIE FÜR BERLIN

    Marion Heinrich im Gespräch mit den Intendanten des „Landesjugendballetts Berlin“
    Veröffentlicht am 31.03.2017, von Gastautor



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    COLD ARROW – GAME OF GO (WEIQI)

    Die Beijing Dance LDTX Compagnie am 5. Juni zu Gast am Staatstheater Kassel

    Ein zeitgenössischer Tanzabend voller Kraft und Spiritualität reich an chinesischen Formen und Bildern

    Veröffentlicht am 04.05.2017, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    ATEMBERAUBEND GRENZÜBERSCHREITEND: HOMÖOPATHIE UND TANZ

    „Sepia tanzt alleine“ von Andrea Simon, Andreas Etter, Ulrich Koch und Gesina Habermann verbindet Tanz und Medizin in beeindruckend schönen Bildern
    Veröffentlicht am 10.02.2017, von Sabine Kippenberg


    DIONYSOS UND APOLLON IM STREIT

    Demis Volpis „Tod in Venedig“ als Koproduktion von Ballett und Oper in Stuttgart
    Veröffentlicht am 09.05.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel


    WIE TANZT MAN REFORMATION?

    Das Bundesjugendballett wagt mit "Gipfeltreffen - Reformation" einen Versuch
    Veröffentlicht am 15.01.2017, von Andreas Berger

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    WOGEN GEGLÄTTET

    Sasha Waltz und Johannes Öhman geben Pressekonferenz beim Berliner Staatsballett

    Veröffentlicht am 01.05.2017, von tanznetz.de Redaktion


    „DU BIST NICHT NUR FLEISCH“

    Zu Gast in Leverkusen: Alvis Hermanis inszeniert Mikhail Baryshnikov

    Veröffentlicht am 15.05.2017, von Andreas Berger


    POESIE UND ERSCHRECKEN

    Jacopo Godanis „Extinction Of A Minor Species“ für die Dresden Frankfurt Dance Company im Bockenheimer Depot

    Veröffentlicht am 02.05.2017, von Boris Michael Gruhl


    WENN DIE TÄNZERIN DEIN NACHBAR IST

    Tiago Manquinhos “Nice to meet you?” am Staatstheater Braunschweig

    Veröffentlicht am 08.05.2017, von Andreas Berger


    ACCESS TO DANCE



    Veröffentlicht am 03.05.2013, von tanznetz.de Redaktion



    BEI UNS IM SHOP