Rezension von "Schimmerndes Blau" Britta Lieberknecht &Company #

Frieder Mann, 24.11.2014 22:03:55

Rezension von Frieder Mann, Theologe und Tänzer, Bonn
Schimmerndes Blau
Tanzperformance zu Barockmusik

Britta Lieberknecht & Company in der Alten Feuerwache in Köln, 16.-19.10.2014


Schon der Titel lässt auf eine abstrakte Aufführung hoffen. Er öffnet, lässt Imaginationen vor dem inneren Auge entstehen, verspricht anregende Tanzbilder – und man wird nicht enttäuscht!
Wohltuend, dass als erklärender Text nur die Musik erwähnt wird, kein intellektualistischer Überbau, was der Tanz alles über das Menschsein zum Ausdruck bringen soll, kein Herumwühlen in vermeintlichen Tiefen gesellschaftlicher Abgründe, heute ein Standardanliegen in der Tanzwelt - überbauliche Ansprüche, die selten seriös eingelöst werden können und als Perspektive dem Tanzen selbst oft eher abträglich sind. Erfreulich auch der Verzicht auf weitere Medien, wie z.B. Videoinstallationen oder Sprache. Konzentrierter Tanz ‚at its best’! Aus allen Perspektiven erkennt man die sensible Kunstfertigkeit der Choreographin - man merkt, dass sie ihr Handwerk versteht.
- Raum
Schon bevor es ‚richtig’ losgeht, beginnt das Kunstwerk in einem selbst: Man nimmt die Besonderheit das Saales wahr. Als Zuschauer sitzt man dort, wo sonst die Bühne ist, die sich jetzt in der Mitte des Raumes befindet. Man schaut auf verschiedene Räume: neben der Tanzfläche Erker, eine Empore als zweite Ebene. Schon beim Eintreten besetzen die Tänzerinnen diese Räume und machen sie durch ihre Präsenz deutlich.
Lieberknecht versteht es, die Besonderheit des Raumes zu würdigen. Sie überlässt die Raumwahrnehmung des Zuschauenden nicht dem Zufall. Die Räume werden im Wechsel genutzt ohne sie zu überfrachten. Man merkt, dass mit den Räumen intensiv gearbeitet wurde - es zahlt sich aus.
- Zeit
Die Zeitlichkeit des Stücks ist perfekt. Der Spannungsbogen reißt nicht ab. Das Stück bleibt interessant im eigentlichen Wortsinn. Man ‚ist zwischendrin’, ist die ganze Zeit involviert. Es gibt kaum Längen. Sie hat ernst gemacht mit dem viel zu selten beachteten Grundsatz: Ein Tanz ist dann fertig, wenn es nichts mehr zu kürzen gibt! Auch die Dauer der einzelnen Teile zeugt von dem feinen tanzkünstlerischen Geschick der Choreographin.
- Ablauf und Konstellationen
Wunderbar die Zusammensetzung der einzelnen Sequenzen. Immer wieder überraschend und spannend, wie es wohl im nächsten Teil weitergeht. Mal ein Trio, unterschiedliche Duette, mal ein Solo, mal ein hinreißendes Gruppenstück mit ständig wechselnden Paaren, mal alle gleichberechtigt – bei Quartetten eine wirkliche Herausforderung, die hier mit Bravour gemeistert wird! Mal eine Tänzerin, die allein durch ihre kaum wahrnehmbare Anwesenheit den Raum hält, eine Beziehung herstellt.
- Die Tänzerinnen (Paraskevi Terzi, Kanako Minami, Neus Barcons, Anais van Eycken)
Ausgezeichnet, jede einzelne Tänzerin! Sehr unterschiedlich einerseits in Körpergröße – was den Tanz jenseits des Standards noch interessanter macht - andererseits in Ausdruck und Bewegungssprache, aber doch mit miteinander harmonisierendem Stil: wunderbar flüssig, detailreich mit entspannter Klarheit. Eine Augenweide! Und dabei bleiben alle ‚dezentral’, i.e. sie stellen die Bewegung ins Zentrum und nicht sich selbst und die eigene virtuose Technik.
- Musik
Kommt zum Tanz eine weitere Kunstform dazu, entsteht das Problem, dass eine Form durch Qualitätsunterschiede die andere obsolet macht oder gar der Lächerlichkeit preis gibt. Auch hier zeigt sich die durchgehend großartige Qualität der Tanzperformance: Sie hält die hohe Qualität der Klassiker der Barockmusik. Und sie umgeht die Gefahr, die Musik linear umzusetzen, womit sie zum Ornament degradiert würde. Andererseits ist deutlich erkennbar, dass sich die Choreographin intensiv mit Struktur und Aufbau der Musik beschäftigt hat. Der Tanz scheint eine weitere Stimme der Musik zu sein, die mal synchron zur Musik verläuft und mal kontrapunktisch. Die Tänzerinnen spielen mit der Musik, sie umspielen sie. Durchgehend behält der Tanz seine Eigenständigkeit - jedoch ohne die Musik zu vernachlässigen. Ein gelungenes ‚Zwischenspiel’.
Klug nutzt sie den Aufbau der barocken Concerti aus kurzen Sätzen zur Schaffung einer größeren Zahl eigenständiger Choreographien, die sich aufeinander beziehen. So entsteht Abwechslung und Dynamik im Stückverlauf und die leider nicht seltene endlose choreografische Materialanhäufung wird vermieden.
- Bedeutung oder Motivation?
Der theoretischen Überbau beschränkt sich auf die Herausforderung des Daseins im Hier und Jetzt. Durch die handwerklich überzeugende Tanzkunst und durch das in sich sinn- und sinnenhafte Tanzen kommt man gar nicht auf die Idee, nach einer möglichen, jenseits des Tanzes liegenden Bedeutung von Bewegung oder nach deren Motivation zu fragen. Man darf den Tanz einfach in seiner Anmut, Komplexität, Ausdruckskraft wirken lassen und genießen, man darf wie in der abstrakten Bildenden Kunst seinen eigenen Assoziationen, Bildern und Gefühlen folgen und sich überraschen lassen. Und gerade dadurch wird er bedeutsam, berühren die Bilder. Ein Tanz ist ein Tanz ist ein Tanz…
Man wünscht ihr so viel Unterstützung, um diese Tanzperformance auch in größeren Häusern sehen zu dürfen!



 

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