HOMEPAGE



Gießen

EINE KLEINE REVOLUTION

Kooperation zwischen "TanzArt ostwest" und der Shenzhen Arts School



Seit 2012 steht Tarek Assam als Leiter der "TanzArt ostwest" in regelmäßigem Austausch mit verschiedenen Städten und Tanzkompanien in China. Nun will er mit der Arts School in Shenzhen einen Lehrplan für zeitgenössischen Tanz erarbeiten.


  • Kooperation zwischen "TanzArt ostwest" und der Shenzhen Arts School Foto © TanzArt ostwest
  • Kooperation zwischen "TanzArt ostwest" und der Shenzhen Arts School: Tarek Assam Foto © TanzArt ostwest
  • Kooperation zwischen "TanzArt ostwest" und der Shenzhen Arts School (v.l.): Tarek Assam, Agnieszka Jachym, Maria Dornio, Sven Krautwurst, Caitlin-Rae Crook, Tillmann Becker Foto © TanzArt ostwest
  • Kooperation zwischen "TanzArt ostwest" und der Shenzhen Arts School Foto © TanzArt ostwest
  • Kooperation zwischen "TanzArt ostwest" und der Shenzhen Arts School: Tarek Assam mit seinem Übersetzer Frank Foto © TanzArt ostwest

Im Anschluss an das "TanzArt ostwest"-Festival Pfingsten 2016 wurde ein Kooperationsvertrag zwischen Hessen und Shenzhen geschlossen, den niemand erwartet hätte. Der Vertrag zwischen dem TanzArt ostwest-Verbund mit Sitz in Gießen und der Shenzhen Arts School in Südchina ist auf fünf Jahre angelegt und sieht die Erarbeitung eines Lehrplans für zeitgenössischen Tanz vor. Was für westliche Ohren unspektakulär klingt, ist auf chinesischer Seite eine kleine Revolution. Denn Shenzhen ist damit die erste Arts School of Song and Dance in China, die den zeitgenössischen Tanz als normales Unterrichtsfach einführen will. Neben der gut 1000-jährigen Tradition des chinesischen Volkstanzes. Da begegnen sich Kulturwelten.

Seit 2012 steht Tarek Assam als Leiter der "TanzArt ostwest" in regelmäßigem Austausch mit verschiedenen Städten und Tanzkompanien in China. Zum Programm der China-Besuche gehörte auch der Besuch der Arts School in Shenzhen. Die erste Zusammenarbeit mit Shenzhen fand im Grimm-Jubiläumsjahr 2013 statt, als Tarek Assam - aufgrund einer Anfrage des Hessischen Ministeriums für Kunst und Wissenschaft (HMWK) - mit einer Gruppe der Shenzhen Arts School eine chinesisch inspirierte Choreografie zu Märchen der Brüder Grimm erarbeitete. Die Umsetzung bewerkstelligte er gemeinsam mit Guido Markowitz, der mittlerweile das Tanzensemble am Theater Pforzheim leitet. Die große Ausstellung „Expedition Grimm“ in der Kasseler documenta-Halle wurde mit dem deutsch-chinesischen Tanzstück eröffnet.

Danach war die elfköpfige Gruppe, bestehend aus Tanzlehrern und -schülern mit ihrem Übersetzer Hongye Huang, genannt Frank, für einen Monat bei der Tanzcompagnie Gießen (TCG) zu Gast. Während des Arbeitsaufenthaltes lernten die Chinesen die Arbeitsweise der TCG kennen, sie gaben selbst Kurse und hatten Auftritte im klassisch chinesischen Tanz. Der Eindruck war offenbar nachhaltig.Denn als die neu erbaute Kunstschule von Shenzhen 2015 feierlich eröffnet wurde, war die TCG eingeladen und zeigte eine Performance aus dem Stück „Satz des Pythagoras“. Assam gab erste Lectures in zeitgenössischem Tanz, die mitgefahrenen TCG-Mitglieder zeigten den chinesischen Tanzschülern, die zwischen 17 und 21 Jahre alt sind, die konkrete Umsetzung. Seitdem kommt eine Delegation fast regelmäßig zum "TanzArt ostwest"-Festival in Gießen, nutzt es als Blick in die reiche Welt des zeitgenössischen Tanzes.

Bei der "TanzArt" 2016 äußerte Direktor Huang Quicheng erstmals den Wunsch nach einer festen Kooperation zwischen Shenzhen und Gießen, mit dem Ziel einen Lehrplan für die Shenzhen Arts School zu erarbeiten. Das besondere Interesse der Chinesen gilt den Improvisationstechniken, das kennt man dort nicht. Vereinbart wurde die Einrichtung einer Gastprofessur, dafür fliegen hiesige Tanzpädagogen drei Mal pro Jahr für vier Wochen nach Südchina. Das Arbeiten dort wird mit einem Lehrplan vorbereitet, schriftlich und per Video dokumentiert. Tarek Assam übernimmt während der ganzen Zeit die Supervision.

Der erste Tanzpädagoge war im Oktober bereits in China: Tillmann Becker (Braunschweig) hat sich auf das Abenteuer eingelassen. Für jedes Gespräch, jede Unterrichtseinheit benötigt er einen Übersetzer, das erfordert intensive Vor- und Nachbereitung. Seine Gruppe bestand aus Teilnehmern, die bereits in Gießen waren, also eine Ahnung von tänzerischer Improvisation hatten. Sie seien sehr wissbegierig und offen gewesen. Das Ergebnis zeigte Becker im Dezember in einer eindrucksvollen Aufführung der Studierenden, während der Feier zum 30-jährigen Bestehen der gesamten Shenzhen Arts School. Natürlich waren die Gießener dazu eingeladen, Tarek Assam hielt einen Vortrag über Modern Dance und die TCG-Mitglieder tanzten das jüngst Assam-Stück „Gravitas“. Zur studentischen Aufführung des ersten Workshops mit Improvisationstechniken waren rund 300 Schuldirektoren aus allen Provinzen Chinas eingeladen, doch der Saal mit seinen 1200 Sitzen war proppenvoll. „Das Interesse war immens“, so Assam, und die Begeisterung groß.

Die nächste Gruppe wird aus Schülern und Schülerinnen bestehen, die einzig mit ihrem Wissen und der Erfahrung im chinesischen Volkstanz kommen. Da wird sich noch mal anders zeigen, wie zeitgenössische Improvisationstechniken bei ihnen ankommen. „Die Chinesischen Studenten sollen Gefühlswelten auf der Bühne anders als bisher erlernt zulassen“, erklärt Assam, „Improvisation funktioniert nicht ohne Gefühle zu zeigen, und das ist in der von Ritualen geprägten Tanztradition Chinas nicht üblich, es wird fast ausschließlich in stilisierter Form gezeigt und ist deshalb aus heutiger Sicht wenig authentisch. Insofern ist die Erprobung für jeden einzeln auch ein großer persönlicher Schritt.“ Im Juli wird Paolo Fossa das chinesische Abenteuer wagen und im August Susanne Fromme, beide sind Trainingsleiter der TCG.


Die Region Shenzhen ist eine Freihandelszone mit ca. 30 Millionen Einwohnern, gelegen auf der Festlandsseite der Bucht von Hongkong. In Shenzhen befindet sich das „Silicon-Valley von China“. Die reiche Kulturszene wird vom Kulturamt Shenzhen gefördert, auch der Aufbau einer eigenen modernen Tanzszene. Da Shenzhen Partnerregion von Hessen ist, werden vereinzelt Austauschprogramme vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst (HMWK) gefördert.

Der Kooperationsvertrag wurde möglich durch das auf wechselseitigem Austausch beruhende "TanzArt ostwest"-Festival, das Assam noch in seiner Zeit am Nordharzer Städtebundtheater mitgründete und seitdem koordinierend leitet. Mit seinem Start als Ballettdirektor am Stadttheater Gießen 2002/03 brachte er das Tanzfestival auch nach Mittelhessen, wo es seitdem jährlich stattfindet. Das Netzwerk ist in den vergangenen 18 Jahren stetig gewachsen und bietet eine optimale Ressource für das Entsenden von Tanzpädagogen nach China. „Das Interesse ist groß“, so Assam, „es bedeutet für jede/n Einzelne/n eine besondere Erfahrung.“

Veröffentlicht am 31.01.2017, von Dagmar Klein in Homepage, Themen, Tanz im Text

Dieser Artikel wurde 1240 mal angesehen.



Kommentare zu "Eine kleine Revolution"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    FIKTIVE RÜSSEL UND SOZIOLOGISCHE WELTWIRTSCHAFTSANALYSEN

    Die Uraufführung „Gustav Nachtigal“ von Mirko Hecktor und Tarek Assam Am Wochenende zuvor Auftakt mit „Stop the press!“ von David Finelli (E)

    Veröffentlicht am 23.05.2010, von Dagmar Klein


    INTERNATIONAL, INNOVATIV UND IMPOSANT

    TanzArt ostwest 2012 in Gießen – Internationales Programm zum 10-Jährigen

    Veröffentlicht am 29.05.2012, von Dagmar Klein


    DAS BISSCHEN HAUSHALT...

    Uraufführung „Hausrat“ – Tanzstück von Tarek Assam eröffnet die TanzArt ostwest

    Veröffentlicht am 27.05.2012, von Dagmar Klein


    COPPÉLIA, VERGEWALTIGT

    TanzArt ostwest 2011 beginnt mit „Chaos Algorhythm“ und „Puppentänze – Coppelia revisited“

    Veröffentlicht am 11.06.2011, von Dagmar Klein


    RÜCKSCHAU

    Zum 12. Mal TanzArt ostwest in Gießen

    Eine gelungene Auftakt-Veranstaltung, zwei Tanzfoto-Ausstellungseröffnungen von Frank Sygusch und Dietmar Janeck, die Premiere des neuen Tanzstücks von Ballettdirektor Tarek Assam und Gastchoreograf Robert Przybyl „Die Wirrniss der Pinguine“ und schon am gleichen Abend ging es mit den ersten Gästen weiter.

    Veröffentlicht am 11.06.2014, von Dagmar Klein


    "WAS MÖCHTE ICH DARSTELLEN?"

    12 Jahre Tarek Assam am Stadttheater Gießen

    Tarek Assam ist seit 12 Jahren Ballettdirektor am Stadttheater Gießen. Er hat die kleine Tanzcompagnie zu einer in der Szene respektierten Größe geführt, und das jährliche Festival TanzArt ostwest zu einer festen Institution entwickelt.

    Veröffentlicht am 08.05.2014, von Dagmar Klein


    STADTERKUNDUNGEN

    12. TanzArt ostwest in Gießen startet mit Site-Specific-Project

    Ort des Geschehens ist das Obergeschoss einer Einkaufsgalerie, das bis vor kurzem ein Fitnessstudio beherbergte. Vor allem die Fensterfront zur Weststadt, das bedeutet in Gießen der Blick über die Lahn und darüber hinaus, ist faszinierend. An dieser Seite begann im Abenddämmerlicht Marcos Stück „A Ciegas / Blindlings“.

    Veröffentlicht am 01.06.2014, von Dagmar Klein


    VERZWEIFELTES GRUPPENRINGEN

    Neues Tanzstück von Tarek Assam und Robert Pryzbyl auf der TiL-Studiobühne

    Wie schon in den vergangenen 12 Jahren startete die TanzArt ostwest in Gießen mit einer Uraufführung der gastgebenden Tanzcompagnie Gießen, in diesem Jahr hat sie die „Wirrnis der Pinguine“ zum Thema. Und wieder einmal hat Ballettdirektor Tarek Assam einen Choreografen dazu geholt, mit dem er das experimentelle Stück gemeinsam erarbeitet hat.

    Veröffentlicht am 07.06.2014, von Dagmar Klein


    EIN SCHWERES THEMA GANZ LEICHT

    „Gravitas“ (UA) - Tanzabend von Tarek Assam am Stadttheater Gießen

    Multimedial nähert sich Tarek Assem in seinem neuen Stück der Gravitation, einem wahrlich weltumspannenden Thema.

    Veröffentlicht am 13.05.2016, von Dagmar Klein


     

    LETZTE BEITRÄGE 'TANZ IM TEXT'


    IN WEITER FERNE, SO NAH

    Tanzfabrik Berlin: „At Close Distance“ von Christina Ciupke und Ayşe Orhon
    Veröffentlicht am 22.07.2017, von Hartmut Regitz


    VIEL STYROPOR

    Dancesoap „Minutemade“ mit „Act Three“ in München
    Veröffentlicht am 20.07.2017, von Vesna Mlakar


    HULDIGUNG AN DIE RUSSISCHE TRADITION

    Eine Nijinsky-Gala mit vielen glanzvollen Höhepunkten beschloss die 43. Hamburger Ballett-Tage
    Veröffentlicht am 20.07.2017, von Annette Bopp



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    TANZ- UND PERFORMANCE-PROGRAMM IM RAHMEN DES BEETHOVENFESTS

    Vom 8. September bis 1. Oktober in Bonn

    In den letzten zwei Jahren öffnete sich das Beethovenfest zeitgenössischen »jungen« Kunst-Sparten. Auch das diesjährige Festival widmet sich den tänzerischen und performativen Formen der Gegenwart.

    Veröffentlicht am 01.04.2017, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    ATEMBERAUBEND GRENZÜBERSCHREITEND: HOMÖOPATHIE UND TANZ

    „Sepia tanzt alleine“ von Andrea Simon, Andreas Etter, Ulrich Koch und Gesina Habermann verbindet Tanz und Medizin in beeindruckend schönen Bildern
    Veröffentlicht am 10.02.2017, von Sabine Kippenberg


    DIONYSOS UND APOLLON IM STREIT

    Demis Volpis „Tod in Venedig“ als Koproduktion von Ballett und Oper in Stuttgart
    Veröffentlicht am 09.05.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel


    STANDING OVATIONS

    Pick bloggt über die Gastspielreise des Bundesjugendballetts und -orchesters
    Veröffentlicht am 16.01.2017, von Günter Pick

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    ACCESS TO DANCE



    Veröffentlicht am 03.05.2013, von tanznetz.de Redaktion


    MAGIE ZWISCHEN SCHWULST UND POMP

    Das National Ballet of China gastierte bei den 43. Hamburger Ballett-Tagen

    Veröffentlicht am 18.07.2017, von Annette Bopp


    NEUER CHEF AM THEATER DORTMUND

    Tobias Ehinger wird Geschäftsführender Direktor

    Veröffentlicht am 15.07.2017, von Pressetext


    MIT GROßEN SPRÜNGEN IN DIE ZUKUNFT

    Ballett-Matinee der Stuttgarter John Cranko Schule

    Veröffentlicht am 14.07.2017, von Boris Michael Gruhl


    HULDIGUNG AN DIE RUSSISCHE TRADITION

    Eine Nijinsky-Gala mit vielen glanzvollen Höhepunkten beschloss die 43. Hamburger Ballett-Tage

    Veröffentlicht am 20.07.2017, von Annette Bopp



    BEI UNS IM SHOP