Öffnung der Theater, Tanz und Kunst in Coronazeiten #

Ronny Hackelberg, 02.05.2020 09:30:00

Ein Kommentar zur Coronakrise und die Situation der Theater
von Ronald Hackelberg


Das Theater Dortmund als Initiator fordert bundesweit die Öffnung der Theater.
Dies wurde begründet in einem offenen Brief an die Politik und auch in einem
Interview des WDR 3 mit dem Geschäftsführer des Theater Dortmund.
Das können wir nur begrüßen, auch mit dem Hintergrund, dass für
uns persönlich und als Insider der Ballettszene im In- und Ausland
mittlerweile mehr als 25 Vorstellungen in einem Zeitraum von 7 Wochen
abgesagt wurden. Das bedeutet nicht nur die Organisation von
Ticket-Rückzahlungen, sondern auch das stornieren von Hotels und Flügen.
Der Verzicht und damit der Verlust von Vorfreude auf Kunst, Tanz und
Aktivitäten hat mittlerweile einen zu hohen Stellenwert bekommen
und kann durchaus als frustrierend eingeschätzt und bewertet werden.

Im Interview des Senders WDR 3 mit dem Geschäftsführer des Theater Dortmund,
Herrn Ehinger, werden die richtigen Fragen zu den Theaterforderungen gestellt.
Leider sind die Antworten nicht ein einziges Mal konkret und bleiben
in der Aussage relativ oberflächlich und zeigen, dass außer dem Wunsch nach
Dialog noch kein konkretes Konzept vorliegt, um die Theater zu öffnen.
Es gibt zwar viele Projekte, um die Kunst z.B. durch Streaming weiterhin online nach
außen zu tragen und es gibt interessante Aktivitäten, dass z.B. Tänzer auch zu Hause
weiter trainieren können. Das ist eine positive Motivation, gibt Kraft und Mut, aber ändert nichts
an der Tatsache, dass die Theater für das Publikum konkret weiter geschlossen bleiben.

- Priorität ist hierbei sicherlich der Schutz des Publikums und der Theater-Mitarbeiter,
aber wie sind die Forderungen der Theater konkret zu realisieren ?
- Wie muss ich mir das vorstellen?
Hierzu gibt es bisher keine konkreten Informationen und ich kann lediglich meine eigenen
Gedanken dazu äußern und damit vielleicht zur Diskussion anregen:

1. Einhaltung der Abstandsregel von 1,50 bis 2,00 m

Das bedeutet in der Praxis, dass zwischen den Sitzplätzen mindestens zwei Plätze frei sein müssen
und nur jede 2. Reihe besetzt wird. Die Auslastung wäre dann nur noch ein Drittel der
möglichen Plätze.
- Besser als nichts, aber wer entscheidet, welche Personen ein Ticket bekommen
und wie ist das mit den bereits bezahlten Abonnenten-Tickets zu vereinbaren?
- Rechtfertigt der finanzielle Verlust durch eine niedrigere Auslastung überhaupt den Aufwand einer Live-Vorstellung, incl. der Betriebskosten, Bezahlung von Bühnenarbeitern, Schließpersonal, Maske, Kostümabteilungen etc.?

Das in allen Theatern zu beobachtende Warten vor den Toiletten in der Pause hätte mit der Abstandsregel trotz einer geringeren Auslastung eine Personenschlange zur Folge, für die vor allem kleine oder bautechnisch ältere Theater überhaupt keine Kapazitäten haben. Diese kleinen Foyers oder engen Räumlichkeiten lassen auch das Flanieren im Theater und das Treffen mit Bekannten oder Freunden nicht zu.
Die Bars müssten geschlossen bleiben (mit Maske lässt es sich nur schwierig essen und trinken …).
Foyereinführungen wären wenn überhaupt nur sehr eingeschränkt möglich und über Empfänge
oder Premierenpartys möchte ich an dieser Stelle nicht weiter nachdenken.
Alles das, was einen Theaterbesuch außer der Kunst reizvoll macht, würde entfallen.

2. Maskenpflicht
Die verbleibenden, möglichen Personengruppen müssten eine Atemschutzmaske tragen und das über einen Zeitraum von mehr als 2 Stunden. Jeder weiß, dass diese Masken nach solch einem Zeitraum durchfeuchtet sind, es gibt Atmungsschwierigkeiten und es ist nicht auszuschließen, dass auf Grund des fehlenden Tragekomforts die Leute ständig an den Masken herumfummeln, was unbedingt zu vermeiden ist.
- Das ist die Praxis und wie soll ein Konzept dieses verhindern?
- Sollen die Besucher ihre eigenen Masken mitbringen oder werden diese vom Theater, falls sie dann überhaupt lieferbar sind, den Leuten zur Verfügung gestellt?

3. Allgemeine Hygiene
Rein theoretisch müsste für die Theaterreinigung viel mehr Aufwand betrieben werden, z.B. müssten alle Plätze vor einer Vorstellung und alle möglichen Flächen, die von Besuchern angefasst werden
können (incl. der Toilettensitze), regelmäßig und umfassend desinfiziert werden.
- Können die Theater das 100%-ig gewährleisten?

4. Regeln für die darstellenden Künstler, Orchestermitglieder, Tänzer, Sänger und Backstage-Mitarbeiter
Für alle genannten Personengruppen ist es fast unmöglich, die entsprechenden Abstands- und Hygieneregeln einzuhalten. Es ist sicherlich nicht damit getan, am Eingang Desinfektionsmittel
bereitzustellen und Coronainfos aufzuhängen, zu verteilen und zu unterweisen.
Ein Pas de deux beim Ballett lebt von der körperlichen Nähe, ein Schauspieler lebt von der Mimik, die man hinter einer Maske nicht sehen kann und ein Sänger braucht viel Luft, die ungehindert seine Lungen erreichen muss.
- Und wie soll z.B. eine Maskenbildnerin ihren Beruf ausüben, wenn sie einen Künstler für die Bühne vorbereiten soll, ohne die Abstandsregel zu verletzen?
- Wie sollen diese Personengruppen also effektiv und sicher geschützt werden ?

5. Weitere Aspekte zur Beachtung und zum Nachdenken
- In der Regel sind die Besucher des Theaters älteren Jahrgangs und gehören auf Grund ihres Alters zur Corona-Risikogruppe. Dieser Personenkreis hat ein besonderes Recht auf die Umsetzung von Schutzmaßnahmen und es stellt sich die Frage, wer für eine sinngemäße Einhaltung von Hygienemaßnahmen die Verantwortung übernimmt, wenn es trotzdem zu einer Infektion kommt.
Im Theater wäre eine sogenannte „Herdeninfektion“ unter Umständen nicht zu vermeiden, da die Kontaktmöglichkeiten zu vielfältig sind.

- Eine weitere Frage stellt sich im Zusammenhang mit weiteren, gesetzlichen Sicherheitspflichten.
Wie vereinbart sich z.B. der Brandschutz mit seinen Vorgaben zum schnellen Verlassen des Saales über die Notausgänge mit den Corona-Abstandsregeln?
Das ist bereits in normalen Zeiten ein Problem, da es oft genug bautechnisch zu wenig Ausgänge gibt. Es ist klar, dass in einer eventuellen Paniksituation solche Abstandsregeln nicht eingehalten werden können.

- Die beispielhafte Anlehnung an die Vorgehensweisen von Gotteshäusern, wie im Interview und auch in der Schriftform an die Politiker und Öffentlichkeit erwähnt, ist ein nicht zu akzeptierendes Beispiel, da in Kirchen und Gotteshäusern die Umsetzung der Coronaregeln viel leichter sind.
Im Gegensatz zu Theatern wird zu Gottesdiensten auch kein Eintrittsgeld verlangt, so dass es dort nicht zu finanziellen Konflikten kommen kann (Gutschein Ja oder Nein, will ich keinen Gutschein, da ich noch nicht über das zukünftige Programm informiert bin oder noch terminunsicher bin, brauche ich das Geld einer Rückzahlung, da ich unerwartet finanzielle Engpässe habe usw.)

Fazit
Ich möchte die Forderungen der Theater nicht kleinreden oder kritisieren, sie sind angemessen, wichtig und gerechtfertigt.
Aber die Aussage im Interview mit dem Geschäftsführer des Theater Dortmund, dass die wirtschaftlichen Aspekte nicht im Vordergrund stehen, der Schutz des Publikums und der Künstler an erster Stelle stehen und das hauptsächliche Ziel der Theaterforderungen nur der Dialog und die Gleichsetzung mit Gotteshäusern und Sport ist, halte ich rhetorisch für untertrieben und fragwürdig.
Natürlich haben die Theater eine gesellschaftliche Verantwortung, aber der Hauptgrund für eine Wiederaufnahme des Spielbetriebes ist die wirtschaftliche, extreme Belastung und Gefährdung.

Ich sehe die jetzt vorliegende Öffentlichkeitsarbeit des Theater Dortmund als Sprachrohr für alle Theaterstätten in Deutschland eher als den Versuch, einen Stein ins Rollen zu bringen.
Das ist legitim, aber es sollten im Vorfeld bereits konkrete Konzeptvorschläge vorhanden sein, bevor der Dialog mit den verantwortlichen Politikern beginnt, da diese die realen Schwierigkeiten nicht kennen oder sich nicht vorstellen können.
Die Feststellung, dass die Theater bereits über Infrastrukturen verfügen, um die Sicherheit des Publikums sicherzustellen, halte ich aktuell nicht für richtig, sonst würden bereits konkrete Konzepte veröffentlicht und kommuniziert sein.
Die Theaterstrukturen sind äußerst komplex und es muss im Grunde für jedes einzelne Haus ein individuelles Konzept vorgelegt werden. Ein bundesweites Gesamtkonzept zur Öffnung der Theater ist aus meiner Sicht aktuell nicht zu realisieren.
Natürlich wünsche ich mir aus Publikumssicht wieder eine Theateröffnung, aber die Aspekte zur Sicherheit überwiegen, zumindest bis es ein glaubwürdiges und umsetzbares Konzept gibt.
Den Theatern wünsche ich hierfür viel Durchhaltekraft, Energien und kreative Ideen, damit das Theaterleben für alle Beteiligten wieder zur Normalität zurückfinden kann.

Ronald Hackelberg
International Dance Art



 

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