HOMEPAGE



Paris

DOPPELTER SCHLANGENBISS ALS LIEBESBEWEIS

„La Bayadère“ mit dem Sankt Petersburger Balletttheater in Paris



Ein gelungener Abschluss der Tournee der Kompanie, die schon im November 2014 wieder mit „Dornröschen“ in Paris gastieren wird.


  • "La Bayadere" vom St. Petersburger Balletttheater Foto © SPBT (Sankt Petersburger Balletttheater).
  • "La Bayadere" vom St. Petersburger Balletttheater Foto © St. Petersburger Balletttheater

Als letztes Werk ihrer Pariser Tournee im Théâtre des Champs Elysées und im Palais des Congrès (siehe auch hier) zeigte das Sankt Petersburger Balletttheater eine komprimierte, beinahe zweistündige Fassung von Petipas „La Bayadère“, die Wladimir Ponomarew und Wachtang Tschabukiani 1941 für das damalige Kirow-Ballett schufen. Die Handlung um die Tempeltänzerin Nikiya, die von dem Krieger Solor zugunsten der Tochter des Rajah verlassen wird und ihm nach ihrem Tod im Schattenreich wieder begegnet, ging dementsprechend zügig voran – Ponomarew und Tschabukiani verzichteten auf den verlorenen vierten Akt, in dem der Palast des Rajahs über der Hochzeitsgesellschaft zusammenstürzte, als Rache der Götter über Solors gebrochenen Schwur. Divertissements und Ausstattung (Bühnenbild: Simon Pastukh, Kostüme: Galina Solowiewa) waren auf das Notwendige beschränkt – anders als beispielsweise in Rudolf Nurejews äußerst opulenter, auf der Kirow-Fassung beruhenden Version für die Pariser Oper, von der man hier hauptsächlich die zusätzliche Variation für Solor im Schattenakt vermisst.

Obgleich das Corps de Ballet und einige Halbsolisten wohl von den täglichen Vorstellungen etwas ermüdet waren – so kam es zu einigen Unsicherheiten im Verlobungs- und Schattenakt –, gelang es dem sichtbar motivierten Ensemble, die Spannung von Anfang bis Ende auf hohem Niveau zu halten. Besonders überzeugte der dynamisch interpretierte indische Tanz, der von Konstantin Tkachuk, Anton Maltsev und einer charismatischen Olga Tulupa angeführt wurde. Unter den Halbsolisten taten sich außerdem Anna Samostrelowa und Olga Pawlowa in der ersten und zweiten Schattenvariation hervor.

Als Rajah-Tochter Gamzatti war an diesem Abend Tatjana Tkaschenko eingeladen, zweite Solistin des Mariinsky-Balletts. Die kleine, kraftvolle Tänzerin mit den markanten Zügen, die eine entschiedene Persönlichkeit zu verraten scheinen, bildete einen idealen optischen und stilistischen Gegensatz zu Natalia Matsaks lyrischer, nach dem Absoluten strebender Nikiya. Matsak (Ukrainisches Nationalballett Kiew) gab eine herausragende Darbietung als Solors verratene Geliebte. Ihr langer, biegsamer Körper, ihre fließenden, sprechenden Arme, ihre zarten, expressiven Gesichtszüge und sichere Fußarbeit machen sie zu einer idealen Interpretin der Rolle. Zudem verfügt sie über die Bühnenpräsenz, die sie zum natürlichen Mittelpunkt des Geschehens werden lässt, sobald sie zum ersten Mal verschleiert auf die Bühne schreitet. In ihrer langen Variation beim Hochzeitsakt drückt sie sowohl ihre Hingabe an Solor als auch ihre Verzweiflung über dessen Nähe zu Gamzatti berührend aus. Im Schattenakt, in dem sie ihrem treulosen Geliebten verzeiht, beweist sie auch bei schnellen Tempi hohe Präzision und Musikalität.

Vadim Muntagirov (Royal Ballet) gibt zwischen diesen beiden Damen einen eher zurückhaltenden und unentschlossenen Solor. Im Verlobungsakt scheint er sich ganz mit seinem Schicksal abgefunden zu haben und glänzt im triumphalen Grand Pas durch die Exaktheit seiner Pirouetten, seine Leichtigkeit und makellose Linie. Nach dem Wiedersehen mit Nikiya im Schattenreich scheint er allerdings seinen Verrat nicht mehr auszuhalten und begeht Selbstmord durch einen Schlangenbiss, um seiner Geliebten, die ebenfalls den Tod durch eine Schlange einem Leben ohne Solor vorzog, ins Schattenreich zu folgen.

Ein gelungener Abschluss der Tournee der Kompanie, die schon im November 2014 wieder mit „Dornröschen“ in Paris gastieren wird.

www.spbteurope.com
Besuchte Vorstellung: 08.02.2014

Veröffentlicht am 10.02.2014, von Julia Bührle in Homepage, Kritiken 2013/2014

Dieser Artikel wurde 1043 mal angesehen.



Kommentare zu "Doppelter Schlangenbiss als Liebesbeweis"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    LEUTE AKTUELL


    GOECKE GEHT NACH HANNOVER

    Der neue Ballettdirektor am STAATSTHEATER HANNOVER steht fest. Marco Goecke übernimmt zur Spielzeit 2019/20 die Leitung.
    Veröffentlicht am 21.02.2018, von Pressetext


    DER BLICK ZURÜCK IST EIN ZEITGENÖSSISCHER

    Erstmals an einem Abend: Choreografien von Marianne Vogelsang und Dore Hoyer
    Veröffentlicht am 11.02.2018, von Boris Michael Gruhl


    TOM SCHILLING ZUM 90. GEBURTSTAG

    Plädoyer für den tanzenden Menschen
    Veröffentlicht am 19.01.2018, von Karin Schmidt-Feister



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    DON QUIXOTE

    Der Klassiker des Ballettrepertoires mit spanischer Note von Victor Ullate feiert am 16. Februar am Staatsballett Berlin Premiere.

    Dieser Klassiker des Ballettrepertoires erhält in der Berliner Produktion eine besondere Note durch das künstlerische Team, das die Finessen spanischer Elemente in Tanz und Musik erarbeitet.

    Veröffentlicht am 10.02.2018, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    EIN WÜRDIGER AUFTAKT ZUM CRANKO-FEST

    „Onegin“ beim Bayerischen Staatballett
    Veröffentlicht am 07.02.2018, von Karl-Peter Fürst


    VIELSEITIGES KÖNNEN

    Das „Bottaini Merlo International Center of Arts“ in München zeigte seine jährliche Gala im KUBIZ Unterhaching
    Veröffentlicht am 22.01.2018, von Karl-Peter Fürst


    FREESTYLE HAPPENINGS

    Uraufführung von Jasmine Ellis „Empathy“ im Schwere Reiter in München
    Veröffentlicht am 15.01.2018, von Vesna Mlakar

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    ACCESS TO DANCE



    Veröffentlicht am 03.05.2013, von tanznetz.de Redaktion


    TOM SCHILLING ZUM 90. GEBURTSTAG

    Plädoyer für den tanzenden Menschen

    Veröffentlicht am 19.01.2018, von Karin Schmidt-Feister


    BEHERRSCHER DER GEISTER

    Schläpfer, Goecke und Jooss in Duisburg

    Veröffentlicht am 03.02.2018, von Marieluise Jeitschko


    MOZARTS SEELENTIEFEN EINFÜHLSAM ERGRÜNDET

    Olaf Schmidts „Amadé“ am Theater Lüneburg

    Veröffentlicht am 21.01.2018, von Annette Bopp


    TANZEN GEGEN DIE WAND UND GEKLONTE CLOWNS

    „Boléro“ (Walking Mad) von Johan Inger und „Le Sacre du Printemps“ von Mario Schröder beim Leipziger Ballett

    Veröffentlicht am 05.02.2018, von Boris Michael Gruhl



    BEI UNS IM SHOP