KRITIKEN 2007/2008



Düsseldorf

MOZART MIT FRAGEZEICHEN

Das Ballett der Deutschen Oper am Rhein kombiniert Kyliáns „Petite Mort“ und „Sechs Tänze“ mit Petr Zuskas „Requiem“


  • "Requiem" Foto © Gert Weigelt
  • "Petite Mort" (Suzanna Kaic / Armen Hakobyan) Foto © Gert Weigelt
  • "Sechs Tänze" Foto © Gert Weigelt

Das Ballett der Deutschen Oper am Rhein überschreibt die erste Neuproduktion der Spielzeit mit „Mozart? Mozart!“. Der Titel ist passender, als seine Erfinder wohl glaubten. Denn dass das Fragezeichen hinter der ersten Hälfte des Titels prophetisch ist, erschließt sich dem Zuschauer schon nach wenigen Minuten. Das „Requiem“-Ballett des tschechischen Choreographen Petr Zuska präsentiert einen in der Tat mehr als fragwürdigen Mozart. Nicht nur, dass es sich mit dem Fragment der von Mozart nicht vollendeten Komposition nicht begnügt, sondern eine modernistische Verschlimmbesserung verwendet, die der Schweizer Komponist Richard Rentsch für Zuskas im März 2006 am Nationaltheater Prag uraufgeführte Produktion gefertigt hat. Es bringt auch, von der ersten bis zur letzten Minute, eine solche Menge pathetisch aufgeschäumten tänzerischen Schwachsinn auf die Bühne, dass die (von den Düsseldorfer Symphonikern unter Martin Fratz realisierte) Musik über das beleidigte Auge zusätzlich beschädigt wird.
Der Choreograph stellt den Komponisten selbst ins Zentrum seines Stücks, zerlegt ihn aber in eine Kleinfamilie: den Knaben Wolfgang (Julius Freytag), den Mann Amadeus (Valerio Mangianti) und die Frau Mozart (Eriko Yamashiro), ohne dass diese Aufteilung irgendeinen Sinn machte. Der blond-perückte Knabe schreitet gelegentlich wie suchend in der Diagonale über die Bühne des Düsseldorfer Opernhauses. Die Eltern turnen einzeln und paarweise sowohl über den Boden als auch über einen Katafalk, der sich später als eine Art gläserner Flügel entpuppt und von ihnen sowie drei weiteren Paaren ausgiebig über die Bühne gerollt wird. Ein zwölfköpfiges Corps de ballet illustriert die lauteren musikalischen Passagen mit spreizbeinigen Sprüngen; besonders hässliche Posen gelingen Zuska, wenn die Männer die verklemmt an ihnen hängenden Partnerinnen in die Kulissen transportieren. Es soll Snobs geben, die bei „Giselle“-Aufführungen grundsätzlich erst zum zweiten Akt erscheinen. In Düsseldorf könnten sie zu Vorbildern für jene Besucher werden, die Tanz als eine seriöse Kunstform begreifen und sich deshalb den sauren Kitsch des „Requiem“ ersparen möchten. Denn in der zweiten Programmhälfte serviert das Ballett der Rheinoper seinem Publikum zwei der genialsten Mozart-Choreographien, die je geschaffen wurden: Jiří Kyliáns „Petite Mort“ und „Sechs Tänze“, beide binnen weniger Wochen im Jahre 1986 fürs Nederlands Dans Theater entstanden, in Düsseldorf durch den ersten Satz des Divertimentos D-Dur, KV 136 für Streichorchester. zu einem einzigen Stück verbunden. Auf sehr unterschiedliche Weise zeigen beide Ballette, was Choreographie im besten Fall zu leisten vermag. Während Zuskas „Requiem“ Mozarts Musik schwülstig verkleistert, macht Kyliáns flinker Witz sie erst richtig sichtbar. Dabei setzt „Petite Mort“, bei aller Komik, auf die „seriösere“ Variante. Sechs Paare, gelegentlich durchaus auch auseinander gerissen, demonstrieren mit subtiler Bravour die hohe Schule des klassischen Pas de deux. Meisterhaft, wie sie, aus dem dunklen Bühnenhintergrund auftauchend, einander ablösen, wie sie, auf durchgehend Schwindel erregend hohem Niveau, ständig neue Muster bilden, aufregende Aktionen starten. Dagegen setzen die „Sechs Tänze“ für vier Tanzpaare ein buffoneskes Spiel auf halber Spitze. Mit einer Phantasie sondergleichen nutzen sie absichtsvoll aus dem Ruder laufende Gesten zu neuen, nie gesehenen Bewegungen, und noch mit dem Boden treiben sie ihr burleskes Spiel. Und das Rätsel, das sie dem Betrachter aufgeben, wird nie wirklich gelöst; ein Rest von Geheimnis ist immer vorhanden.
Selbst tänzerisch setzten Kyliáns Stücke an diesem Abend neue Maßstäbe. Wer nach dem „Requiem“ der Ansicht war, immerhin hätten die Rheinopern-Tänzer Zuskas Stuss gut getanzt, wird nach den beiden Kylián-Choreographien zugeben müssen, jetzt erst gesehen zu haben, was die Düsseldorfer Tänzer wirklich können. Im Grunde müsste man alle zwanzig namentlich aufführen und einzeln loben; verdient hätten sie es allemal. Link: www.rheinoper.de

Veröffentlicht am 28.10.2007, von Jochen Schmidt in Kritiken 2007/2008

Dieser Artikel wurde 1514 mal angesehen.



Kommentare zu "Mozart mit Fragezeichen"



Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



 

AKTUELLE KRITIKEN


BIS INS JAHR 2100

HASE-ZERO PRODUCTIONS mit neuer Produktion im LOFFT Leipzig
Veröffentlicht am 14.12.2017, von Boris Michael Gruhl


TANZEN BIS ZUM FREIBIER

Minutemade - Act One: Einweihung der Studiobühne des Gärtnerplatztheaters
Veröffentlicht am 14.12.2017, von Vesna Mlakar


DRASTISCHE WAHRHEITEN

Serge Aimé Coulibaly aus Burkina Faso eröffnet mit „Schlaflose Nacht in Ouagadougou“ das Nordwind-Festival in der Kampnagelfabrik Hamburg
Veröffentlicht am 12.12.2017, von Annette Bopp



AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



TANZ 26: HINTER TÜREN

Ein choreographischer Blick durchs Schlüsselloch. Choreographie von Jo Strømgren. Premiere am 25. November 2017 am Luzerner Theater

Seine Choreographien sind bekannt für ihre höchst individuelle Mischung aus Tanz, Schauspiel und Musik. Für die musikalische Begleitung sorgt der Luzerner Cellist Gerhard Pawlica.

Veröffentlicht am 23.10.2017, von Anzeige

LETZTE KOMMENTARE


ATEMBERAUBEND GRENZÜBERSCHREITEND: HOMÖOPATHIE UND TANZ

„Sepia tanzt alleine“ von Andrea Simon, Andreas Etter, Ulrich Koch und Gesina Habermann verbindet Tanz und Medizin in beeindruckend schönen Bildern
Veröffentlicht am 10.02.2017, von Sabine Kippenberg


DIONYSOS UND APOLLON IM STREIT

Demis Volpis „Tod in Venedig“ als Koproduktion von Ballett und Oper in Stuttgart
Veröffentlicht am 09.05.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel


VERBOTEN, VERSCHOBEN, VERGESSEN?

Zur Absage der Uraufführung „Nurejew“ des Regisseurs Kirill Serebrennikow und des Choreografen Juri Possochow am Moskauer Bolschoi-Theater
Veröffentlicht am 18.07.2017, von Boris Michael Gruhl

MEISTGELESEN (7 TAGE)


EIN KLASSIKER – AUFS FEINSTE HERAUSGEPUTZT

„Don Quixote“ in der Nurejew-Fassung beim Hamburg Ballett

Veröffentlicht am 11.12.2017, von Annette Bopp


HELLMUTH MATIASEK FEIERT HEUTE SEINEN 85.GEBURTSTAG

Pick bloggt über seinen langjährigen Intendanten Hellmuth Matiasek und reist in Gedanken von Rosenheim bis nach Japan

Veröffentlicht am 15.05.2016, von Günter Pick


BEATE VOLLACK WIRD NEUE BALLETTDIREKTORIN DER OPER GRAZ

Mit dem Beginn der Spielzeit 2018/19 tritt sie ihre neue Position an

Veröffentlicht am 12.12.2017, von Pressetext


AUF DEN HUND GEKOMMEN

Mit „Dürer´s Dog“ kreiert Goyo Montero am Staatstheater Nürnberg eines seiner schönsten Ballette

Veröffentlicht am 11.12.2017, von Alexandra Karabelas


WAS DER KÖRPER MÖGLICH MACHT

Mit „Old, New, Borrowed, Blue“ verheiratet das Ballett im Revier Gelsenkirchen eine bunte Mischung von Choreografien miteinander

Veröffentlicht am 10.12.2017, von Boris Michael Gruhl



BEI UNS IM SHOP