KRITIKEN 2007/2008



Paris

DIE WUNDER DES KÖRPERS

Wayne McGregors Uraufführung „Genus“ an der Pariser Oper


  • Tänzer: Myriam Ould-Braham – Jérémie Bélingard. Foto © Laurent Philippe/Opéra National de Paris
  • Tänzer: Agnès Letestu – Mathieu Ganio Foto © Laurent Philippe/Opéra National de Paris
  • Tänzerin: Marie-Agnès Gillot Foto © Laurent Philippe/Opéra National de Paris

Nach der Erstaufführung von Ashtons „La Fille mal gardée“ im Palais Garnier am Ende der letzten Spielzeit (siehe auch hier ) blickte die Direktion der Pariser Oper diesen Oktober erneut über den Ärmelkanal, um das Repertoire der Kompanie weiter zu bereichern. Diesmal ging es nicht darum, einen Klassiker der britischen Balletttradition auf der wichtigsten französischen Bühne zu zeigen, sondern darum, einen vielversprechenden jungen Choreographen mit einer Uraufführung zu beauftragen. Die gelungene Wahl der Direktion fiel auf Wayne McGregor, Hauschoreograph des Royal Opera House und aufsteigender Stern am englischen Balletthimmel, dessen 44minütige Kreation neben Angelin Preljocajs 2004 auf derselben Bühne uraufgeführtem Ballett „Le Songe de Médée“ gezeigt wurde (siehe auch hier). McGregor, fasziniert von der Komplexität des menschlichen Körpers, der „vollkommensten aller technischen Maschinen“, hatte es sich zum Ziel gesetzt, mit diesem Stück die Evolutionstheorie zu thematisieren. Dieses Sujet wird vor allem in Vicki Mortimers Kostümen sowie in Ravi Deepres zahlreichen Videosequenzen sichtbar, die zuerst urzeitliche Landschaften, dann verschiedene tierische Spezies zeigen und schließlich mit Bildern von laufenden Affen und Menschen deutlich die Darwinsche Theorie evozieren. Vor diesem Hintergrund entfaltet sich McGregors Choreographie von der ersten Sekunde an mit faszinierender Konzentriertheit und in exzellenter Besetzung. Es ist erstaunlich, was der junge englische Choreograph aus den Tänzern der Pariser Oper herausholt – vielleicht tanzen diese mit so viel Überzeugung und Hingabe, weil McGregor bei seinen Kreationen stark die Vorschläge und Persönlichkeit seiner Interpreten einbezieht. Das Stück beginnt mit einem männlichen Trio aus Stéphane Phavorin, Benjamin Pech und Jérémie Bélingard, wobei vor allem letzterer McGregors Stil besonders verinnerlicht hat. Dieser erinnert an manchen Stellen an den Forsythe von „Approximate Sonata“ sowie an den von „In the Middle, Somewhat Elevated“, doch trotz dieser Anklänge beweist McGregor eine eigene choreographische Handschrift, die man aus früheren Stücken wie „Chroma“, „Nautilus“ oder „Eden I Eden“ kennt. Sein Stil zeichnet sich vor allem durch extreme Flexibilität und flüssige Bewegungen aus, welche die Tänzer oft wie durch Wasser wabernde Amöben wirken lässt – Oberkörper und Hals schlagen dabei Wellen, als wäre die Wirbelsäule abgeschafft; oft findet man ein Bein in überraschender Position und beunruhigender Distanz zum anderen wieder. Aus diesem Kampf mit der Materie und dem eigenen Körper geht vor allem Marie-Agnès Gillot siegreich hervor, die trotz einer Verletzung mit ihrer Bühnenpräsenz und Stilsicherheit die Besetzung dominiert. Sie erstaunt vor allem in einem sinnlichen Pas de Deux mit Benjamin Pech in einer Kiste mit schiefem Boden, die sich langsam auf das Publikum zu bewegt, sowie in einigen kurzen Soli, von denen das letzte optisch reizvoll mitten in einer Videoprojektion stattfindet. Zudem sorgt sie für einige der einprägsamsten Momente des Stückes, wenn sie in einem extremen Penché gleich einer Pyramide ein langes Bein in die Luft streckt, mit angezogenen Knien auf Spitze springt oder sich hinter ihrem eigenen über Kopf gehaltenen Bein zu verfangen scheint und sich wie ein eingesperrtes Tier mit dem anderen Arm rudernd zu befreien sucht.
Zu den weiteren Höhepunkten des Stückes gehören ein Sextett, bei dem man gar nicht weiß, welchem der ausgezeichneten Tänzer man seine Aufmerksamkeit zuwenden soll, sowie ein kurzes aber prägnantes Solo eines jungen Stars von morgen, Mathias Heymann – dieser bewies ebenso wie seine langgliedrige Partnerin Laurène Levy und die exquisite Myriam Ould-Braham, dass er nicht nur für klassische Rollen geeignet ist. Zu den schwächeren Elementen des Stückes zählten die Musik von Joby Talbot und Deru, die manchmal an schlechte Fantasyfilmbegleitung erinnert, die zu lange reine Videopassage gegen Ende und ein etwas aufgelöster Schluss, der nicht mit der choreographischen Dichte des Anfangs mithalten kann. Trotz allem besticht das Stück durch seine Klarheit, einige originelle choreographische Einfälle und die hohe Qualität der tänzerischen Darbietungen – schade, dass wegen Streiks nur die Hälfte der ursprünglich geplanten Vorstellungen stattfand. Ein Grund mehr für die baldige Wiederaufnahme dieses reizvollen Neuzugangs zum Pariser Repertoire. Julia Bührle Rezensierte Vorstellung: 10.11.2007 www.operadeparis.fr

Veröffentlicht am 14.11.2007, von Julia Bührle in Kritiken 2007/2008

Dieser Artikel wurde 1181 mal angesehen.



Kommentare zu "Die Wunder des Körpers"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    AKTUELLE NEWS


    ALLE PARTNER BEISAMMEN

    Kooperation mit der Dresden Frankfurt Dance Company wird fortgesetzt
    Veröffentlicht am 18.11.2017, von Pressetext


    "TANZ DER MENSCHLICHKEIT"

    Nestroy Spezialpreis für Doris Uhlich und Michael Turinsky mit "Ravemachine"
    Veröffentlicht am 17.11.2017, von Pressetext


    JÖRG WEINÖHL VERLÄSST DIE OPER GRAZ

    Der Ballettdirektor wird seinen Vertrag nicht verlängern
    Veröffentlicht am 13.11.2017, von Pressetext



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    HIERONYMUS UND DER MEISTER SIND AUCH DA

    Mit Susanne Linkes Uraufführung eröffnet das Theater Trier am Samstag, 28.10. 2017 die Saison in der Sparte Tanz.

    In ihrer Kreation beschäftigt sich Linke mit den abgründigen Seiten des Menschen.

    Veröffentlicht am 11.10.2017, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    ATEMBERAUBEND GRENZÜBERSCHREITEND: HOMÖOPATHIE UND TANZ

    „Sepia tanzt alleine“ von Andrea Simon, Andreas Etter, Ulrich Koch und Gesina Habermann verbindet Tanz und Medizin in beeindruckend schönen Bildern
    Veröffentlicht am 10.02.2017, von Sabine Kippenberg


    DIONYSOS UND APOLLON IM STREIT

    Demis Volpis „Tod in Venedig“ als Koproduktion von Ballett und Oper in Stuttgart
    Veröffentlicht am 09.05.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel


    VERBOTEN, VERSCHOBEN, VERGESSEN?

    Zur Absage der Uraufführung „Nurejew“ des Regisseurs Kirill Serebrennikow und des Choreografen Juri Possochow am Moskauer Bolschoi-Theater
    Veröffentlicht am 18.07.2017, von Boris Michael Gruhl

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    JÖRG WEINÖHL VERLÄSST DIE OPER GRAZ

    Der Ballettdirektor wird seinen Vertrag nicht verlängern

    Veröffentlicht am 13.11.2017, von Pressetext


    DER SCHÖNE SCHEIN

    Die Uraufführung des Balletts „Die Kameliendame“ von Ralf Rossa an der Oper in Halle

    Veröffentlicht am 14.11.2017, von Boris Michael Gruhl


    OLDENBURG LÄSST DIE PUPPEN TANZEN

    „Drei Generationen“ bei der BallettCompagnie Oldenburg

    Veröffentlicht am 16.11.2017, von Martina Burandt


    TANZTHEATERERLEBNIS FÜR DIE KLEINSTEN

    „Der Elefant aus dem Ei“ von Ceren Oran

    Veröffentlicht am 18.11.2017, von tanznetz.de Redaktion


    AUGE IN AUGE MIT DEN MONSTERN

    Helena Botto zeigt in der Hebelhalle Heidelberg ihr neues Stück „Monstrator“

    Veröffentlicht am 13.11.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel



    BEI UNS IM SHOP