HOMEPAGE



München

WEINENDES UND LACHENDES AUGE

Zufit Simon mit „un-emotional“ im Schwere Reiter München



Ein offener Mund und zusammengekniffene Augen müssen nicht gleich Heulerei bedeuten. Die Choreografin Zufit Simon widmet sich in ihrer Trilogie „un-emotional“ emotionalen Gesten als reinen Bewegungen.


  • Zufit Simon mit "un-emotional" im Schwere Reiter München Foto © Franz Kimmel
  • Zufit Simon mit "un-emotional" im Schwere Reiter München Foto © Franz Kimmel
  • Zufit Simon mit "un-emotional" im Schwere Reiter München Foto © Franz Kimmel

Ein offener Mund und zusammengekniffene Augen müssen nicht gleich Heulerei bedeuten. In schallendes Gelächter könnte jemand auch verfallen sein. Körpersprache ist zeichenbasiert - für den Semantiker Ferdinand de Saussure ist Sprache „ein System von Zeichen, in dem einzig die Verbindung von Sinn und Lautzeichen wesentlich ist“. Er bezieht sich zwar auf Linguistik, doch für die Sprache des Körpers ist das nicht anders, das zeigte auch Erika Fischer-Lichte in ihrer Semiotik des Theaters. Gesten und Emotionen ergeben nur zusammen ihre durchdringende Wirkung. Ein Lachen wird stärker, wenn man sich den Mund oder Bauch vorhält, der gesamte Körper in Wallung gerät. Doch was, wenn diese Verbindung gebrochen, die Geste, also das Zeichen, repetitiv vorgetragen wird? Wenn sich ausschließlich der Bewegung gewidmet wird? So als ob man zwei Minuten lang „Tisch“ sagen würde. Die Performerin und Choreografin Zufit Simon hat dies in ihrer Trilogie „un-emotional“ hinterfragt, die seit 2013 rund um das Thema emotionale Gesten als reine Bewegungen entstanden ist und als Zusammenschluss der drei Arbeiten vergangenes Wochenende im Schwere Reiter gezeigt wurde.

Es beginnt mit „NEVER THE LESS“. Zufit Simon und Julieta Figueroa sitzen nebeneinander auf dem Boden und lächeln. Erst der linke, dann der rechte Mundwinkel werden hochgezogen, der Mund wird geöffnet und die Geste schrittweise konstruiert. Wenn sie die Augen verziehen, sieht es aus wie ein Weinen, durch passende Laute aber wird die Emotion nur manchmal eindeutig markiert. Die Performerinnen tragen einige Bewegungen repetitiv vor, die für beides, Weinen oder Lachen, Zeichen sein können. Diese heftigen Emotionen gehen in den gesamten Körper über. Immer stärker zucken die beiden mit den Schultern, bis der gesamte Oberkörper zu Beben beginnt. Im Duo stattfindend kann dies auf Partnerschaft und Zweierbeziehungen jeglicher Form übertragen werden, gerade wenn Emotionen in diesen Paar-Situationen ins Exteme überkippen.

Das steht in Konstrast zum zweiten Teil „piece of something“. Zufit Simon sitzt mit den Tänzerinnen Diethild Meier und Eva Svaneblom an einem Kindertisch auf kleinen Stühlen. Das Zucken der Schultern aus dem vorherigen Teil wird aufgenommen. Es setzt Musik ein, Elektro versteht sich, sie zucken und schütteln sich über die Bühne. Nun ist die Gruppendynamik Zentrum der Bewegungsstudie. Feindschaften und Freundschaften werden in ihren Bewegungen präsentiert und durch Stinkefinger, Fingerzeig und Daumen-hoch begleitet. Das ist so schön, präzise und rhythmisch, dass man, selbst auf dem Stuhl sitzend, in Bewegung gerät und am liebsten zurückwinken will.

Der letzte Teil „all about nothing“ rahmt die beiden vorherigen Kapitel. Da steht Zufit Simon alleine vor einem Mikrofon und gestikuliert sich durch die Auftrittssituation. Scham, Aufregung, Angst, jegliche Emotionen können durch die Gesten ausgemacht werden. Und immer wieder das Schulterzucken, hier vielleicht als Ausdruck von Unsicherheit.

Wenn man zwei Minuten lang „Tisch“ sagt, findet zuerst ein Bedeutungsverlust statt, bis irgendwann neue Bedeutung entsteht oder die alte wiedergefunden wird. Manchmal benötigt dieser Weg keine zwei Minuten. Bei „un-emotional“ - dem durch Gesten generiertes Auf und Ab der Emotionen - ist das ebenso. Wäre dieses Kondensat dreier einzelner Stücke knackiger gewesen, wären die langen Nebensätze etwas gekürzt worden, dann wäre eine noch bombastischere Deutlichkeit entstanden.

Veröffentlicht am 23.01.2017, von Natalie Broschat in Homepage, Kritiken 2016/17, Tanz im Text

Dieser Artikel wurde 1755 mal angesehen.



Kommentare zu "Weinendes und lachendes Auge"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    SCHÄTZE AUS DEM INTERNATIONALEN NETZWERK „LES NOUVEAUX REPÉRAGES“

    “side.kicks”: “Adom Modulations” von Zufit Simon und “There We Have Been” von James Cousins im Schwere Reiter, München

    Hier erkennt man, dass auch Tanz – wie Beziehungen – verdammt schwer sein kann, aber wenn beide gut laufen, gibt es nichts Besseres.

    Veröffentlicht am 03.10.2013, von Christine Madden


    JURY WÄHLTE ZWÖLF HERAUSRAGENDE PRODUKTIONEN FÜR TANZPLATTFORM 2014

    Vom 27. Februar bis 2. März 2014 findet auf Kampnagel die Tanzplattform Deutschland statt.

    Gezeigt werden aktuelle Arbeiten von The Forsythe Company, Tino Sehgal, Raimund Hoghe, VA Wölfl, Meg Stuart, Laurent Chétouane, Antonia Baehr, Richard Siegal, Sebastian Matthias, Isabelle Schad, Zufit Simon und Swoosh Lieu.

    Veröffentlicht am 25.10.2013, von Pressetext


    HERRLICH SPRÖDE

    Zufit Simon im Schwere Reiter München

    Diesen Namen muss man sich merken. Sie bewegt sich weit auf die Tanzfläche mit trocken-kurzen, Arme schleudernden Sprüngen – und man weiß sofort: „all about nothing“ wird gut.

    Veröffentlicht am 29.06.2014, von Malve Gradinger


     

    LETZTE BEITRÄGE 'TANZ IM TEXT'


    SCHLACHTFELD DER GEFÜHLE

    Das Tanztheater des Staatstheaters Braunschweig zeigt Gregor Zölligs Uraufführung „Heimatabend“
    Veröffentlicht am 18.02.2018, von Kirsten Poetzke


    EISHOCKEY MEETS NEOKLASSIK

    Wieder Shakespeare beim Ballett Im Revier in Gelsenkirchen: Bridget Breiners „Romeo und Julia“
    Veröffentlicht am 18.02.2018, von Marieluise Jeitschko


    CHAOTISCHES STELLDICHEIN

    Antje Pfundtner in Gesellschaft mit „Alles auf Anfang“ in der Kampnagelfabrik
    Veröffentlicht am 16.02.2018, von Annette Bopp



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    CARMINA BURANA

    Aufgrund des großen Erfolgs und des überwältigenden Feedbacks von Publikum und Presse, wird es am 27. und 28. Dezember 2017 zwei weitere Vorstellungen im Wuppertaler Opernhaus geben.

    Zusammen mit der Junior Company, der Company und den Musicalkids vom Tanzhaus Wuppertal, sowie der 3. Klasse der St. Antonius Grundschule, bringt Zech diese klassische Meisterwerk auf die Bühne des Wuppertaler Opernhauses.

    Veröffentlicht am 06.12.2017, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    EIN WÜRDIGER AUFTAKT ZUM CRANKO-FEST

    „Onegin“ beim Bayerischen Staatballett
    Veröffentlicht am 07.02.2018, von Karl-Peter Fürst


    VIELSEITIGES KÖNNEN

    Das „Bottaini Merlo International Center of Arts“ in München zeigte seine jährliche Gala im KUBIZ Unterhaching
    Veröffentlicht am 22.01.2018, von Karl-Peter Fürst


    FREESTYLE HAPPENINGS

    Uraufführung von Jasmine Ellis „Empathy“ im Schwere Reiter in München
    Veröffentlicht am 15.01.2018, von Vesna Mlakar

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    AUF HÖCHSTEM NIVEAU

    Der diesjährige Prix de Lausanne hatte mit vielen Glanzlichtern aufzuwarten

    Veröffentlicht am 12.02.2018, von Annette Bopp


    DER BLICK ZURÜCK IST EIN ZEITGENÖSSISCHER

    Erstmals an einem Abend: Choreografien von Marianne Vogelsang und Dore Hoyer

    Veröffentlicht am 11.02.2018, von Boris Michael Gruhl


    ACCESS TO DANCE



    Veröffentlicht am 03.05.2013, von tanznetz.de Redaktion


    EIN WÜRDIGER AUFTAKT ZUM CRANKO-FEST

    „Onegin“ beim Bayerischen Staatballett

    Veröffentlicht am 07.02.2018, von Karl-Peter Fürst


    DAS CRANKO-FEST GEHT WEITER

    „Romeo und Julia“ beim Cranko-Fest am Bayerischen Staatsballett

    Veröffentlicht am 14.02.2018, von Karl-Peter Fürst



    BEI UNS IM SHOP