HOMEPAGE



Hamburger Abendblatt

EINE MAGISCHE SCHÖPFUNGSGESCHICHTE

Sidi Larbi Cherkaoui und Yabin Wang mit „Genesis“ auf Kampnagel



West und Ost verschmelzen in dem rund 90-minütigen Stück zu einer Einheit, zu einem großen Ganzen, in dem es kein Hier oder Dort, kein Du oder ich, sondern nur ein Wir gibt.


  • "Genesis" von Sidi Larbi Cherkaoui und Yabin Wang auf Kampnagel Hamburg Foto © Darong Yang / Yabin Studio
  • "Genesis" von Sidi Larbi Cherkaoui und Yabin Wang auf Kampnagel Hamburg Foto © AAP
  • "Genesis" von Sidi Larbi Cherkaoui und Yabin Wang auf Kampnagel Hamburg Foto © AAP
  • "Genesis" von Sidi Larbi Cherkaoui und Yabin Wang auf Kampnagel Hamburg Foto © AAP
  • "Genesis" von Sidi Larbi Cherkaoui und Yabin Wang auf Kampnagel Hamburg Foto © AAP
  • "Genesis" von Sidi Larbi Cherkaoui und Yabin Wang auf Kampnagel Hamburg Foto © Darong Yang / Yabin Studio
  • "Genesis" von Sidi Larbi Cherkaoui und Yabin Wang auf Kampnagel Hamburg Foto © Darong Yang / Yabin Studio

Er ist ein gern gesehener Gast in Hamburg und seine Vorstellungen werden regelmäßig vom Publikum umjubelt: der flämisch-marokkanische Choreograf Sidi Larbi Cherkaoui. So auch seine jüngste Kreation, die er gemeinsam mit der chinesischen Tänzerin Yabin Wang erarbeitete und die in Hamburg ihre deutsche Erstaufführung erfuhr: „GENESIS“. Dem Titel sind zwei chinesische Schriftzeichen vorangestellt, die übersetzt „zusammenwachsen“ bedeuten. Und das gelingt hier wahrlich: West und Ost verschmelzen in dem rund 90-minütigen Stück zu einer Einheit, zu einem großen Ganzen, in dem es kein Hier oder Dort, kein Du oder ich, sondern nur ein Wir gibt.

Cherkaoui erzählt hier auf eine sehr eigenwillige Art eine spezielle Schöpfungsgeschichte – sie beginnt in steril-kühl-klinischer Atmosphäre, Menschen in weißen Kitteln, mit Mundschutz und Gummihandschuhen, begegnen sich orientierungslos im Raum, irren zwischen transparenten Glaskuben hin und her wie in einem Labyrinth. Die „Geburt“ erfolgt aus einer Leiche heraus, die im weißen Plastiksack wie in einen Seziersaal auf die Bühne gefahren wird. Ein Mann schält sie aus der Hülle und lässt sie wie eine willenlose Puppe mit schlackernden Gliedern auf dem Tisch in die Höhe fahren und schlaff wieder aufdotzen (bewundernswert, wie Kazutomi Kozuki diesen Wechsel zwischen absoluter Spannungslosigkeit und größtmöglicher Anspannung schafft). In einem ständigen Wechsel aus Soli, Pas de Deux und Ensembles webt Cherkaoui zusammen mit Yabin Wang eine Collage über Werden, Sein und Vergehen, inklusive eine kurze Bibellesung auf Englisch über die Vertreibung aus dem Paradies.

Seine unverwechselbare Bewegungssprache mit den weichen, schlangenhaften Bewegungskurven, den spielerischen Händen, den raschen Arm- und Beinwechseln wird nie langweilig, nie eintönig, sondern überrascht immer wieder aufs Neue. Großartig, wie sich die Hände der sieben Tänzerinnen und Tänzer ornamental auffächern, zusammenfügen und auseinanderspreizen. Magisch das Spiel mit den Glaskugeln. Berührend der Schluss, wenn sechs der Tänzer mit verdrehten Gliedern in den Glaskuben erstarren und nur einer von ihnen – wiederum Kazutomi Kozuki – übrig bleibt und mit seinem Zeigefinger die einzig liegen gebliebene Glaskugel im letzten Scheinwerferlicht berührt.

Die sieben Tänzer – Yabin Wang, Qing Wang, Fang Yin, Chao Li, Elias Lazaridis, Johnny Lloyd, Kazutomi Kozuki – finden sich großartig in Cherkaouis Stil, wunderbar biegsam allesamt, große Persönlichkeiten jede/r einzelne und doch ein Ganzes.

Kongenial die Musik der jungen polnischen Komponistin Olga Wojciechowska (vom Band) und die Live-Musik der grandiosen Musiker Barbara Drazkowksa (ebenfalls aus Polen) am Flügel, Manjunath B. Chandramouli (Indien, Percussion) und Kasmy N’dia (Kongo, Gitarre und Gesang), zu denen sich zeitweise auch Johnny Lloyd und Kazutomi Kozuki hinzugesellen. Großer Jubel mit Standing Ovations in der K6.

Veröffentlicht am 26.01.2014, von Annette Bopp in Homepage, Tanz im Text, Kritiken 2013/2014

Dieser Artikel wurde 2115 mal angesehen.



Kommentare zu "Eine magische Schöpfungsgeschichte"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    LEUTE AKTUELL


    FÜR GÉRARD

    Am 14. Dezember verstarb Gérard Lemaître, der seit 1960 eine Schlüsselfigur des Nederlands Dans Theaters war.
    Veröffentlicht am 17.12.2016, von gert weigelt


    TANZ MIT ELASTISCHEN GRENZEN

    Nora Abdel Rahman im Gespräch mit der Choreografin Catherine Guerin
    Veröffentlicht am 25.10.2016, von Nora Abdel Rahman


    „HIVE MIND“ - CHOREOGRAFISCHES THEATER VON KATE ANTROBUS

    Alexandra Karabelas im Gespräch mit Kate Antrobus und Sebastian Schwarz
    Veröffentlicht am 22.09.2016, von Alexandra Karabelas



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    DREI ZUSATZVORSTELLUNGEN SASHA WALTZ' »KÖRPER« IM HAUS DER BERLINER FESTSPIELE

    »Sacre« und »Tannhäuser« nochmal an der Staatsoper im Schiller Theater

    Die Choreographie »Körper« von Sasha Waltz kehrt am 30., 31. März und 1. April noch einmal ins Haus der Berliner Festspiele zurück. »Sacre« und »Tannhäuser und Der Sängerkrieg auf Wartburg« sind wieder in der Staatsoper zu sehen.

    Veröffentlicht am 14.02.2017, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    ATEMBERAUBEND GRENZÜBERSCHREITEND: HOMÖOPATHIE UND TANZ

    „Sepia tanzt alleine“ von Andrea Simon, Andreas Etter, Ulrich Koch und Gesina Habermann verbindet Tanz und Medizin in beeindruckend schönen Bildern
    Veröffentlicht am 10.02.2017, von Sabine Kippenberg


    WIE TANZT MAN REFORMATION?

    Das Bundesjugendballett wagt mit "Gipfeltreffen - Reformation" einen Versuch
    Veröffentlicht am 15.01.2017, von Andreas Berger


    STANDING OVATIONS

    Pick bloggt über die Gastspielreise des Bundesjugendballetts und -orchesters
    Veröffentlicht am 16.01.2017, von Günter Pick

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    ATEMBERAUBEND GRENZÜBERSCHREITEND: HOMÖOPATHIE UND TANZ

    „Sepia tanzt alleine“ von Andrea Simon, Andreas Etter, Ulrich Koch und Gesina Habermann verbindet Tanz und Medizin in beeindruckend schönen Bildern

    Veröffentlicht am 10.02.2017, von Sabine Kippenberg


    ZEIGEN, WAS IN IHNEN STECKT

    Ballett-Werkstatt „Debut“ beim Hamburg Ballett

    Veröffentlicht am 24.01.2017, von Annette Bopp


    BITTE ETWAS MEHR SPIELERISCHEN AUSDRUCK

    „La fille mal gardée“ von Frederick Ashton erlebt seine Wiederaufnahme am Bayerischen Staatsballett

    Veröffentlicht am 26.01.2017, von Malve Gradinger


    EINE AUGENWEIDE

    Ballett Zürich mit Werken von William Forsythe, Hans van Manen und Jacopo Godani

    Veröffentlicht am 12.02.2017, von Marlies Strech


    KONTRAPUNKTE ZUR BILDSCHÖNEN BALLETTWELT

    „Ballet – Photographs of the New York City Ballet“ in der Photobastei Zürich

    Veröffentlicht am 27.03.2014, von Sulamith Ehrensperger



    BEI UNS IM SHOP