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Gera

DER TANZ UM DAS NACKTE LEBEN

Das Ballett „Anita Berber - Göttin der Nacht“ von Jiří und Otto Bubeníček in Gera



Das ist Stoff für ein Ballett. Und nach der erfolgreichen Uraufführung beim Thüringer Staatsballett, kann man hinzufügen: Das ist ein Stoff für die Brüder Jiří und Otto Bubeníček.


  • "Anita Berber - Göttin der Nacht" von Jiří Bubeníček; Anastasya Kuzina und Predrag Jovicic Foto © Sabina Sabovic
  • "Anita Berber - Göttin der Nacht" von Jiří Bubeníček; Anastasya Kuzina und Mattia Carchedi Foto © Sabina Sabovic
  • "Anita Berber - Göttin der Nacht" von Jiří Bubeníček Foto © Sabina Sabovic

Das Leben der Tänzerin Anita Berber war kurz. Im Alter von nur 29 Jahren starb sie, am 10. November 1928, in Berlin. Diagnose: „galoppierende Schwindsucht“. Geboren wurde sie in Leipzig. Der Vater war Geigenvirtuose und Konzertmeister beim Gewandhausorchester. Die Mutter war Cabaretsängerin und löste Skandale aus, weil sie nackt tanzte. Der Vater verlässt die Familie, Scheidung nach einer gewaltsamen Auseinandersetzung mit der Mutter, die auf ihn geschossen haben soll, zwei Jahre nach Anitas Geburt. Das Kind kommt zur Großmutter und wächst in Dresden auf. Hier beginnt auch ihr Tanz. Sie nimmt an rhythmischen Kinderkursen in Hellerau bei Émile Jacques-Dalcroze teil. In Zoppot bei Danzig tanzt die Fünfzehnjährige vor verwundeten Soldaten. Danach nimmt sie Tanzunterricht in Berlin bei Rita Sacchetto, der erste Auftritt, schon ein Jahr später, im Berliner Apollo-Theater, ist ein Erfolg. Bald werden sich Erfolge und Skandale ablösen, Alkohol, Drogen, Männer und Frauen, sie wird, wie Karl Lagerfeld sagte, der eine Modelinie nach ihr kreierte, die „gewagteste Frau ihrer Zeit“.

In Dresden tanzt sie erstmals, am 14. April 1925, im Künstlerhaus. Ein Jahr später löst sie in Prag eine Schlägerei aus. Zwei Jahre später besucht sie nach einem Konzert in München erstmals ihren Vater, ein schreckliches Erlebnis, er demütigt sie und wirft sie aus der Garderobe. Ein weiteres Jahr später, nach einer anstrengenden Nahost Tournee, ist der Lebenstanz dieser ungewöhnlichen Künstlerin, der bisweilen zu einem Totentanz wurde, zu Ende.

Das ist der Stoff für ein Ballett. Und nach der erfolgreichen Uraufführung „Anita Berber - Göttin der Nacht“ in der Reihe „Die goldenen Zwanziger Jahre. Zum 125. Geburtstag des (in Gera geborenen Malers) Otto Dix“, beim Thüringer Staatsballett, kann man hinzufügen: Das ist der Stoff für die Brüder Jiří und Otto Bubeníček, die gemeinsam für Konzept und Inszenierung verantwortlich sind, im weiteren Jiří als Choreograf und Otto als Ausstatter. Als Komponisten konnten sie Simon Wills gewinnen, als Opernkomponist bühnenerfahren und auf Anhieb angetan von der Herausforderung erstmals fürs Ballett zu komponieren.

So wie dann das Ballett der Brüder Bubeníček nicht versucht eine lineare Biografie von Anita Berber nachzuzeichnen, so fügt auch die Komposition Themen und Variationen zusammen, die entsprechend der Thematik plötzlich von der Tonalität in die schroffe Atonalität wechseln, Tanzrhythmen der zwanziger Jahre klingen immer wieder an, die dann aber auch schrill und aggressiv werden können. Dabei baut Simon Wills seine Komposition dynamisch auf, spannt einen so biografisch wie fiktiv zu verstehenden Bogen vom Beginn bis zum Ende. Im kurzen Vorspiel gibt es ein anrührendes Thema für die Solovioline. Dieses Thema wird für die Komposition bestimmend sein und immer wieder in unterschiedlichsten Verwandlungen mehr oder weniger direkt den Weg der tragischen Tänzerin begleiten. Am Ende, wenn sie im kindhaften Harlekinkostüm in den Tod tanzt, erscheint in einer Vision unerfüllter Sehnsucht der Vater, hier der Violinist Markus Dreßler des Philharmonischen Orchesters Altenburg-Gera. Somit schließt sich der Kreis, denn der Vater war der erste Mann, der das Kind verlassen hatte, weitere werden folgen im kurzen Leben von Anita Berber.

Die Choreografie beginnt mit einer weiteren biografisch belegten, dann aber in freier Gestaltung abgewandelten wichtigen Begegnung der Tänzerin mit einem Künstler. Otto Dix schuf 1925 das Bildnis der Tänzerin Anita Berber im roten Kleid. Der Maler formt sein Modell und schafft eine Frau, deren Gesicht schon vom Tod gezeichnet ist. Die Tänzerin im Ballett zerstört das mahnende Abbild. Der Maler wird ihr mehrfach begegnen, er wird sie mehrfach zu formen versuchen, immer wieder wird die Tänzerin die ihr zugedachten Rollen und Haltungen sprengen. Das wird dramatisch im so spannungsgeladenen wie ambivalenten Verhältnis zum Tänzer und Lehrer Sebastian Droste, der sie verlassen und berauben wird. Auch die weitere Beziehung zum amerikanischen Tänzer Henri Châtin Hofmann, ihrem dritten Ehemann, bleibt von Spannungen durchzogen.

Dies sind die Vorgaben für besondere tänzerische Szenen in Duetten, bei denen die so expressive wie dann wieder verletzliche und höchst sensible Tänzerin Anastaya Kuzina als Anita Berber es vermag im Sinne der Choreografie historisch konnotierte Bewegungs- und Haltungsassoziationen in eine überzeugende, individuelle und daher so berührende Tanzgestaltung dieser letztlich so entsetzlich einsamen Frau zu wandeln. Mit Mattia Carchedi als Sebastian, Filip Kvačák als Henri und Predrag Jovicic als Otto Dix hat sie so unterschiedliche wie inspirierende und herausfordernde, je auf ihre Weise, starke Partner.

Der Berliner Zeitgeist der wilden aber auch oberflächlichen Vergnügungsszene der sogenannten ‚goldenen Zwanziger’ wird in entsprechenden Szenen der Gruppenchoreografien eingefangen, aber auch durchschaubar gemacht. Dabei kommt es zu so absurden Bildern wie dem, wenn die ganze Männerbande mit schwarzen Schweinsköpfen auftritt. Die Ambivalenz dieser Szene erschließt sich, wenn dieselben jungen Männer vor einem Totentanzgemälde des Ersten Weltkrieges von Otto Dix mit Gasmasken auf die Schlachtbänke zu oder in die Schützengräben hinein tanzen. So gelingt es immer wieder auf der nur scheinbar unbeschwerten Oberfläche ganz nahe am Rande des Abgrundes zu tanzen, sich dem Rausch hinzugeben, sich nackt zu machen als letztes Zeichen ungebrochenen Lebenswillens im verschlingenden schwarzen Raum der Bühne, deren unsicherer Boden sich dreht oder auf der in einer optisch beeindruckenden Szenen Menschen in einem geheimnisvollen Tunnel aus schmalen Lichtlinien verschwinden können.

Am Ende ein Totentanz gegen den Tod, nicht zuletzt, wenn die sterbende einsame Tänzerin sich noch einmal aufbäumt und der Vater ungerührt in der Proszeniumsloge des Theaters abtritt. Nach einem Moment des Innehaltens gibt es begeisterten Applaus des Premierenpublikums für diese Uraufführung, bei dem das Staatsballett sich in der Gruppe, mit den Solisten und in vielen Episodenrollen bestens aufgestellt zeigte. Große Zustimmung für Jiří und Otto Bubeníček, den Komponisten Simon Wills und für den Dirigenten Takahiro Nagasaki, der mit dem Philharmonischen Orchester Altenburg-Gera diesem besonderen Ballettabend ein so sicheres wie empfindsames und den Tanz beförderndes Klangfundament gab.

Weitere Aufführungen erst in der neuen Saison
Informationen: www.tpthueringen.de

Veröffentlicht am 20.06.2016, von Boris Michael Gruhl in Homepage, Kritiken 2015/2016

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