"Beethoven-Ballette" - Fluktuationen der Stille 

rolf wollgarten, 09.04.2021 14:26:41

Beethoven Ballette – Fluktuationen der Stille
Das Stuttgarter Ballett Premierenabend Livestream am 01.04.2021
Online in Aufführung bis 05.04.2021
Adagio Hammerklavier Choreographie Hans van Manen
Einssein Choreographie Mauro Bigonzetti
Große Fuge Choreographie Hans van Manen

Der Premierenabend des Stuttgarter Balletts, die Musik Beethovens in Tanz zu überführen, verdient in unserer Zeit die größte Aufmerksamkeit, im Angesichte der niedergestreckten Kunstfreiheit durch die Politik in dieser pandemisch sedierten gesellschaftlichen Lage. Beethoven und Ballett, dieses kämpferische und freiheitliche Ineinanderverschränkt- und Zusammengehörigkeitssein in Potenz zeigt die lebensschützende Bestimmung und Fähigkeit der Kunst.

Diesen Sinn erfüllen die beiden Stücke “Einssein“ und “Große Fuge“ auf wunderbare Weise. Zunächst aber gebührt die beinah alleinige Aufmerksamkeit Hans van Manens Choreographie des Adagios der Hammerklaviersonate Beethovens. Sie ist ja förmlich handgreiflich eine Liebeserklärung in doppelt vereinender Weise, eine solche an die Liebe, eine solche an die Kunst, darüber hinaus – in Aktualität wie nie - eine Revolte gegen die Faustschläge der politischen Klasse gegen die Kunst, die weiter auf sie einschlägt, auch wenn sie schon am Boden liegt.

Der Ballettabend als solcher, Hans van Manens Ballett “Adagio Hammerklavier“ war keine Freizeitgestaltung, wie die Politik die Kunst zu bezeichnen beliebt, was im übrigen eine faschistische Analogie hat, denn die Nazis benannten diejenige Abteilung in Theresienstadt zum Beispiel, in der die Künstler und KZ-Gefangenen ihre Kunstaufführungen veranstalten durften, eben als Freizeitgestaltung.

Beethoven charakterisiert das Stück mit Adagio sustenuto, Appassionato e con molto sentimento. Und bei der Interpretation Christoph Eschenbachs wird das längere Ausklingen der Töne noch ausklingender und das Verzögern des Tempos noch verzögerter. Ein göttlicher Genuß, die Wanderschaft mit dem Herzen, die getanzte Klaviermusik auf Horizontlinien, die Zeit als Teil der Wegzehrung bei sich zu haben, da doch der real existierende Realismus die Zeit vor die Säue wirft.

Ja, der Tanz geht in langen Linien hinaus in die Welt, ein Pas de deux in Dreieinigkeit der drei Paare, alle in Weiß tragen sie die Farben des Lichts, alle Formen, und doch kehren die Linien wieder zurück, sie haben, was der Betrachter erkennen kann, nichts anderes als das dialogisch-kohärente Prinzip, eine verständig-kongruente Zugehörigkeit in allernächster Nähe und weitester Ferne, ihre Differenz ist die des einenden Prinzips, ob nun asymmetrisch, im synchronen oder symmetrischen Gestus. Diese Linien führen eine radikale Verinnerlichung in des Wortes bestem wurzelhaftem Sinne, und aus dieser Innerlichkeit erwächst wie ein festes, zeitloses Heimatgefilde die kontemplative Gewißheit oder das Eingeweihtsein in etwas, was letztlich nicht zu wissen ist. Der Tanz der drei Paare ist eine metaphysische Angelegenheit, in Ernst, Huld, Würde, Demut, Erhabenheit. Sie tanzen das, was der letzte Grund ihrer selbst, was des Menschen ist.

Besonders prägend zu sehen bei dem Paar Elisa Badenes und Jason Reilly, diese Liebesübereinkunft, diese Synchronizität und Doppelwertigkeit in Liebe (ca. nach 20 Minuten). Die sechs Tänzer und Tänzerinnen sind alle Erste Solisten: Elisa Badenes, Miriam Kacerova, Anna Osadcenko, David Moore, Roman Novitzky, Jason Reilly. Sie besitzen das darstellerisch grandiose, ausgereifte Vermögen und die vorzüglich hohe Spannkraft, dank der virtuosen Beherrschung der klassischen Sprache, die weiten Linien zu gehen, um sie zu bündeln in einen Augenblick des großen Ausdrucks.

Der metaphysische Gehalt der Empfindung generiert eine besondere Schönheit des Tanzes. Es scheint so, als glichen die drei Paare gemeinsam in ihren Pas de deux einem Medium, das die Betrachter an die letzten Fragen heranführen, das ein Abbild sein möchte, eine Versinnbildlichung desjenigen Bildes, was während der gesamten Dauer des Tanzes auf die rückwärtige Bühnenwand projiziert wird. Indem dieses Bild auf eine Art Ur-Sprung hindeutet, eine Ur-Wellenbewegung vor Augen führt, die sich immer wieder aus sich selbst heraus still neu erzeugt, natürlich eingebettet in der Sehnsuchtsfarbe Blau, wirkt es wie eine lustvolle Provokation oder Stimulation, der unendlichen Tiefe und der ewigen Bewegung seiner selbst, dem eigenen Meereshimmel im Tanz – wie sonst – nachzuspüren.

Die Choreographie wagt nichts weniger als den Versuch, der dichten Durchsichtigkeit der Stille, diesem reinen Kristall, durch
Mimesis in immer wiederkehrenden Variationen beliebig nahe zu kommen, in achtsamer Kooperation mit der wie gläsern pyramidal wirkenden Klavierstimme, beide, der Tanzleib und der Klangleib, erfüllen mit ihrem kristallinen Ruf den Raum, als wollten sie die Dämme der Stille fluten, daß sie jeden Mund, überhaupt jedes Antlitz und jede Bewegungslinie ergreife, als wollten sie gleichsam die DNA der Stille auswickeln. Es ist ein Versuch, aber was bleibt ist die Manifestation, daß diese Spiegelung nur mit und in Liebe geht, verständig, zugehörig, symbiotisch.

Diese große Choreographie ist zeitgenössisch in jeder Zeit. Sie paßt in diese Corona-Zeit. Die gesprochene Sprache erzeugt Mißverständnisse, die politischen Cluster zeigen dies heute mehr als je zuvor, sie transportiert beliebig viele Übersetzungsfehler. Die Kunst, die Musik, der Tanz, überhaupt die Poesie schlechthin hilft, tröstet, ist eindeutig, sie erschafft unendlich viele allegorische Momente, eine unendliche generative Abfolge von Bildern, dergestalt eben Schönheit, dergestalt eben Freiheits-, Autonomie-, Schutzfunktion und größtmöglicher Nenner der Conditio humana.

Das Ballett “Adagio Hammerklavier“ mit der großen Sonate für das Hammerklavier von Beethoven ist keine Freizeitgestaltung, dagegen aller Zorn und Widerstand, sondern Kunst der Inklusion von Transzendenz und Metaphysik, somit des Lebens ganzer Vielfalt, wie ein Gleichnis für die Bildung des Integrals über alle Systemrelevanzbereiche hinweg. Rolf Wollgarten


 

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