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Hamburg

ZEIGEN, WAS IN IHNEN STECKT

Ballett-Werkstatt „Debut“ beim Hamburg Ballett



Alljährlich dürfen die TänzerInnen des Hamburg Ballett bei ihrem Chef einen Wunschzettel einreichen. Darauf steht, welches Solo oder welchen Pas de Deux sie gerne einmal auf der Bühne zeigen würden, und zwar unabhängig von ihrem Status.


  • Ballett-Werkstatt „Debut“ beim Hamburg Ballett: Emilie Mazon und Marcelino Libao Foto © Kiran West
  • Ballett-Werkstatt „Debut“ beim Hamburg Ballett: Winnie Dias Foto © Kiran West
  • Ballett-Werkstatt „Debut“ beim Hamburg Ballett: Nicolas Gläsmann und Sara Coffield Foto © Kiran West
  • Ballett-Werkstatt „Debut“ beim Hamburg Ballett: Mathieu Rouaux und Hayley Page Foto © Kiran West
  • Ballett-Werkstatt „Debut“ beim Hamburg Ballett: Mayo Arii und Konstantin Tselikov Foto © Kiran West
  • Ballett-Werkstatt „Debut“ beim Hamburg Ballett: Lizhong Wang und Yun-Su Park Foto © Kiran West
  • Ballett-Werkstatt „Debut“ beim Hamburg Ballett: Madoka Sugai Foto © Kiran West
  • Ballett-Werkstatt „Debut“ beim Hamburg Ballett: Leeroy Boone Foto © Kiran West
  • Ballett-Werkstatt „Debut“ beim Hamburg Ballett: Illia Zakrevskyi Foto © Kiran West
  • Ballett-Werkstatt „Debut“ beim Hamburg Ballett: Graeme Fuhrmann und Xue Lin Foto © Kiran West
  • Ballett-Werkstatt „Debut“ beim Hamburg Ballett: Karen Azatyan und Lucia Rios Foto © Kiran West
  • Ballett-Werkstatt „Debut“ beim Hamburg Ballett: David Rodriguez Foto © Kiran West

Alljährlich in der Vorweihnachtszeit dürfen die TänzerInnen des Hamburg Ballett bei ihrem Chef einen Wunschzettel einreichen. Darauf steht, welches Solo oder welchen Pas de Deux sie gerne einmal auf der Bühne zeigen würden, und zwar unabhängig von ihrem Status innerhalb der Kompanie. Ballett-Intendant John Neumeier sortiert diese Wünsche dann alle, schaut, was machbar ist (Einstudierung und Proben müssen allesamt neben den umfangreichen Proben und Aufführungen stattfinden), und im Januar (dieses Jahr am 22.1.) widmet sich dann eine Ballett-Werkstatt dieser Wunsch-Wundertüte unter dem Motto „Debut“. Er lerne dabei die Tänzer besser kennen, auch, was in ihnen steckt, was sie sein könnten, was er selbst vielleicht bisher übersehen oder noch nicht gesehen habe, sagte Neumeier in seinen einleitenden Worten. Deshalb sei für ihn diese Werkstatt immer besonders spannend und aufschlussreich. Er bewundere den Mut seiner TänzerInnen sehr, die – auch wenn das Solo nur anderthalb Minuten dauert – diese Chance wahrnehmen. Weil sie fühlen, dass sie die jeweilige Rolle in sich tragen und den Mut haben, sich darin ihrem Chef und einem großen Publikum zu zeigen. Im Proben-Outfit und auf leerer Bühne – was die Bedingungen erschwert und die Herausforderung noch steigert.

In diesem Jahr hatte Neumeier in einer exzellenten Dramaturgie 24 Stücke zusammengestellt, die überwiegend von noch sehr jungen Gruppentänzern gezeigt wurden (die meisten davon stammen aus dem eigenen „Stall“, der Ballettschule des Hamburg Ballett). Über die Hälfte der Stücke wurde am Klavier begleitet (eine besondere Leistung der Pianisten Mark Harjes und Ondrej Rudcenko), für die anderen gab es die Musik vom Tonband.
Vom romantischen Klassiker bis zur Moderne war alles dabei. Los ging’s mit drei Stücken aus „Der Nussknacker“ in der Neumeier-Version. Der Pas de Deux zwischen Marie und Günther, getanzt von Mengting You und Matias Oberlin, geriet noch etwas hölzern, während Nako Hiraki akkurat und fein ein Solo als Marie zeigte. Der Clou jedoch waren Mayo Arii als Louise und Konstantin Tselikov als Drosselmeier – so fein, so anmutig, so klar in der Linie hat man die Louise selten gesehen, und Konstantin Tselikov, der normalerweise als Kadett Fritz zu sehen ist, empfahl sich als Drosselmeier (auch wenn da darstellerisch noch einiges zu arbeiten sein wird).

Höchst delikat und mit wunderbarer Allüre zauberte Sara Coffield zusammen mit Nicolas Gläsmann einen Pas de Deux zwischen Rosalinde und Orlando aus „Wie es Euch gefällt“ auf die Bühne – ein Genuss! Wie schwierig gerade die kurzen klassischen Soli sind, wurde bei zwei Ausschnitten aus „Pavillon d’Armide“ (in der Choreografie von Fokine) augenfällig: Kristina Borbélyová als Tamara Karsavina und Priscilla Tselikova fehlte da noch ein gutes Stück zum nötigen Glanz, bewundernswert aber trotzdem ihre Courage, sich diesen Anforderungen zu stellen. Estelle Sallé zeigte die schwierige „Allemande“, ein Solo aus Neumeiers „Vaslaw“, mit Bravour, während Pietro Pelleri an seinem Solo „Das irdische Leben“ aus „Des Knaben Wunderhorn“ noch ein gutes Stück Arbeit vor sich hat, vor allem, was den Ausdruck betrifft. Greta Jörgens hatte sich ein Solo aus Neumeiers „Sylvia“ ausgesucht – und meisterte die Herausforderung durchaus beachtlich.

Einer der Höhepunkte des Vormittags jedoch war zweifellos Leeroy Boone im Solo „Coney Island“ aus Neumeiers Musical-Revue „On the Town“ zu Musik von Leonard Bernstein. Wie er das elegant, kraftvoll und augenzwinkernd zugleich auf die Bühne pfefferte, das hatte schon Sonderklasse – und wurde vom Publikum mit entsprechendem Jubel belohnt.

Bemerkenswert auch das Solo des Tadzio von Mariá Huguet aus Neumeiers „Tod in Venedig“, das aber rasch überstrahlt wurde von einem Pas de Deux aus Neumeiers „Fünfter Sinfonie von Gustav Mahler“: Yun-Su Park und Lizhong Wang zelebrierten das Adagietto mit bewundernswerter Hingabe und Innigkeit – phantastisch! Schwerelos leicht danach die wunderbare Madoka Sugai in einem Solo aus „La Sylphide“ (was kann sie eigentlich nicht?!). Als Kontrast dagegen anschließend Georgina Hills als sehr moderne, wild entschlossene Mutter im Solo zu „Bereite dich, Zion“ aus dem Weihnachtsoratorium. Gefolgt von Illia Zakrevskyi, der mit atemberaubend leichtfüßigen Sprüngen im Solo des Engels aus dem gleichen Stück begeisterte, an der inneren Konzentration und Sammlung aber noch arbeiten kann.

Maria Tolstunova traute sich an das schwierige Solo der Bronislava Nijinsky in der Soldatenszene aus „Nijinsky“, in dem Neumeier sein eigenes „Sacre“ zitiert, und hatte mit erschwerten Bedingungen zu kämpfen. Normalerweise ist dieses Solo eingebettet in die Soldatenszene, ist längst nicht so hell ausgeleuchtet und wirkt von daher intensiver, unheimlicher, drastischer. Was sie trotz dieser Hürden daraus gemacht hat, verdient großen Respekt. David Rodriguez hatte es da etwas leichter, sein Solo des Goldenen Sklaven aus dem gleichen Werk wirkt durch sich allein – und wie es wirkte! Er zeigte einen atemberaubenden Hüftschwung und verführerische Allüre – ein Augenschmaus!

Unbestrittener Glanzpunkt des Vormittags jedoch war ein besonders heikler Pas de Deux: Emilie Mazon und Marcelino Libao im Liebes-Pas de Deux aus „Othello“. Das Publikum hielt förmlich den Atem an, als die beiden zur wunderbar zarten Musik von Arvo Pärt diesen schwierigen Pas de Deux begannen, es war mucksmäuschenstill, und bis zum Ende gab es keinen einzigen Huster! Das spricht für sich. Emilie Mazon zeigte eine jugendlich-unschuldige Desdemona, die im Laufe dieses Pas de Deux sichtbar zur Frau wird, alles Verspielte und Kindliche einer tiefen, weisen Innigkeit und Liebe weichen lässt – einfach grandios. Was für eine Herausforderung das war, lässt sich erahnen, wenn man weiß, dass gerade diese Rolle eine der wichtigsten war, die ihre Mutter, Gigi Hyatt, in Hamburg getanzt hat. Sie hat diesem Part eine ganz eigene Prägung gegeben. Tochter Emilie wurde diesen großen Fußstapfen aufs Feinste gerecht – sie zeigte eine ganz eigene, heutige Desdemona, die mitten ins Herz traf. Marcelino Libao war ihr ein sehr respektabler Partner, dem man nur noch ein klein wenig mehr männliche Ausstrahlung wünscht, dann könnten die beiden eine vielversprechende neue Besetzung in diesen Rollen sein.

Nach so viel Bewegendem war es fast eine Erholung für die Seele, wie gelassen, ruhig und unprätentiös Winnie Dias ihr Solo aus „Nocturnes“ tanzte – schade, dass sie die Kompanie zum Ende der Spielzeit verlässt. Für Heiterkeit sorgten danach Hayley Page und Mathieu Rouaux mit einem mit vielen kleinen Aperçus gespickten Pas de Deux zwischen Cinderella und dem Prinzen aus „A Cinderella Story“ – sehr elegant getanzt, ein schönes Paar!

Fast ein bisschen zu kraftvoll und gewaltig geriet Florian Pohl ein Solo aus Neumeiers „Le Sace“, während Xue Lin und Graeme Fuhrmann einen zutiefst berührenden Pas de Deux aus „Die Möwe“ zeigten. Es war die Szene, in der sich Mascha für eine Heirat mit dem Dorfschullehrer Medwedenko entscheidet, eine Vernunftehe, denn eigentlich liebt Mascha Kostja, der aber für sie allenfalls Freundschaft empfindet. Xue Lin verlieh dieser Mascha eine berührend verletzliche Zartheit und eine so abgrundtiefe Verzweiflung, dass es einem schier das Herz brach.

Zur Aufmunterung gab es als letztes den Grand Pas de Deux aus „Don Quijote“ in der Choreografie von Marius Petipa. Lucia Rios und Karen Azatyan hatten sichtlich Freude an den unzähligen technischen Raffinessen dieses Bravourstückchens und kosteten sie brillant bis zur Neige aus. Das war Tanzlust pur! Und ein glanzvoller Abschluss eines Vormittags, der ein weiteres Mal zeigte, auf welch hohem Niveau gerade auch das Corps de ballet in Hamburg tanzt. Chapeau vor allen diesen Leistungen!

Veröffentlicht am 24.01.2017, von Annette Bopp in Homepage, Kritiken 2016/17, Tanz im Text

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