HOMEPAGE



Dresden

WENN IHR NICHT WERDET WIE DIE KÜHE...

„COW“ heißt die neue Produktion von Alexander Ekman für das Semperoper Ballett in Dresden



„So wir nicht umkehren und werden wie die Kühe, so kommen wir nicht in das Himmelreich“, also sprach Zarathustra bei Friedrich Nietzsche.


  • "COW" von Alexander Ekman; Christian Bauch und Sangeun Lee Foto © T. M. Rives
  • "COW" von Alexander Ekman; Christian Bauch Foto © T. M. Rives
  • "COW" von Alexander Ekman; Ensemble Foto © T. M. Rives
  • "COW" von Alexander Ekman; Svetlana Gileva Foto © T. M. Rives
  • "COW" von Alexander Ekman; Ensemble Foto © T. M. Rives

Der schwedische Choreograf Alexander Ekman bekam den Auftrag ein abendfüllendes Werk für das Semperoper Ballett zu kreieren. Zunächst dachte er wohl an einen dreiteiligen Abend, „3 by Ekman“. Aus „3 by Ekman“ wurde „COW“, ein Stück ohne tatsächliche Handlung, „rein“ soll es sein und das Publikum nur durch Szenen oder Situationen fesseln, anstatt mit einer Form von erzählter Geschichte, so Ekman selbst dazu, nicht ohne Seitenhieb auf die von ihm offenbar nicht zu ertragenden klassischen Handlungsballette, „die sind doch nicht wirklich up-to-date. Das ist nicht das, was wir heutzutage als ‚Entertainment’ bezeichnen, es fungiert mehr als Museum.“ Erstens, Vorsicht mit Verallgemeinerungen und zweitens, wie war das mit dem Hochmut und dem Fall?

Anstelle einer Geschichte also ein Motiv: Die Kuh, deshalb heißt das Stück „COW“, hat 11 Szenen und dauert ohne Pause knapp 90 Minuten. Die Kuh als Motiv für ein Ballett, das klingt schon ungewöhnlich, zumal eine Kuh ja nicht gerade als sehr bewegungsintensives Tier bekannt ist. Aber darum geht es wohl Alexander Ekman in seinem Stück mit Tanz in verschiedenen Formaten und Stilen nicht. Seine Idee scheint folgende zu sein: Die Kuh in ihrer so ruhigen Lebensart, in ihrem bescheidenen Dasein, die in manchen Ländern und Kulturen sogar als heiliges Wesen verehrt wird, ist für den 32jährigen als Newcomer gehandelten Schweden so etwas wie ein „Symbol des Seins“. In seiner Ballett-Performance möchte er menschliches Verhalten im Alltag in Beziehungen setzen zum Verhalten so liebenswerter Lebewesen wie den Kühen.

Die Frage, ob denn dann auch die Kühe tanzen, stellt sich von selbst. Die Antwort: Nein, die Kühe tanzen nicht. Es gibt da zwar etliche weiße, reizvoll anzusehende Plastiken, eine davon schwebt über der Szene, aber der Tanz, so er denn stattfindet, bleibt den Tänzerinnen und Tänzern vorbehalten. Immerhin der Tänzer Christian Bauch begibt sich gleich zu Beginn, und dann immer wieder mal, in die Haltung eines kuhähnlichen Tieres auf allen Vieren und er versucht auch diese sprichwörtliche Art des unschuldsvollen, großäugigen Blickes zu imitieren. Der Tänzer wird in einer Videozuspielung zur Stimme des Konzeptes, vielleicht besser des Regisseurs, und erklärt uns das noch mal mit der Kuh als einem mentalen Bild für eine weniger aufregende Emotionalität und mehr Ruhe, die unserem Leben fehlt.

Um das zu vermitteln, werden eine ganze Reihe von hektischen Szenen stilisierter Alltagserfahrungen mit mehr oder weniger direkten oder indirekten Alltagsassoziationen zur ganz und gar nicht hektischen Lebens- und Gesinnungsart des heiligen Tieres in Beziehung gesetzt. Da ist ein streitendes Paar am Tisch, es wird auf einer Plattform aus der Bühnenhöhe herunter- und wieder heraufgefahren. Geht es nach unten: Streit, geht es aufwärts: Harmonie. Ein Mann vergnügt sich als Dauerduscher, andere vervielfachen ihre Köpfe im Kopiergerät, seltsame Wesen fahren in einem Boot, ein Mann rennt immer wieder mit selbstmörderischer Wucht gegen eine Wand.

Dazu trägt man Kostüme und vor allem Kopfschmuck, schräg und absurd, die Hektik des Modewahns kriegt auch einen kräftigen Hieb. Von optischem Reiz ist die Szene, wenn die Plastiken der Kühe zu den Tanzenden geschoben, ziemlich schnell aber wieder weggeschoben, werden und auch leider nicht wieder kommen. Jetzt geht es wohl darum, die Kuh in sich zu entdecken und dieser Kuh in sich zu folgen, dabei geht es dann doch nicht so ganz ohne erhobenen Zeigefinger. Das kann so weit führen, dass klappernd und stampfend auf hölzernen Hufen getanzt wird.

Dann tritt die ganze Kompanie in weiten, weißen, langen Röcken auf, steigert sich in kreisende Bewegungen wie tanzende Derwische. Dann wird es auch mal fast meditativ, ein Paar, einsam, paradiesisch, Adam und Eva vor dem Sündenfall, der hier wohl Hektik, Herdentrieb und letztlich Kommunikationsverlust im selbst gewählten, engen, mit roten Klebebändern abgegrenzten Raum bedeutet. Die Menschen gehen unter, sie fahren mit der ganzen Bühne herab, die Kuh aber, bzw. der Tänzer Christian Bauch als deren Wiedergänger, erhebt sich, geht ab im aufrechten Gang: Selig sind die Kühe, denn ihrer ist das Himmelreich.

Wer’s nicht kapiert, liest im Programmheft: „So wir nicht umkehren und werden wie die Kühe, so kommen wir nicht in das Himmelreich“, also sprach Zarathustra bei Friedrich Nietzsche, nachdem er den hässlichsten Menschen der Welt verlassen hatte und sich anschickte, das Wiederkäuen zu lernen.

Man weiß mal wieder nicht so genau, ob es bei Alexander Ekman die choreografische Kompetenz ist oder die szenische Opulenz seiner selbst entworfenen Bühnenbilder, die ihn so erfolgreich machen, etwa als er für seine Osloer Schwanensee-Variante die Bühne unter Wasser setzte, und der Tanz dann auch regelrecht unterging. In Dresden nutzt er für seine bühnenwirksame Bergpredigt die technischen Möglichkeiten aus und kreiert viele schöne Bilder. Da fahren Bühnenelemente hoch und nieder, da gibt es einen faszinierenden Himmelszauber aus schwingenden Tüchern und auch die fantastischen Lichteffekte gehen auf sein Konto. In der Musik von Mikael Karlsson, die in enger Zusammenarbeit mit Alexander Ekman konzipiert wurde und in einer Einspielung des Bundesjugendorchesters erklingt, vernimmt man einerseits gelungene Passagen von kammermusikalischer Streicherintensität, oft aber wird die Musik eher pragmatisch verwendet, wenn etwa nach langer Abwesenheit des Klanges musikalische Akzente wie Signale wirken, die den Tänzern Wechsel vorgeben.

Ein Abend voller guter Absichten, das Konzept ist rasch, vielleicht zu rasch, erfasst. Bleibt der Tanz, da zeigen die Dresdner mal wieder was sie drauf haben, manche Szenen bersten vor Energie, andere sind von absurder Heiterkeit, andere sehr sensibel. Dass sich Ekman in diese Tänzer verliebt hat, wie er im Programmheft sagt, das glaubt man gerne, die Dresdner Tänzerinnen und Tänzer erwidern dieses Kompliment höchst professionell und dürften darüber erhaben sein, dass Liebe eben auch manchmal blind machen kann.

Weitere Aufführungen: 14., 16., 17. und 18. März, 4. April
www.semperoper.de

Veröffentlicht am 13.03.2016, von Boris Michael Gruhl in Homepage, Kritiken 2015/2016

Dieser Artikel wurde 1828 mal angesehen.



Kommentare zu "Wenn Ihr nicht werdet wie die Kühe... "



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    AKTUELLE KRITIKEN


    IN WEITER FERNE, SO NAH

    Tanzfabrik Berlin: „At Close Distance“ von Christina Ciupke und Ayşe Orhon
    Veröffentlicht am 22.07.2017, von Hartmut Regitz


    VIEL STYROPOR

    Dancesoap „Minutemade“ mit „Act Three“ in München
    Veröffentlicht am 20.07.2017, von Vesna Mlakar


    HULDIGUNG AN DIE RUSSISCHE TRADITION

    Eine Nijinsky-Gala mit vielen glanzvollen Höhepunkten beschloss die 43. Hamburger Ballett-Tage
    Veröffentlicht am 20.07.2017, von Annette Bopp



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    TANZ- UND PERFORMANCE-PROGRAMM IM RAHMEN DES BEETHOVENFESTS

    Vom 8. September bis 1. Oktober in Bonn

    In den letzten zwei Jahren öffnete sich das Beethovenfest zeitgenössischen »jungen« Kunst-Sparten. Auch das diesjährige Festival widmet sich den tänzerischen und performativen Formen der Gegenwart.

    Veröffentlicht am 01.04.2017, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    ATEMBERAUBEND GRENZÜBERSCHREITEND: HOMÖOPATHIE UND TANZ

    „Sepia tanzt alleine“ von Andrea Simon, Andreas Etter, Ulrich Koch und Gesina Habermann verbindet Tanz und Medizin in beeindruckend schönen Bildern
    Veröffentlicht am 10.02.2017, von Sabine Kippenberg


    DIONYSOS UND APOLLON IM STREIT

    Demis Volpis „Tod in Venedig“ als Koproduktion von Ballett und Oper in Stuttgart
    Veröffentlicht am 09.05.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel


    STANDING OVATIONS

    Pick bloggt über die Gastspielreise des Bundesjugendballetts und -orchesters
    Veröffentlicht am 16.01.2017, von Günter Pick

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    ACCESS TO DANCE



    Veröffentlicht am 03.05.2013, von tanznetz.de Redaktion


    MAGIE ZWISCHEN SCHWULST UND POMP

    Das National Ballet of China gastierte bei den 43. Hamburger Ballett-Tagen

    Veröffentlicht am 18.07.2017, von Annette Bopp


    NEUER CHEF AM THEATER DORTMUND

    Tobias Ehinger wird Geschäftsführender Direktor

    Veröffentlicht am 15.07.2017, von Pressetext


    MIT GROßEN SPRÜNGEN IN DIE ZUKUNFT

    Ballett-Matinee der Stuttgarter John Cranko Schule

    Veröffentlicht am 14.07.2017, von Boris Michael Gruhl


    HULDIGUNG AN DIE RUSSISCHE TRADITION

    Eine Nijinsky-Gala mit vielen glanzvollen Höhepunkten beschloss die 43. Hamburger Ballett-Tage

    Veröffentlicht am 20.07.2017, von Annette Bopp



    BEI UNS IM SHOP