HOMEPAGE



München

BITTE ETWAS MEHR SPIELERISCHEN AUSDRUCK

„La fille mal gardée“ von Frederick Ashton erlebt seine Wiederaufnahme am Bayerischen Staatsballett



So leicht dieser Ashton auch wirkt, er ist verdammt schwierig. Die notwendige Präzision und Leichtigkeit in den Füßen muss sich die Kompanie erst noch ertanzen.


  • "La Fille mal gardée" von Frederick Ashton; Maria Shirinkina und Vladimir Shklyarov Foto © Wilfried Hösl
  • "La Fille mal gardée" von Frederick Ashton; Ensemble Foto © Wilfried Hösl
  • "La Fille mal gardée" von Frederick Ashton; Gianmarco Romano Foto © Wilfried Hösl
  • "La Fille mal gardée" von Frederick Ashton; Ensemble Foto © Wilfried Hösl
  • "La Fille mal gardée" von Frederick Ashton; Maria Shirinkina und Vladimir Shklyarov Foto © Wilfried Hösl
  • "La Fille mal gardée" von Frederick Ashton; Maria Shirinkina Foto © Wilfried Hösl
  • "La Fille mal gardée" von Frederick Ashton; Vladimir Shklyarov Foto © Wilfried Hösl

Lise und der junge Bauer Colas lieben sich, verbotenerweise. Denn Lises Mutter, seit Langem unbemannt und wenig verständnisvoll für junge Gefühle, hat andere, geldige Pläne mit dem reichen einfältigen Winzersohn Alain. Man errät's: wenn im Klassiker „Schwanensee“ (1894/95) Prinz Siegfried noch tragisch in den Fluten ertrinken muss, dann kriegt in dieser mehr als hundert Jahre älteren bürgerlichen Ballettkomödie „La fille mal gardée“ der mittellose Colas am Ende doch seine ‚schlecht behütete’ Lise. Das ist das Verdienst von Jean Dauberval, der 1789 mit seiner Ur-„Fille“, ganz im Sinne der französischen Revolution, erstmals im Ballett alte Gesellschaftsordnungen wegchoreografierte. Frederick Ashton (1904-1988) studierte seine Version von 1960 – sie gilt als eines seiner Meisterwerke – 1971 noch selbst in München ein. 2011/12 und 2012/13 gab es zwar jeweils fünf Vorstellungen im Prinzregententheater, die Wiederaufnahme jetzt im Nationaltheater, nach zwanzig Jahren, kann man dennoch fast als Premiere bezeichnen (am Pult Myron Romanul).

Eine Premiere war es auf jeden Fall für das von Leiter Igor Zelensky erneuerte Staatsballett. Gleich hier für die gesamte Besetzung angemerkt, wobei das Damencorps besser abschneidet: die Präzision, die Leichtigkeit in den Füßen muss erst noch ertanzt werden. Man sieht es diesem Ashton nicht an, aber er ist verdammt schwierig: Während die Beine allegromäßig unterwegs sind, müssen die Schultern, soll der ganze Torso in allen möglichen, auch in Körper-konträren Wendungen die tänzerische Qualität noch überhöhen. Wer diesen Stil nicht gewohnt ist, tut sich schwer. Höchst wahrscheinlich war das Münchner Ensemble in den 1970er- und 80er-Jahren nicht besser. Aber der Zuschauer, zu der Zeit noch nicht verwöhnt mit Briotechnik, Stilvielfalt und postmoderner choreografischer Fantasie, war weit weniger anspruchsvoll – in jeder Beziehung. So unverstaubt, ja so frisch Osbert Lancasters Kostüme und seine gemalte ländliche Idylle noch heute wirken, die ausgedehnten, vom Volkstanz inspirierten Szenen - sicher vor mehr als fünfzig Jahren niedlich und inhaltlich schlüssig - ziehen sich fürs heutige Auge arg in die Länge: so viele Halstüchlein und Bänder, die sich die beiden jungen Liebenden gegenseitig flirtig in komplizierten Mustern umlegen; so viel Volkstanz-Hüpfen an bunten Maibaum-Bändern, die dann auch noch von der Gruppe zu luftigen dekorativen Gittern verwandelt werden. Großes Lob, dass sich niemand verhedderte.

Was dieses Ballett heute noch gültig macht, ist vor allem – die Komödie, ist Ashtons hinreißendes Ballett-Theater. Witwe Simone, gepolt darauf ihr Töchterchen zu bewachen, fängt die Aufmüpfige bei Fluchtversuchen ab, verdonnert sie zur Hilfe beim Spinnen, verwickelt sie in ein Tanzduett, sperrt sie schließlich ein, als Winzer Thomas – sehr schön von Staatsballett-Veteran Peter Jolesch – mit Sprössling Alain und Notar auftaucht, zwecks Heiratsvertrag. Alles herrlich komisch – wenn es denn herrlich gespielt wird. Vittorio Alberton, schon im Prinzregententheater die Witwe Simone, macht seine Sache ordentlich. Aber es fehlt (noch) die humoristische Finesse im Spiel und der tänzerischen Geste. Gianmarco Romano, seit 2014 im Ensemble, liefert mit viel Anstrengung die kniffligen schrägen Bewegungen des Einfaltspinsels Alain. Jetzt muss seine Figur noch komisch, vor allem auch liebenswert werden. Vladimir Shklyarov, wie immer sprunggewaltig, und seine Frau Maria Shirinkina geben ein sehr hübsches, allerdings ein recht braves Liebespaar ab. Ihre Darstellung könnte, auch ruhig gegen Ashtons Vorgabe der ‚Natürlichkeit’, etwas mehr theatralischen Nachdruck vertragen, ihr Austricksen von Mutter Simone ein bisschen freche Pikanterie. Man erinnert Kammertänzerin Judith Turos, die hier ja auch einstudiert hat, als wunderbar spitzbübische Lise. Vielleicht liegt es an Ferdinand Hérolds Musik (bearbeitet von John Lanchberry), dass es aus dem Graben mal fein sensibel, mal lärmig blechern klang.

weitere Vorstellungen 27. und 28. Januar; 3., 4., 7. Februar. Tel. 089/2185 1920

Veröffentlicht am 26.01.2017, von Malve Gradinger in Homepage, Kritiken 2016/17

Dieser Artikel wurde 1916 mal angesehen.



Kommentare zu "Bitte etwas mehr spielerischen Ausdruck"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    FRANZÖSISCH RUSTIKALES MIT BRITISCHEM HUMOR

    Frederick Ashtons „La fille mal gardée“ am Bayerischen Staatsballett

    Eine interessante Geschichte steckt hinter diesem hauptsächlich durch seinen irrwitzigen Holzschuhtanz bekannten Ballett.

    Veröffentlicht am 26.01.2017, von Malve Gradinger


     

    AKTUELLE KRITIKEN


    DAS DRAMA UM DIE LEIDENSCHAFT

    „Anna Karenina“ von Christian Spuck am Bayerischen Staatsballett
    Veröffentlicht am 21.11.2017, von Michaela.Schabel


    WER BIN ICH?

    Zur Gala des Stuttgarter Solo-Tanztheater-Festivals in der Hebelhalle Heidelberg
    Veröffentlicht am 21.11.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel


    NUR AM RANDE KAFKAESK

    Mauro de Candias „Home, Sweet Home” am Theater Osnabrück
    Veröffentlicht am 20.11.2017, von Marieluise Jeitschko



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    MOVE! - 16. KREFELDER TAGE FÜR MODERNEN TANZ

    Krefeld TANZT zeitgenössisch, bis 25. November 2017, in der Fabrik Heeder

    „MOVE!“, die „Krefelder Tage für modernen Tanz“, laden in diesem Jahr zum 16. Mal ein, sich von dem phantasievollen, kreativen Potential des zeitgenössischen Tanzes begeistern zu lassen.

    Veröffentlicht am 20.10.2017, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    ATEMBERAUBEND GRENZÜBERSCHREITEND: HOMÖOPATHIE UND TANZ

    „Sepia tanzt alleine“ von Andrea Simon, Andreas Etter, Ulrich Koch und Gesina Habermann verbindet Tanz und Medizin in beeindruckend schönen Bildern
    Veröffentlicht am 10.02.2017, von Sabine Kippenberg


    DIONYSOS UND APOLLON IM STREIT

    Demis Volpis „Tod in Venedig“ als Koproduktion von Ballett und Oper in Stuttgart
    Veröffentlicht am 09.05.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel


    VERBOTEN, VERSCHOBEN, VERGESSEN?

    Zur Absage der Uraufführung „Nurejew“ des Regisseurs Kirill Serebrennikow und des Choreografen Juri Possochow am Moskauer Bolschoi-Theater
    Veröffentlicht am 18.07.2017, von Boris Michael Gruhl

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    JÖRG WEINÖHL VERLÄSST DIE OPER GRAZ

    Der Ballettdirektor wird seinen Vertrag nicht verlängern

    Veröffentlicht am 13.11.2017, von Pressetext


    SEHNSUCHT – DER GRÖßTE GEMEINSAME NENNER

    Ein taufrisches Meisterwerk bei tanzmainz: Sharon Eyals „Soul Chain“

    Veröffentlicht am 30.10.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel


    ACCESS TO DANCE



    Veröffentlicht am 03.05.2013, von tanznetz.de Redaktion


    DER NACKTE KÖRPER – SONST NICHTS

    „ZeitGeist“ – ein neues Tanzstück von Éric Trottier in der Mannheimer Trinitatiskirche

    Veröffentlicht am 07.11.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel


    DAS STUTTGARTER RITUAL

    50 Jahre „Onegin“ von John Cranko am Stuttgarter Ballett

    Veröffentlicht am 30.10.2017, von Alexandra Karabelas



    BEI UNS IM SHOP